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ImpaktforschungGeologie

Österreich im Atomkrieg: Mögliche Folgen und Vorkehrungen

Ein Workshop an der ÖAW brachte Expert:innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, um über die Folgen eines Atomkrieges für Österreich zu diskutieren. ÖAW-Mitglied Christian Köberl, Geochemiker, Impaktforscher und planetarer Geologe, präsentiert im Gespräch zentrale Ergebnisse und Szenarien.

25.09.2026
"Hood" von Dona Jalufka, 2009, Öl auf Leinwand, 80 x 120 cm.
© Dona Jalufka

Was würde passieren, wenn es zu einem nuklearen Unfall oder gar zu einem Atomwaffenkrieg käme? Welche Folgen wären in Österreich zu erwarten – und wie lange würden sie anhalten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Workshop an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Expert:innen aus Natur-, Umwelt-, Medizin-, Wirtschafts-, Sozial- und Politikwissenschaften diskutierten dabei, was Österreich zu den internationalen Forschungen über die Folgen eines Atomkriegs beitragen kann. Organisiert wurde der Workshop unter anderem von ÖAW-Mitglied Christian Köberl. Der Geochemiker und Impaktforscher erklärt anlässlich des Internationalen Tags zur Abschaffung von Atomwaffen am 26. September im Gespräch, warum die Folgen eines Atomkriegs nicht nur eine Frage von Explosionen und Radioaktivität sind – und weshalb selbst ein regional begrenzter Nuklearkrieg Österreich treffen könnte.

Lehren aus Tschernobyl

Herr Köberl, was würde ein nuklearer Zwischenfall für Österreich bedeuten?

Christian Köberl: Das hängt von Größe und Ort des Ereignisses und von den meteorologischen Bedingungen ab. Bei einem Unfall oder einer Explosion in Europa wäre für Österreich insbesondere die Ausbreitung radioaktiver Stoffe relevant. Wir haben mit Tschernobyl ein reales Beispiel dafür. Nach dem Reaktorunfall 1986 wurden auch in Österreich radioaktive Isotope nachgewiesen. Besonders wichtig für Langzeit-Untersuchungen war und ist dabei Cäsium-137. Es gelangt mit Niederschlag auf Böden und kann anschließend in biologische Kreisläufe aufgenommen werden.

Tschernobyl zeigt, dass radioaktive Kontamination keine politischen Grenzen kennt.

Was lässt sich aus Tschernobyl lernen?

Köberl: Tschernobyl zeigt, dass radioaktive Kontamination keine politischen Grenzen kennt. Radioaktive Stoffe können über große Entfernungen transportiert werden und anschließend in Böden, Pflanzen und Tieren weiterwirken. Wir untersuchen gemeinsam mit Kolleg:innen aus der Ukraine solche langfristigen Prozesse. Die Frage ist nicht nur: Wo wurde Radioaktivität abgelagert? Sondern auch: Wie verändert sich ihre Verteilung? Wie schnell wird ein Isotop aus dem Boden entfernt? Wie gelangt es wieder in Pflanzen oder Nahrungsketten? Das ist auch für die Vorbereitung auf zukünftige Ereignisse wichtig.

Nuklearer Winter

Wäre Österreich bei einem Atomkrieg direkt betroffen?

Köberl: Österreich wäre wahrscheinlich nicht das primäre Ziel. Das bedeutet aber nicht, dass das Land von den Folgen verschont bliebe. Ein wissenschaftlich untersuchtes Beispiel ist ein hypothetischer Nuklearkrieg zwischen Indien und Pakistan. Eine Studie aus dem Jahr 2020 modellierte ein Szenario, in dem beide Länder jeweils 50 Hiroshima-große Atombomben einsetzen – also insgesamt 100 Sprengköpfe und weniger als ein Prozent des damaligen weltweiten Arsenals. Das Entscheidende ist: Die Folgen blieben nicht auf Indien und Pakistan beschränkt.

Wie sieht das konkret aus?

Köberl: Bei nuklearen Explosionen können große Mengen Ruß entstehen, insbesondere wenn Städte und andere brennbare Strukturen in Feuerstürmen geraten. Ein Teil davon kann bis in die Stratosphäre gelangen. Dort wird er nicht so schnell durch Niederschlag aus der Atmosphäre entfernt wie Partikel in der Troposphäre. Er kann sich großräumig verteilen und Sonnenlicht absorbieren. Weniger Sonnenstrahlung erreicht die Erdoberfläche, und die Temperaturen können sinken. Das wird als „nuklearer Winter“ bezeichnet. Bei dem Indien-Pakistan-Szenario wurden rund fünf Millionen Tonnen Ruß angenommen. Die Modellrechnungen ergaben einen Rückgang der globalen Durchschnittstemperatur um etwa 1,8 Grad über mindestens fünf Jahre.

Knappheit bei Mais, Weizen, Reis und Soja

Was würde das für die Ernährung bedeuten?

Köberl: Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Produktion der vier wichtigen Nutzpflanzen Mais, Weizen, Reis und Soja in den ersten fünf Jahren im globalen Durchschnitt um etwa elf Prozent zurückgehen könnte. Die Auswirkungen würden danach nicht sofort verschwinden, sondern noch weitere fünf bis zehn Jahre nachwirken. Besonders stark betroffen wären die nördlichen landwirtschaftlichen Produktionsgebiete. In der Modellrechnung könnte die Maisproduktion in den USA um fast 20 Prozent zurückgehen, in Russland sogar um etwa 50 Prozent.

In einem Eskalationsszenario könnte es innerhalb von nur einer Stunde zu einer weltweiten Verwüstung kommen.

Wie realistisch ist ein solches Szenario?

Köberl: Wissenschaftliche Modelle sind keine Vorhersagen. Sie zeigen, was unter bestimmten Annahmen passieren könnte. Genau deshalb sind sie wichtig: Man kann verschiedene Szenarien durchspielen und ihre Konsequenzen untersuchen. Ein extremes Beispiel für eine mögliche Eskalation findet sich im Sachbuch Nuclear War der US-amerikanischen Journalistin Annie Jacobsen. Sie beschreibt darin ein hypothetisches Szenario, das mit einem nordkoreanischen Nuklearangriff auf die USA beginnt. Anschließend entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit eine Kette von Entscheidungen, Fehlinterpretationen und Gegenangriffen, die schließlich zu einem globalen Nuklearkrieg führen könnte. Interessant sind die extrem kurzen Entscheidungszeiten: Bei einem Angriff mit einer Interkontinentalrakete bleibt den angegriffenen Staaten maximal eine halbe Stunde, um einen eingehenden Angriff zu erkennen, zu bewerten und über eine Reaktion zu entscheiden. In einem Eskalationsszenario könnte es innerhalb von nur einer Stunde zu einer weltweiten Verwüstung kommen.

Folgen von Stromverlust

Was passiert, wenn dabei kritische Infrastruktur ausfällt?

Köberl: Dann verstärken sich die einzelnen Probleme gegenseitig. Wenn Strom ausfällt, funktionieren nicht nur Lampen und Haushaltsgeräte nicht mehr. Auch Rechenzentren, Pumpen, Verkehrssteuerungen und viele Einrichtungen der Wasserversorgung benötigen Energie. Behörden, Krankenhäuser und Unternehmen, und natürlich auch Privatpersonen, können nicht wie gewohnt miteinander kommunizieren. Tankstellen benötigen Strom und digitale Zahlungssysteme. Elektrofahrzeuge können ohne Strom nicht geladen werden. Und beim Wasser geht es nicht nur um Trinkwasser. Auch Pumpen, Abwasserentsorgung und Kläranlagen benötigen Energie. Ein länger andauernder Stromausfall wäre deshalb nicht einfach ein Problem der Elektrizität. Er könnte eine ganze Kette weiterer Ausfälle auslösen.

Ein nukleares Ereignis wäre nicht einfach eine einzelne Katastrophe mit einem klaren Anfang und Ende. Je nach Szenario könnte es mehrere aufeinanderfolgende Krisen geben.

Wie lange könnten solche Folgen anhalten?

Köberl: Das lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Die unmittelbaren physikalischen Effekte einer Explosion treten innerhalb von Sekunden bis Minuten auf. Radioaktiver Fallout kann anschließend über Stunden und Tage große Gebiete erreichen. Die Umweltbelastung durch bestimmte langlebige Radionuklide kann Jahrzehnte andauern. Das macht die Vorbereitung so schwierig: Ein nukleares Ereignis wäre nicht einfach eine einzelne Katastrophe mit einem klaren Anfang und Ende. Je nach Szenario könnte es mehrere aufeinanderfolgende Krisen geben.

Vorsorge in Österreich

Kann sich Österreich überhaupt auf einen Atomkrieg vorbereiten?

Köberl: Sehr begrenzt. Es wäre auch falsch, den Eindruck zu erwecken, man könne sich als Einzelperson vollständig schützen. Aber Vorsorge kann trotzdem sinnvoll sein. Trinkwasser- und Lebensmittelvorräte, batteriebetriebene Radios bei einem Stromausfall und eine gewisse Unabhängigkeit von digitalen Zahlungssystemen können helfen, eine erste Krisenphase zu überbrücken. Aber die gesellschaftliche Vorbereitung ist wichtiger ein individuelles „Überlebenspakets“. Es geht um robuste öffentliche Infrastruktur, Krisenkommunikation, medizinische Versorgung, Lebensmittelversorgung und internationale Zusammenarbeit. Das wäre nicht nur für eventuelle Nuklearkriege wichtig, sondern auch für (durchaus mögliche) Folgen von Sonneneruptionen.

Österreich verfügt über Expertise, die für diese Fragen sehr relevant ist.

Welche Rolle spielt dabei die österreichische Forschung?

Köberl: Österreich verfügt über Expertise, die für diese Fragen sehr relevant ist, auch wenn wir keine Atomwaffen besitzen und keine Kernenergie nutzen. Ein Beispiel ist die Radioökologie. Wir können untersuchen, wie sich radioaktive Isotope in Böden, Wäldern und Nahrungsketten verhalten. Ein anderes Beispiel ist die Meteorologie: Sie ist entscheidend, um die Ausbreitung radioaktiver Stoffe nach einem Unfall oder einer Explosion zu modellieren.

Was atomare Explosionen mit Meteoriten gemeinsam haben

Sie selbst untersuchen auch Materialien, die bei nuklearen Explosionen entstanden sind. Was kann man daraus lernen?

Köberl: Bei einer nuklearen Explosion entstehen für sehr kurze Zeit extreme Temperaturen und Drucke. Das kann man an den Materialien untersuchen, die dabei entstanden sind. Beim Trinity-Test in New Mexico 1945 wurde der Boden durch die extreme Hitze teilweise aufgeschmolzen. Dabei entstand ein glasartiges Material, das heute als Trinitit bezeichnet wird. Wir können solche Materialien geochemisch untersuchen und analysieren, welche Minerale die extremen Bedingungen überstanden haben und wie sich chemische Elemente und Isotope verändert haben. Auch Glas aus Hiroshima wurde untersucht. Solche Materialien sind gewissermaßen geologische Archive einer extremen, sehr kurzzeitigen Energiefreisetzung.

Was hat das mit Meteoriteneinschlägen zu tun?

Köberl: Es gibt eine interessante physikalische Verbindung. Sowohl bei einer nuklearen Explosion als auch bei einem großen Meteoriteneinschlag werden in sehr kurzer Zeit enorme Energiemengen freigesetzt. Gestein kann aufgeschmolzen oder verdampft werden. Natürlich sind die Prozesse nicht identisch. Aber bestimmte physikalische und geochemische Effekte sind vergleichbar. Deshalb können Untersuchungen von Materialien aus nuklearen Explosionen auch für die Impaktforschung interessant sein – und umgekehrt.

Vernetzung der Expertisen

Was war das Ziel des Workshops an der ÖAW?

Köberl: Er war zunächst eine Bestandsaufnahme. Wir wollten herausfinden, welche wissenschaftlichen Kompetenzen es in Österreich gibt, die für die Erforschung der Folgen eines Atomkriegs relevant sind. Wir hatten Beiträge aus sehr unterschiedlichen Bereichen: von physikalischen und biologischen Auswirkungen über medizinische Fragen bis hin zu Meteorologie, Landwirtschaft, Wirtschaft, kritischer Infrastruktur und gesellschaftlichen Folgen. Auch historische Ereignisse wie Tschernobyl oder frühere Atomwaffentests spielen eine wichtige Rolle, weil man aus ihnen reale Daten über die Auswirkungen nuklearer Ereignisse gewinnen kann.

Und was war die wichtigste Erkenntnis des Workshops?

Köberl: Dass Österreich bereits viel wissenschaftliche Expertise besitzt, diese aber stärker miteinander verbunden werden muss. Der Workshop hat gezeigt, wie breit das Thema ist. Es reicht von Radioaktivität und Meteorologie über Medizin und Landwirtschaft bis hin zu Wirtschaft, kritischer Infrastruktur und internationaler Politik. Gleichzeitig wissen wir in manchen Bereichen noch zu wenig. Deshalb soll die Zusammenarbeit fortgesetzt werden. Geplant sind unter anderem eine öffentliche Veranstaltung und ein weiterer, technisch ausgerichteter Workshop.

 

Auf einen Blick

Christian Köberl ist Geochemiker und Impaktforscher an der Universität Wien. Seit 2006 ist er wirkliches Mitglied der ÖAW sowie Obmann der Kommission für Geowissenschaften der ÖAW. Von 2010 bis 2020 fungierte er als Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien.