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KlimawandelGeowissenschaften

El Niño-Experte: 2027 wird heißestes Jahr der Geschichte

Er ist noch nicht einmal auf seinem Höhepunkt, und schon jetzt zeichnet sich klar ab: Der aktuelle El Niño wird mit über 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit der stärkste, den die Mess-Geschichte kennt. Klimaforscher und ÖAW-Mitglied Gottfried Kirchengast erklärt, warum sich 2026 und 2027 zu den bislang heißesten Jahren der über zehntausendjährigen Holozän-Warmzeit aufschaukeln dürften – und was das mit einem Meteorologen namens Bjerknes zu tun hat.

16.09.2026
© AdobeStock

Dass 2024 das global bisher heißeste Jahr der Mess-Geschichte war, ist bekannt. Weniger bewusst ist vielen Menschen, was sich derzeit im Pazifik zusammenbraut – und warum es die bisherigen Rekorde schon bald übertreffen könnte. Gottfried Kirchengast, Geophysiker und Klimaforscher an der Universität Graz und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ordnet im Gespräch ein, was den aktuellen El Niño so außergewöhnlich macht.

Der jetzt anwachsende El Niño ist der stärkste, den wir bisher in Messdaten sehen.

Noch befindet sich das Phänomen in seiner Wachstumsphase, doch die Datenlage ist eindeutig. „Der jetzt anwachsende El Niño ist der stärkste, den wir bisher in Messdaten sehen”, sagt Kirchengast. Bereits im Juni hätten eigene Jahreszeitenmodellrechnungen einen außergewöhnlich starken El Niño vorhergesagt – eine Einschätzung, die sich seither auch bei der Weltmeteorologischen Organisation (WMO) offiziell verfestigt hat. Auf Basis der Messungen bis September und verlässlicher Kurzfristprognosen liege die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um den bisher stärksten El Niño handelt, je nach Modellensemble bei über 95, teils über 99 Prozent.

Wichtig zur Einordnung sei dabei, so Kirchengast, der Unterschied zwischen dieser auf Messdaten und Jahreszeitenmodellen basierenden Kurzfristprognose für 2026/27 und den langfristigen Klimamodellen, die den Zusammenhang zwischen Erderwärmung und El-Niño-Verhalten erklären.

2027 dürfte nächstes Rekordjahr werden

Brisant wird das vor allem im Zusammenspiel mit der langfristigen globalen Erwärmung, die selbst schon ein historisch beispielloses Niveau erreicht hat. Beide Effekte zusammen, so Kirchengast, dürften dazu führen, dass bereits 2026 die globale Jahresmitteltemperatur an das Rekordjahr 2024 heranreicht oder es übertrifft – obwohl sich ein El Niño erfahrungsgemäß erst in seinem zweiten Jahr voll auf die Temperaturstatistik auswirkt. Genau das war 2024 der Fall – dem zweiten Jahr des damals ebenfalls starken, aber weniger extremen El Niño.

Die Konsequenz: Wenn schon 2026 das Temperaturniveau von 2024 erreicht wird, dürfte 2027 als zweites, typischerweise stärkeres Jahr des Zyklus noch einmal deutlich wärmer ausfallen. „Dann wird das Jahr 2027 vermutlich in der globalen oberflächennahen Lufttemperatur um rund 1,7 Grad wärmer sein als das vorindustrielle Temperaturniveau”, sagt Kirchengast. Damit drohen erstmals zwei aufeinanderfolgende Jahre, die mit rund 1,6 Grad beziehungsweise 1,7 Grad deutlich über der 1,5-Grad-Marke des Pariser Klimaziels zur Begrenzung der globalen Erwärmung liegen.

Extreme El Niños in immer kürzeren Intervallen

Dass starke El-Niño-Ereignisse und langfristige Erderwärmung zusammen besonders warme Jahre ergeben, ist an sich nicht neu. Interessant ist laut Kirchengast aber eine andere Frage: Wird der El-Niño-Mechanismus selber durch den menschengemachten Klimawandel auch physikalisch verstärkt – oder handelt es sich einfach um eine natürliche Schwankung, die sich ab und zu zufällig über die langfristige Erwärmung legt?

Ein Blick in die Vergangenheit liefert erste Hinweise. Vor der, ab den 1960er- und 70er-Jahren rapide einsetzenden und emissionsbedingten Erwärmung seien wirklich starke El Niños selten gewesen: „größenordnungsmäßig vielleicht einer alle 30 Jahre”. Seit den 1980er Jahren, mit dem einsetzenden außergewöhnlich raschen Anstieg der globalen Temperatur um mittlerweile rund ein Grad, häufen sich starke Ereignisse dagegen beinahe in jedem Jahrzehnt und zuletzt in immer kürzeren Abständen: 2015/16, 2023/24 und nun schon 2026/27.

Effekt der Rückkoppelung

Den physikalischen Grund dafür liefert ein erst relativ neu verstandener Mechanismus: Durch die menschengemachte Erwärmung der bodennahen Luft erhitzt sich auch die oberste, nur einige Dutzend bis etwa hundert Meter dicke Mischungsschicht des Ozeans schneller, als sich die Wärme nach unten, also unterhalb der sogenannten Thermokline, verteilen kann. Der Ozean schichtet sich dadurch stabiler, „ähnlich wie bei einer Temperaturinversion in der Atmosphäre“, erklärt Kirchengast. Diese stabilere Schichtung erschwert die vertikale Durchmischung und begünstigt genau jenen Zustand, der einen El Niño ausmacht: schwächere Passatwinde und eine wärmere, dickere Wasserschicht im zentralen und östlichen Pazifik.

Allein dieser Effekt würde die derzeit beobachtete Stärke aber nicht erklären. Hinzu kommt eine sich selbst verstärkende Rückkopplung, benannt nach dem Meteorologen Jacob Bjerknes: Sobald die stabilere Schichtung das typische El-Niño-Muster anstößt, verstärkt sich dieses Muster durch abgeschwächte Winde, verstärkte Konvektion und zusätzlichen Warmwassertransport von selbst weiter. „Das ist eine selbstverstärkende Rückkopplung – und dafür gibt es physikalisch keinen rasch stabilisierenden Gegenprozess, weshalb der aktuelle El Nino 2026/27 wohl auch so extrem werden kann“, so Kirchengast.

Belege aus 1000 Jahren Korallendaten

Einer internationalen Forschungsgruppe gelang es mithilfe von Isotopenmessungen in Korallen, die Meeresoberflächentemperatur im Pazifik rund tausend Jahre zurück zu rekonstruieren, veröffentlicht kürzlich im Fachjournal Science. Dort, wo sich die Rekonstruktion mit echten Temperaturmessdaten überlappt, stimmen die Werte gut überein. Der zentrale Befund: Die Schwankungsbreite der Meeresoberflächentemperatur im zentralen und östlichen Pazifik war in den vergangenen Jahrzehnten statistisch signifikant höher – mit über 95-prozentiger Sicherheit – als in den natürlichen Schwankungen der letzten 1000 Jahre, und höher, als sie in Klimamodellen ganz ohne menschengemachte Erwärmung je auftritt.

„Das war der erste echte empirische Langzeit-Nachweis, dass die sehr starken El Niños der jüngsten Jahrzehnte etwas sind, das es bei rein natürlichen Schwankungen so weder in Modellsimulationen noch in Daten der letzten tausend Jahre gegeben hat", fasst Kirchengast zusammen.

El-Niños wie andere Extremwetterereignisse heftiger und häufiger

Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Nature Reviews Earth & Environment untersucht, wie sich der Mechanismus in gekoppelten Ozean-Atmosphäre-Modellen unter fortschreitender Erwärmung entwickelt. Das Ergebnis: Starke El-Niño-Ereignisse werden nicht nur intensiver, sondern auch häufiger. Das ist ein robuster Effekt, der sich in Modellprojektionen bis 2050 und 2100 unter verschiedenen Emissionsszenarien konsistent zeigt. Kirchengast zieht dafür einen Vergleich zu einem anderen Extremwetterphänomen: „So wie bei regionalen Hitzewellen wird auch hier auf globaler Skala deutlich, dass wir gleichzeitig mehr und intensivere Ereignisse bekommen – auch wenn dahinter eine ganz andere Physik steht.“

 

Auf einen Blick

Mitgliederseite von Gottfried Kirchengast


Zum Weiterlesen:


Fachliteratur zum ENSO-Klimawandel-Zusammenhang:


Aktuelle Studie zu den Korallendaten: