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Eurovision Song ContestKulturgeschichte

Grüße von Apollo und Pan: ESC steht in goldener Tradition großer Musik-Wettbewerbe

Wettstreite in der Musik haben eine lange Geschichte: Seit der Antike kämpfen begabte Kontrahent:innen um die Gunst des Publikums. Das hat nicht zuletzt eine wichtige soziale Funktion: Es stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl, sagt Musikwissenschaftlerin und ÖAW-Mitglied Melanie Unseld im Gespräch.

15.05.2026
Gemälde zeigt Apollo mit Violine und Pan mit Flöte vor einer Gruppe von Menschen
Ein antikes Beispiel für die lange kulturwissenschaftliche Tradition musikalischer Wettstreite: Der mythische Königs Midas urteilt über die Darbietung der Götter Apollo und Pan - hier auf einer Darstellung aus den 1620er Jahren.
© Gerard van Honthorst: Judgement of Midas (ca. 1620). Wikimedia/PD

Seit seiner Premiere 1956 in Lugano verbindet der Eurovision Song Contest, ehemals Grand Prix d’Eurovision, Länder, Kulturen und Generationen – und das mit einer medialen Wucht, die selbst historische Vorbilder wie die Sängerkriege der Troubadoure oder die Klavierduelle des 19. Jahrhunderts in den Schatten stellt.

Melanie Unseld, Musikwissenschaftlerin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien sowie Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), erklärt im Gespräch, welche Rolle der ESC als globale Bühne für nationale Identität und kollektives Erleben spielt – und was Georg Simmel mit dem Voting zu tun hat.

Vorläufer des Song Contests: Götter, Troubadoure und Pianisten

Der ESC ging 1956 in Lugano zum ersten Mal über die Bühne. Nach wie vor zieht er hunderte Millionen Zuschauer:innen an. Was macht ihn für die Musikwissenschaft interessant?

Melanie Unseld: Bei einem Wettbewerb zwischen Nationen denkt man zunächst wohl eher an Sportereignisse wie die alpinen Skirennen, Fußball-Weltmeisterschaften, Olympiaden etc. Der Zusammenhang von Musik und Wettbewerb mag daher auf den ersten Blick vielleicht erstaunen. Aber bei genauerem Hinsehen ist die Musikgeschichte voll von Wettbewerben. Die Idee des Wettbewerbs ist wahrscheinlich sogar so alt wie die Musik selbst. Denken wir zum Beispiel daran, wer sich mit Apoll, dem Gott der Künste, ästhetisch duelliert hat. Pan etwa, oder auch Marsyas – mit tragisch-grausamem Ausgang. Auch die Troubadoure im Mittelalter standen im Wettbewerb zueinander, trugen beispielsweise den Sängerkrieg auf der Wartburg aus.

Oder denken Sie an Wien, wo Joseph II. Opern in Konkurrenz zueinander hat aufführen lassen oder Pianisten im „Duell“ gegeneinander angetreten sind. Bevor sich also im 19. Jahrhundert die Fülle an Wettbewerben institutionalisiert hat – Chorwettbewerbe, Klavierwettbewerbe, Kompositionswettbewerbe, Gesangswettbewerbe u.v.m. –, war die Idee des Wettbewerbs schon lange in der Musikkultur verankert.

Der ESC kann auf eine lange Geschichte des Wettbewerblichen in der Musik zurückschauen.

Der ESC ist also kein neues Phänomen?

Unseld: Nein, es ist auch kein neues Format, wenngleich er aber durch seine mediale Aufmerksamkeit und Breitenwirksamkeit eine ganz eigene Dimension hat. Der ESC als Gegenstand von musikologischer Forschung kann damit auf eine lange Geschichte des Wettbewerblichen in der Musik zurückschauen. Und in der Tat ist der Forschungsschwerpunkt Wettbewerb und Musik in den Musikwissenschaften gerade ein vielbeachteter.

Eurovision und der Zeitgeist

Inwiefern spiegeln die Beiträge einzelner Jahrzehnte den jeweiligen Zeitgeist wider – musikalisch, technologisch, ästhetisch?

Unseld: In den Wettbewerbsbeiträgen lassen sich Zeitströmungen gut nachverfolgen. Jedes Jahr geht der ESC geradezu seismographisch auf aktuelle Diskurse ein. Das können gesellschaftspolitische Diskurse sein, ästhetische oder auch politische. Für die Musik gesprochen betrifft das etwa die Frage von Stimme und Gesang: von der Chanson- und Schlager-Ästhetik der früheren Jahre über den Einfluss von Dance- und Popmusik, dann auch die Phase, in der subversive Gesangs-Acts zu hören waren u.a.m.

Als 2022 das Kalush Orchestra für die Ukraine gewann, waren die Instrumente auf der Bühne eher dekorativ

Aber es betrifft auch die Performance – von der Bühnenpersona und ihren Moden bis hin zu Fragen des Musikalisch-Szenischen und der Bühnentechnik: Als zum Beispiel Abba 1974 mit „Waterloo“ den ESC für Schweden gewann, stand die vierköpfige Band mit ihren Instrumenten auf der Bühne, Klavier und Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass umringten die Sängerinnen Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad. Als 2022 hingegen das Kalush Orchestra mit „Stefania“ für die Ukraine gewann, waren die Instrumente auf der Bühne (Kontrabass und Flöte) eher dekorativ, das Szenische war eher von einer stark choreographierten Boygroup-Ästhetik dominiert. Und natürlich gehört auch das Ausreizen der bühnentechnischen Möglichkeiten inzwischen zum festen Bestandteil der Inszenierungen.

Ukraine bleibt Thema

Apropos Ukraine. Viele Länder integrieren folkloristische oder traditionelle Elemente in ihre Beiträge. Wie bewerten Sie diesen Umgang mit nationaler Musikidentität im Kontext eines internationalen Wettbewerbs?

Unseld: Gerade hierfür ist „Stefania“ ein gutes Beispiel: Ihor Didenchuk hat in diesem Wettbewerbsbeitrag eine traditionelle Einhandflöte gespielt, ursprünglich ein Hirteninstrument, das eng mit der ukrainische Volksmusikkultur verbunden ist. Diese Sopilka gibt dem Song, der ja ansonsten mit seiner rapähnlicher Gesangstechnik eher in der Hip-Hop-Kultur verankert ist, zusätzlich ein traditionelles Klangkolorit. Dies war ein ästhetisch wirkungsvoller Kontrast und – für das Jahr 2022 – auch eine klar politische Botschaft: am 24. Februar 2022 hatte Russland mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen. In „Stefania“ ging es daher auch um ukrainische Identität. Der ESC ist auf diese Weise immer wieder auch eine politische Bühne, und die Musik eine „Sprache“, die politische Botschaften transportieren kann.

Aber auch jenseits von nationalen Konflikten ist die Idee, dass Länder in einem Musikwettbewerb gegeneinander antreten, immer auch mit der Frage einer eigenen musikalischen Identität verwoben. Und hier spielen volksmusikalische Elemente oder auch musikalische Facetten einer invented tradition eine wichtige Rolle.

Musik als Bindeglied für die Gemeinschaft

Welche Rolle spielt kollektives Musikerleben – etwa bei Live-Events oder TV-Übertragungen – für das Entstehen von Gemeinschaftsgefühl?

Unseld: Für Musik ganz im Allgemeinen, aber besonders auch für Popularmusik spielt Vergemeinschaftung eine wichtige Rolle. Teil eines Musikereignisses zu sein, noch dazu eines Ereignisses in dieser Dimension, ist für Menschen von besonderer emotionaler Bedeutung. Studien belegen etwa, dass das Singen in Gemeinschaft, also etwa in einem Chor, die Lebensqualität von Menschen spürbar verbessert.

Zwei oder auch mehr Kontrahent:innen des Wettbewerbs kämpfen um ein knappes Gut, nämlich die Gunst des Publikums. 

Ähnlich stark sind auch die Emotionen, die durch die verschiedenen Facetten des ESC erfahrbar sind: das gemeinsame Hören, das körperliche Erleben von Musik, die Effekte der Bühnenshow und nicht zuletzt die Aufregung, wer wie viele Punkte bekommt und wer gewinnt. Das Publikum ist ja nicht nur passiv dabei. Georg Simmel (bekannter deutscher Philosoph und Soziologe des 19. Jahrhunderts, Anm.) hat in seiner Analyse von Konkurrenz-Verhältnissen davon gesprochen, dass es sich beim Wettbewerb notwendigerweise um eine trianguläre Beziehung handelt: die zwei oder auch mehr Kontrahent:innen des Wettbewerbs kämpfen um ein knappes Gut, nämlich die Gunst des Publikums. In dieser Triade gedacht ist Konkurrenz eine Form der Vergesellschaftung.

 

Auf einen Blick

Melanie Unseld ist Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Seit 2026 ist sie wirkliches Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der kulturwissenschaftlichen Musikwissenschaft. Im Rahmen ihres aktuellen Forschungsprojekts über Musikerfamilien arbeitet sie u.a. zu Fragen des Wettbewerbs in und zwischen Musikerfamilien.