Zwischen Kitsch und Kritik: Wer verantwortet den Eurovision Song Contest?
08.05.2026
Es ist einer der größten TV-Momente des Jahres: Bis zu 200 Millionen Menschen verfolgen den Eurovision Song Contest (ESC). Von seinen Anfängen vor 70 Jahren bis heute wird das Format von öffentlich-rechtlichen Sendern organisiert. Doch warum eigentlich? Ist der ESC ein Relikt aus der Frühzeit des Fernsehens, als die European Broadcasting Union (EBU) nach dem Zweiten Weltkrieg den technischen und kulturellen Austausch in Europa fördern wollte?
Andreas Schulz-Tomančok, der am Institut für vergleichende Medien und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Klagenfurt forscht, erklärt im Interview, warum öffentlich-rechtliche Sender trotz hoher Kosten und wachsender Kritik weiterhin die Verantwortung tragen. Denn während der Wettbewerb Diversität und Inklusion feiert, wird er gleichzeitig zum Brennglas globaler Konflikte: vom Ausschluss Russlands über Boykotte gegen Israel bis hin zur Frage, ob der ESC überhaupt noch „apolitisch“ sein kann.
Die Geschichte des ESC
Warum wird der Eurovision Song Contest (ESC) von öffentlich-rechtlichen Sendern veranstaltet? Ein Relikt aus der Frühzeit des Fernsehens?
Andreas Schulz-Tomančok: Die hohen Produktionskosten und die komplexe Infrastruktur übersteigen die Möglichkeiten der meisten Privatsender, so auch in Österreich. Unter dem Dach der European Broadcasting Union, der EBU mit Sitz in Genf, die 1950 auch als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg mitgegründet wurde, gab es gemeinsame Interessen – damals noch mit weit weniger Mitgliedern als den heutigen 113 öffentlich-rechtlichen Medienorganisationen aus 56 Ländern Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Es ging um den technischen Ausbau und um Kooperation der öffentlich-rechtlichen Organisationen innerhalb dieses Raumes. Damals waren es wenige Länder, wie das Vereinigte Königreich, Frankreich, die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Deutschland – also ein Westeuropäischen Projekt. In weiterer Folge ist erst die Idee eines gemeinsamen Musikwettbewerbs – dem Grand Prix Eurovision de la Chanson – geboren worden, der stark mit dem Gedanken einer europäischen Integration verknüpft ist und von öffentlich-rechtlichen Sendern seitdem veranstaltet wird, die die Infrastrukturen, das Know-How sowie die Verbindungen innerhalb der Rundfunknetzwerke haben.
Dass ein großes Event wie der ESC per se „völkerverbindend“ sein soll, wird von vielen Forschenden heute z. T. kritisch gesehen. Viele Studien beschäftigen sich auch beim ESC mit dem „playful nationalism“, also einen weniger-aggressiven und destruktiven Nationalismus, wie er bspw. aus Konflikten zwischen Ländern bekannt ist.
Die Reichweiten von bis zu 200 Millionen Seher:innen sprechen jedenfalls für sich: Dieses Event erreicht ein bemerkenswert breites Publikum quer durch alle Altersgruppen – und das nicht zuletzt deshalb, weil es den Herausforderungen fragmentierter Medienlandschaften mit innovativen Ansätzen begegnet. Schaut noch jemand lineares Fernsehen? Bei Super-Events dieser Dimension lautet die Antwort klar: ja. Ähnlich wie bei großen Sportereignissen versammelt sich hier ein Millionenpublikum vor dem Bildschirm – und das weit über Ländergrenzen hinweg.
Viele Leute kommen zusammen, dieser Lagerfeuergedanke wird bedient und eine kollektive Gleichzeitigkeit geschaffen.
Welche Pflichten und Spannungsfelder entstehen für öffentlich-rechtliche Sender, wenn sie ein derart kommerziell aufgeladenes Format verantworten?
Schulz-Tomančok: Einerseits werden Diversität und Inklusion hochgehalten. Andererseits verhält sich die EBU doch recht restriktiv, was etwa Werbung oder politische Inhalte angeht. Sie ist da ziemlich streng: Es gibt klare Vorgaben sowohl kommerzieller als auch politischer Natur, und es ist sogar möglich, dass Texte umgeschrieben werden. Es gab historische Beispiele, auch in jüngerer Vergangenheit, wo etwa „Facebook“ oder „Coca-Cola“ im Titel bzw. im Liedtext auftauchten und nach Prüfung der EBU umgeschrieben werden mussten.
Das spricht auch wieder für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als eine Institution mit dem Anspruch für alle einen öffentlichen Wert (Public Value) zu schaffen. In Österreich ist der ORF gesetzlich verpflichtet, die Vielfalt der Interessen aller zu berücksichtigen: § 4, Abs. 1 Ziffer 2 ORF-Gesetz. Bei privaten Sendern fehlt oftmals eine solche gesetzlich-kodifizierte Qualitätsfunktion. Mit Blick auf Länder wie Ungarn aber auch das PiS-Polen, wo öffentlich-rechtliche Medien zu Propagandainstrumente umfunktioniert worden sind, ist der Gedanke eines Rundfunks für alle, der informativ, unterhaltsam und die Interessen aller repräsentiert gerade in Zeiten zunehmender Fragmentierung und Desintegration wichtiger denn je.
Kann der ESC als Versuch gelten, so etwas wie eine gemeinsame europäische Medienöffentlichkeit herzustellen?
Schulz-Tomančok: Das ist ein recht konservativer Gedanke, der noch aus einem Massenmedium-Verständnis stammt. Ich würde es eher analog sehen zu großen Sportevents wie dem Super Bowl oder der Fußballweltmeisterschaft: Viele Leute kommen zusammen, dieser Lagerfeuergedanke wird bedient und eine kollektive Gleichzeitigkeit geschaffen. Ich würde schon sagen, dass es ein identitätsstiftendes Event sein kann – auch wenn sich dort Nationalismus und Chauvinismus im Negativen zeigen können. Die Forschung hat bspw. verschiedene Blöcke herauskristallisiert, wie den Mittelmeerraum, die Skandinavischen Länder und die Länder des ehemaligen Sozialismus, wo Solidaritäten entstehen. Andererseits wird der ESC auch zum Brennglas einer europäischen Diskussion, die nicht überall gleich geführt wird, wie etwa bei Ein- und Ausschlüssen von teilnehmenden Rundfunkanstalten.
Ein apolitisches Event?
Wie gehen öffentlich-rechtliche Sender mit der politischen Aufladung des Wettbewerbs um – etwa bei Debatten rund um Israel oder den Ausschluss Russlands?
Schulz-Tomančok: Das ist auf jeden Fall ein interessantes Spannungsverhältnis, weil der ESC ein apolitisches Event sein möchte, aber man nicht daran vorbeikommt. Allein, dass kulturelle Vielfalt zugelassen und gefördert wird – der Wettbewerb hat sich über die Jahrzehnte auch zu einem queeren Event entwickelt, das gesellschaftliche Diversität bewusst promotet – ist ja an sich schon ein politisches Statement. Dieses Jahr werden aufgrund des Boykotts einzelner teilnehmender Sendeanstalten gegenüber der israelischen Teilnahme nur 35 Länder teilnehmen. Sie fordern einen Ausschluss Israels aufgrund des gegenwärtigen Konflikts in Gaza. Dass die betreffende Rundfunkanstalt KAN sehr regierungskritisch ist und unter Druck der amtierenden Regierung Netanjahus steht, wird im europäischen Diskurs dabei oftmals ignoriert. Mit der ausbleibenden Teilnahme Irlands, Islands, Sloweniens und Co. ist der ESC eigentlich im historischen teilnehmenden Schnitt – denn es gab immer Exklusionen und Inklusionen, Länder, die sich finanziell nicht beteiligen wollten und deshalb nicht teilnehmen konnten. Interessant ist aber, dass diese politische Bühne beim scheinbar apolitischen Event dennoch bespielt wird.
Russland hat im vergangenen Jahr das Parallel-Event Intervision veranstaltet.
Welche Verantwortung haben öffentlich-rechtliche Sender, wenn der ESC zur Bühne für gesellschaftspolitische Statements wird?
Schulz-Tomančok: Öffentlich-rechtliche Sender müssen entscheiden, was sie zulassen und was sie unterbinden, etwa bei nationalen Vorentscheiden oder auf der großen Bühne. Wenn öffentlich-rechtliche Medien weiter eingeschränkt werden und solche Events nicht mehr stattfinden können, wenden sich wahrscheinlich noch mehr Leute ab – weiter hin zu nicht regulierten Medien. Was wir bereits beobachten: Milieus, die sich nicht mehr von öffentlich-rechtlichen Medien abgeholt fühlen, konsumieren zunehmend nur noch Inhalte auf digitalen Kommunikationsplattformen, wie Sozialen Medien – und dort vermehrt nicht geprüfte und z. T schädliche Inhalte. Regulationsmaßnahmen greifen nach wie vor zu kurz. Daher brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als ein Gegengewicht – und deswegen ist auch ein großes Event wie der ESC meines Erachtens dort am besten aufgehoben, um neben großen Unterhaltungsevents wie dem ESC auch guten Nachrichtenjournalismus und Fact Checking zu betreiben und gegen Desinformationskampagnen anzukämpfen. Russland hat im vergangenen Jahr das Parallel-Event Intervision veranstaltet. Es war eine Propaganda-Veranstaltung, die ein konträres Programm zum ESC darstellen sollte: gegen sogenannte „Perversionen“, gemeint sind nicht-heteronormative Verständnisse von Geschlecht und Sexualität sowie für „traditionelle Familienbilder“. Interessantes Detail: Gewonnen hat eine Transperson. Das hat sich Wladimir Putin wohl so nicht vorgestellt.
Die Zukunft des Eurovision Song Contests
Inwiefern ist der ESC in seiner jetzigen Form noch zukunftsfähig?
Schulz-Tomančok: Das Format selbst muss meines Erachtens gar nicht neu erfunden werden. Es gibt jedes Jahr Innovationen, die organisch stattfinden. Die Frage aber ist: Wo wird der Rotstift zuerst angesetzt? Im EU-Schnitt zahlt jede:r Bürger:in laut EBU 3,60 Euro pro Monat für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Laut aktuellen EBU-Zahlen geht die Finanzierung über die Länder hinweg seit 2014 um über neun Prozent zurück. Mit weniger Geld können Sendeanstalten eine große Programmvielfalt schlicht unzureichend finanzieren. Und man redet dann nicht mehr von „Luxusprodukten“, sondern von der Einsparung von journalistischen Grundprodukten und Unterhaltungsevents für alle – und das ist ein ernstzunehmendes Problem für die Demokratie.
Diese integrative Kraft des ESC sollte man nicht unterschätzen, aber auch nicht überbewerten. Und wenn es halt nur ein funkelnder Abend im Jahr ist – ich glaube, das ist etwas, was für viele Menschen die europäische Idee zumindest für diesen einen Abend hochhält.
Auf einen Blick
Andreas Schulz-Tomančok studierte Soziologie, Religionswissenschaft, Sozialanthropologie und Kommunikationswissenschaft und ist seit 2022 Nachwuchswissenschaftler am Institut für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW.
