Alarmsystem für Österreichs Alpen
13.01.2026
Ein Riss im Fels, ein Hang, der sich langsam verschiebt, ein Gipfel, der plötzlich nachgibt, Schneemassen, die ins Rutschen geraten: Große Bergstürze, Hangrutschungen oder Murgänge können für Menschen in den Bergen lebensgefährlich werden. Für Siedlungen, Verkehrswege und den Tourismus sind sie ein enormes Risiko, wie nicht zuletzt der Bergsturz von Blatten zeigte, der 2025 in der Schweiz ein ganzes Dorf auslöschte. Österreich ist aufgrund seiner alpinen Lage besonders von Naturgefahren betroffen. Der Klimawandel verschärft die Lage zusätzlich, etwa durch Starkregen in den Bergen, Gletscherrückgang und auftauenden Permafrost.
Mit einem neuen Aktionsprogramm namens GeomonitorAT startet in Österreich nun ein bundesweit koordiniertes Monitoring für große Massenbewegungen. Initiiert wurde das Programm vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, umgesetzt wird es durch die Wildbach- und Lawinenverbauung gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Forschung. Ziel ist es, mithilfe von Satellitendaten und bestehenden Beobachtungssystemen frühzeitig zu erkennen, wo sich Hänge und Felsmassen bewegen – und wo daraus Gefahren entstehen könnten.
Wissenschaftlich begleitet wird GeomonitorAT unter anderem von der Gebirgsforscherin Margreth Keiler vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Im Interview erklärt die Professorin an der Universität Innsbruck, wie das Monitoring funktioniert, welche Rolle der Klimawandel spielt – und was das für Menschen in den Bergen bedeutet.
Flächendeckender Blick
Frau Keiler, wie genau soll das neue Monitoringsystem funktionieren?
Margreth Keiler: Die Grundidee ist, unterschiedliche Datensätze zusammenzuführen, um einen flächendeckenden Überblick für ganz Österreich zu bekommen. Dafür werden vor allem Satellitendaten aus der Fernerkundung genutzt, die von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zur Verfügung gestellt werden. Diese Daten zeigen, ob sich die Erdoberfläche verändert – also ob und wo sich Hänge bewegen, wo es Verschiebungen gibt und wo die Oberfläche einsinkt zum Beispiel. Diese Informationen werden dann mit bestehenden und teils lokalen Daten kombiniert. So kann man erkennen, wo es Bewegungen gibt, die mit Naturgefahren zusammenhängen könnten – etwa Felsbrocken, die sich verschieben, Rutschungen, die langsam in Gang kommen, oder größere Felsmassen, wie wir sie etwa beim Felssturz am Fluchthorn gesehen haben, wo der Gipfel um rund 19 Meter abgesackt ist.
Auch abgelegene Regionen, in denen sonst niemand systematisch hinschaut, werden erfasst.
Worin liegt der Unterschied zu dem, was bisher schon beobachtet wurde?
Keiler: Bisher werden vor allem jene Bereiche genauer beobachtet, in denen es bereits zu Ereignissen gekommen ist – vor allem, wenn Siedlungen, Straßen oder andere Infrastrukturen betroffen sind. Dort gibt es oft lokale Monitoringsysteme. Was jetzt neu ist, ist der flächendeckende Blick: Auch abgelegene Regionen, in denen sonst niemand systematisch hinschaut, werden erfasst. Beim Fluchthorn etwa war es eher Zufall, dass die Veränderung so schnell erkannt wurde. Mit dem neuen System sollen solche Prozesse systematisch identifiziert werden. Wenn man dann sogenannte Hotspots erkennt, werden diese vor Ort genauer untersucht, um zu klären, ob tatsächlich eine Gefahr für Menschen, Infrastruktur oder stark frequentierte Wege besteht.
Was passiert, wenn ein gefährlicher Bereich erkannt wird?
Keiler: Dann folgt der zweite Schritt: eine genauere Risikoabschätzung. Man schaut sich an, welche Gebäude, Verkehrswege oder Versorgungsleitungen betroffen sein könnten. Darauf aufbauend kann man Maßnahmen setzen – etwa Sperren, gezieltes lokales Monitoring mit hochauflösenden Messsystemen oder andere Vorsorgemaßnahmen. Die Satelliten liefern zwar regelmäßig Daten, aber nicht täglich. Wenn sich zeigt, dass irgendwo etwas in Bewegung ist, wird vor Ort ein dichteres, zeitlich und räumlich genaueres Monitoring installiert.
Was der Klimawandel verändert
Wer soll das Monitoringsystem nutzen?
Keiler: Das Monitoring ist in erster Linie ein Instrument für Expert:innen, für Gemeinden, für Infrastrukturbetriebe oder für Verantwortliche in Skigebieten und bei Wanderwegen. Es geht darum, Entscheidungsgrundlagen für Schutzmaßnahmen zu liefern. Die Informationen werden dann in konkrete Maßnahmen übersetzt: Wege werden gesperrt, Warnhinweise aufgestellt oder Anrainer informiert. Es ist also nicht so wie beim Lawinenwarndienst, wo jede Person selbst täglich nachschauen kann. Ob es in Zukunft auch öffentlich zugängliche Kommunikationsformen geben wird, kann ich derzeit noch nicht sagen – das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt und wird gerade aufgebaut.
Welche Rolle spielt der Klimawandel bei diesen Massenbewegungen?
Keiler: Der Klimawandel hat Einfluss auf die Bewegungen in den Bergen. Es kommt zum Beispiel zu Veränderungen aufgrund von Niederschlägen. Und es spielt eine Rolle, wann es aufgrund von höheren Temperaturen zur Schneeschmelze kommt. Wenn Gletscher zurückgehen, entstehen etwa steilere Felswände, und die Spannungsverhältnisse im Fels verändern sich und es kann zu Bewegungen kommen. Auch das Auftauen von Permafrost, der Material zusammenhält, kann ein Risiko sein. All das beeinflusst, wie stabil Hänge sind und ob sich Material lösen kann. Das Monitoring hilft uns, diese Veränderungen besser zu erfassen und zu verstehen, wo sich neue Gefahren entwickeln könnten.
Sicherheit in den Bergen
Dass große Felsmassen abbrechen können, sehen wir auch bei uns.
Der Bergsturz in Blatten in der Schweiz hat gezeigt, welche Dimensionen solche Ereignisse annehmen können. Sind solche Szenarien auch in Österreich möglich?
Keiler: In Blatten gab es bereits lange davor ein Monitoring, weil es immer wieder kleinere Ereignisse gegeben hatte. Dadurch konnte rechtzeitig evakuiert werden – das zeigt, wie wichtig Monitoring ist. Die konkrete Situation in Blatten ist in Österreich so nicht typisch, weil unsere Gletscher meist weiter von den Siedlungen entfernt liegen. Dass große Felsmassen abbrechen können, sehen wir aber auch bei uns, wie etwa am Fluchthorn. Dort war der Siedlungsraum allerdings nicht direkt betroffen. Wichtig ist aber auch, sogenannte Kaskadenprozesse zu erkennen: Wenn Material abstürzt, kann es Bäche aufstauen, Dämme können brechen und Flutwellen entstehen, die weiter unten Ortschaften erreichen. Auch solche Zusammenhänge wollen wir mit dem Monitoring besser erfassen, sowohl für die Forschung als auch für die praktische Gefahreneinschätzung.
Viele Menschen fragen sich: Wie sicher sind die österreichischen Berge heute noch?
Keiler: Es verändert sich einiges, und viele Wege in den Bergen wurden vor Jahrzehnten angelegt – unter ganz anderen Bedingungen. Gleichzeitig sind heute sehr viele Menschen in den Bergen unterwegs. Insgesamt kann das zu mehr Gefahren führen. Grundsätzlich beobachten die Betreiber von Wegen und Skigebieten die Situation und versuchen, rechtzeitig zu warnen oder zu sperren. Was wir aber auch sehen: Manche Menschen überschätzen sich, ignorieren Warnungen oder verlassen sich darauf, dass im Notfall schon Hilfe kommt. Das ist nicht nur ein Thema für Touristinnen und Touristen, sondern betrifft auch Einheimische. Es spielen viele Faktoren zusammen: gesellschaftliche Veränderungen, Social Media, digitale Navigation, das Gefühl, jederzeit überall hingehen zu können. Deshalb entstehen Risiken nicht nur durch Naturprozesse oder Klimawandel, sondern auch durch menschliches Verhalten. Es sind sehr viele Faktoren, die zu mehr Schadensereignissen führen können.
Auf einen Blick
Margret Keiler hat in Innsbruck und Aberdeen Geographie studiert. Von 2011 bis 2020 war sie Dozentin für Geomorphologie, Naturgefahren- und Risikoforschung am Geographischen Institut der Universität Bern. Seit 2021 ist sie Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie Professorin am Institut für Geographie der Universität Innsbruck.