Nahost-Expertin: Huthis sind viel mehr als eine rebellische Miliz
12.10.2026
Sie greifen Ziele auf der Arabischen Halbinsel, im Roten Meer und im Golf von Aden an, bieten Mächten wie Saudi-Arabien die Stirn und setzen globale Lieferketten unter Druck. Die Huthis, einst als regionale Bewegung im nördlichen Hochland des Jemen entstanden, haben sich zu einem Machtfaktor mit globalem Einfluss entwickelt. Doch wer sind die Huthis eigentlich? In der medialen Debatte werden sie oft nur als „Miliz“, „Rebellen“ oder „iranische Proxies“ bezeichnet. Marieke Brandt, Jemen-Expertin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), hält diese Begriffe für verkürzt. Die Bewegung, die sich selbst Ansar Allah nennt, ist aus einer religiösen Erneuerungsbewegung der Zayditen im Norden des Jemen hervorgegangen – und kontrolliert heute den bevölkerungsreichsten Teil des Landes.
Im Interview erklärt Brandt, wie die Huthis so mächtig werden konnten, welche Rolle Krieg, Iran und Saudi-Arabien dabei spielten, warum ihre Herrschaft im Inneren autoritär ist – und weshalb ihr Aufstieg weit über den Jemen hinaus Bedeutung hat.
“Gottes Helfer”
Frau Brandt, wer sind die Huthis überhaupt?
Marieke Brandt: Die Huthis nennen sich heute eigentlich Ansar Allah, das bedeutet „Gottes Helfer“. Sie sind eine islamistische Bewegung, die in den 1990ern aus einer Erneuerungsbewegung der Zayditen im nördlichen Hochland des Jemen hervorgegangen ist. Die Zaydiyya ist eine besondere Form des Schiismus, die dort heimisch ist. Die Bewegung wurde von Beginn an von Mitgliedern der al-Huthi-Familie angeführt, daher der Name. Der Gründer, Husayn al-Huthi, wollte eine Erneuerung der Zaydiyya, die damals unter ihrem Bedeutungsverlust litt, weil der Staat sunnitische Gruppen bevorzugte und gezielt förderte. Diese Politik wurde von Saudi-Arabien unterstützt und finanziert.
Palästina stand von Beginn an im ideologischen Zentrum dieser Bewegung.
Gleichzeitig ist die Bewegung auch eine Antwort auf globale Entwicklungen, besonders die Zweite Palästinensische Intifada (2000-2005) und nach dem 11. September 2001 der amerikanisch angeführte „War on Terror“, von dem sich viele Muslime bedroht fühlten. Palästina stand von Beginn an im ideologischen Zentrum dieser Bewegung, weil Palästina als das zentrale Symbol der Erniedrigung der muslimischen Gemeinschaft durch den imperialen Westen gesehen wurde. Husayn al-Huthi war ein glühender Bewunderer von Khomeini und der iranischen Revolution 1979, kritisierte aber gleichzeitig den iranischen Zwölfer-Schiismus aus seiner zayditischen Perspektive. Nach seinem Tod 2004 übernahm sein jüngerer Halbbruder Abdulmalik al-Huthi die Führung, die er bis heute innehat. Aus einem lokalen Protest ist inzwischen eine Bewegung geworden, die weite Teile des Jemen und dessen staatliche Strukturen kontrolliert.
Aufstieg nach dem arabischen Frühling
Die Huthis stammen ursprünglich aus einer abgelegenen Bergregion im Norden des Jemen. Wie konnten sie zu einem so einflussreichen politischen und militärischen Akteur werden?
Brandt: Ihr Aufstieg erklärt sich aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Erstens führten sie zwischen 2004 und 2010 sechs Kriege gegen die jemenitische Zentralregierung unter dem damaligen Präsidenten Salih. Diese Kriege haben sie militärisch gestärkt und politisch radikalisiert. Ich habe mich in meinem ersten Buch mit dieser frühen Entwicklung der Bewegung auseinandergesetzt. Meiner Meinung nach haben sich damals in diesen Kriegen sehr viele Menschen den Huthis nicht wegen religiöser oder ideologischer Überzeugungen angeschlossen, sondern weil sie, oft gegen ihren Willen, in den immer weiter ausufernden Konflikt hineingezogen wurden, in dem die damalige Regierung extrem brutal vorging.
Erst nach 2010 begannen die Huthis, sich wieder auf ihr religiös-ideologisches Programm zu konzentrieren und dieses in die Praxis umzusetzen. So nutzten sie ihre Machtbasis, die in den Kriegen entstanden war, und das Machtvakuum, das nach dem Arabischen Frühling 2011 und dem Zusammenbruch der Übergangsregierung entstand.
Konflikt mit Saudi-Arabien, Allianz mit Iran
Welche Rolle spielten der jemenitische Bürgerkrieg, regionale Machtverschiebungen und internationale Akteure für ihren Aufstieg?
Brandt: Die Bezeichnung „Bürgerkrieg“ trifft nicht wirklich zu, weil ausländische Beteiligung immer extrem groß war und sich der Konflikt auch schon 2010 internationalisiert hatte, als Saudi-Arabien auf Seiten der damaligen Regierung in den Konflikt einstieg. Im September 2014 nahmen die Huthis die Hauptstadt Sanaa ein und stürzten die international anerkannte Regierung. Das führte 2015 zur militärischen Intervention einer von Saudi-Arabien und den Emiraten geführten Koalition. Die Koalition konnte die Huthis ebenfalls militärisch nicht besiegen, und der Krieg mit seinen verheerenden Luftangriffen auf zivile Ziele bestätigte das mächtige Narrativ der Huthis, nämlich das des Widerstands gegen Aggression imperialer Mächte.
Huthis sind keine Marionetten Teherans
Iran als Patron schiitischer Bewegungen interessiert sich ebenfalls seit 2010 für die Huthis und hat sie seither mit Waffen, Technologie und Know-how aufgebaut. Die Huthis haben das gern angenommen, sind aber keine Marionetten Teherans. Die Beziehung ist eher eine strategische Partnerschaft, also politische und militärische Kooperation bei gleichzeitiger religiöser und nationaler Eigenständigkeit.
Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer
Warum sind die Huthis heute nicht mehr nur für den Jemen relevant, sondern auch für den internationalen Handel und die Sicherheit im Roten Meer?
Brandt: Seit Ende 2023 greifen die Huthis gezielt Handelsschiffe bestimmter Nationen im Roten Meer und im Golf von Aden an, eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Seit 2023 hatten sie das mit der Solidarität mit den Palästinensern im Gaza-Krieg begründet. Heute dienen die Angriffe auch dazu, sich als regionaler Akteur zu inszenieren und ihre Verhandlungsposition zu stärken. Die Folgen bekommen wir alle zu spüren, weil Reedereien das Rote Meer meiden, Versicherungsprämien steigen und Lieferketten gestört werden. Diese Bewegung beeinflusst damit, was sich in unseren Supermarktregalen befindet und was nicht, und wie hoch die Rechnung beim Tanken ausfällt. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung.
Sie sind keine „waffenschwingenden Stammeskrieger“, sondern verfügen über modernste Waffen.
Werden die Huthis in der öffentlichen Debatte oft zu stark vereinfacht dargestellt?
Brandt: Ja, erheblich. Die gängigsten Vereinfachungen sind: Erstens die Darstellung der Huthis als „iranische Proxies“. Das ist ein sehr unterkomplexer Blickwinkel, weil die Huthis eine eigenständige Entstehungsgeschichte, eigenständige Ziele und eine eigenständige religiöse Identität haben. Die Beziehung zu Iran ist real und wichtig, aber sie ist nicht die ganze Erklärung. Zweitens die Bezeichnung als „Rebellen“ oder „Miliz“. Die Huthis kontrollieren seit über einem Jahrzehnt den bevölkerungsreichsten Teil des Jemen, betreiben Ministerien, erheben Steuern und haben eine eigene Außenpolitik. Die Begriffe „Rebellen“ und „Miliz“ werden dem nicht mehr gerecht. Drittens sind sie keine „waffenschwingenden Stammeskrieger“, sondern verfügen über modernste Waffen. Und schließlich wird auch oft übersehen, wie repressiv die Huthi-Herrschaft nach innen ist, gegenüber Frauen, Minderheiten, Journalisten und politischen Gegnern. Das anti-imperialistische Widerstandsnarrativ, das nach außen so wirkungsvoll ist, verdeckt ihre eigenen autoritären Unterdrückungspraktiken im Inneren. Trotzdem haben die Huthis aber auch viele Anhänger, weil sie den Jemeniten internationale Sichtbarkeit und ein neues Selbstbewusstsein gegeben haben, weil sie Palästina proaktiv unterstützen und die Marginalisierung der Zaydis beendet haben.
Autoritäre Herrscher
Was bedeutet der Aufstieg der Huthis für die aktuelle politische Situation im Jemen und für die Menschen vor Ort?
Brandt: Für die Menschen im Jemen ist die Lage schwierig. Die Luftangriffe durch die saudisch geführte Koalition und die Blockadepolitik haben eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt verursacht. In den Huthi-kontrollierten Gebieten leben die Menschen unter einem zunehmend autoritären System, das ideologische Konformität einfordert und abweichende Meinungen rigoros unterdrückt. Gleichzeitig haben die Huthis in einigen Bereichen durchaus funktionale Strukturen aufgebaut. Zum Beispiel haben sie in die eigene Landwirtschaft investiert, mit durchaus beachtlichen Ergebnissen. Politisch hat ihr Aufstieg den Jemen tief gespalten. Eine Wiedervereinigung des Landes unter einer gemeinsamen Regierung ist kaum noch vorstellbar.
Die Huthis sind gekommen, um zu bleiben. Die Frage ist, in welcher Form.
Wie könnte sich die Rolle der Huthis in den kommenden Monaten oder Jahren weiterentwickeln? Welche Entwicklungen beobachten Sie besonders genau?
Brandt: Ich werde zwar meistens zu außenpolitischen und internationalen Dimensionen befragt, aber ich selber interessiere mich vor allem für das, was im Inneren der Bewegung passiert, was ich und mein Team auch in dem ERC Projekt IDEO-YEMEN an der ÖAW untersuchen, also ihre geschichtlichen, religiösen und kulturellen Dimensionen. Eine der zentralen und interessantesten Fragen für mich persönlich ist, ob die Huthis tatsächlich noch daran arbeiten werden, den modernen, partizipatorischen Staat zu verwirklichen, den sie ihren Anhängern in der sogenannten „Nationalen Vision“ versprochen haben, von dem sie sich aber immer weiter zu entfernen scheinen, weil Elitismus, Korruption und Machtmissbrauch um sich greifen. Und welche Antworten werden sie finden, wenn ihnen das nicht gelingt und die Bevölkerung irgendwann dafür Rechenschaft fordern wird? Die Huthis sind gekommen, um zu bleiben. Die Frage ist, in welcher Form.
Auf einen Blick
Marieke Brandt ist Sozialanthropologin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie forscht zur Sozial- und Ideengeschichte des Jemen, darunter zur Ansar-Allah-/Huthi-Bewegung im nördlichen Hochland des Jemen. Brandt hat mehrere Jahre im Jemen gelebt und gearbeitet. In ihrem ERC-AdG-Projekt IDEO-YEMEN untersuchen sie und ihr Team die Entstehung und Entwicklung der Huthi-Ideologie. Zu ihren Publikationen zählt unter anderem die Monografie Tribes and Politics in Yemen: A History of the Houthi Conflict (2017), die 2018 mit dem „Beste Publikation“-Preis der ÖAW ausgezeichnet wurde.
