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GeopolitikIranistik

Revolutionsgarden, Präsident oder Parlament: Wer lenkt die Außenpolitik des Iran?

Im Iran wirken Krieg, Sanktionen, Machtkämpfe und gesellschaftliche Vielfalt zusammen. ÖAW-Iranist Florian Schwarz erklärt, welche Rolle Revolutionsgarden, Regierung, Parlament und Diaspora spielen – und was oft übersehen wird.

19.08.2026
Foto des Platzes vor der Emamzadeh-Saleh-Moschee in Teheran
Der Iran ist auch in der Außenpolitik ein vielfältiges Land - religiöse wie staatliche Institutionen bestimmen den Kurs.
© AdobeStock

Ein Krieg nach außen, Machtkämpfe im Inneren, Druck auf die Bevölkerung: Die aktuelle Lage im Iran ist schwer zu überblicken. Seit Monaten prägen militärische Eskalation, fragile Waffenruhen und diplomatische Vermittlungsversuche die Region. Zuletzt rückte auch die Straße von Hormus wieder stark in den Fokus: Iran verhandelt mit Oman über Regelungen für die wichtige Wasserstraße, durch die vor dem Krieg rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases transportiert wurde. Reuters berichtete zudem über iranische Vorschläge, US-amerikanischen, israelischen und anderen als „feindlich“ eingestuften Schiffen die Durchfahrt zu erschweren oder Gebühren aufzuerlegen.

Zugleich ist offen, wie sich das politische System im Iran nach einem möglichen Ende der Kämpfe neu ordnen könnte. Denn Iran wird nicht von einem einzigen Machtzentrum gesteuert. Regierung, Parlament, Revolutionsgarden, wirtschaftliche Stiftungen und religiöse Autoritäten haben unterschiedliche Rollen und Interessen. Florian Schwarz, Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ordnet ein, wer im Iran tatsächlich Einfluss hat, wie außenpolitische Entscheidungen entstehen, was Sanktionen bewirken – und welche Aspekte in der breiten Öffentlichkeit oft übersehen werden.

Manchmal wirkt es wie ein Pokerspiel, das nicht im Hinterzimmer stattfindet, sondern öffentlich.

Wie würden Sie die aktuelle Lage im Iran beschreiben?

Florian Schwarz: Wir befinden uns im Moment in einer sehr dynamischen Situation. Auf der einen Seite geht es um die Kriegsentwicklung, bei der noch sehr viel offen ist. Manchmal wirkt es wie ein Pokerspiel, das nicht im Hinterzimmer stattfindet, sondern öffentlich. Die Akteure und die Karten sind bekannt, aber es wird dennoch weitergespielt.

Die große Frage ist: Wenn der Krieg tatsächlich vorbei sein wird, wie wird Iran dann aussehen? Wie werden sich die verschiedenen Akteure, die im Iran das Sagen haben, nach dem Ende des Krieges neu sortieren?

Revolutionsgarden, Präsident und weitere Player

Wer sind denn die Akteure? Welche Rolle spielen etwa die Revolutionsgarden?

Schwarz: Die Islamische Republik Iran ist nach der Revolution unter anderem dadurch charakterisiert, dass es verschiedene Akteure gibt, die in einem delikaten Gleichgewicht gehalten wurden und sich auch gegenseitig kontrollieren sollten. Einer der wichtigsten Akteure sind die Revolutionsgarden.

Historisch sind sie als Bewahrer der Revolution aus islamistischen Milizen hervorgegangen, die Ajatollah Khomeini sehr schnell neu organisiert hat. Sie sollten sich vom regulären Heer unterscheiden – und das tun sie bis heute. Die Revolutionsgarden sind auch für internationale Einsätze zuständig und haben außerdem eine unglaubliche wirtschaftliche Macht aufgebaut. Wichtig ist: Sie stehen unter der Kontrolle des Revolutionsführers. Sie sind also nicht der Regierung oder dem Parlament verantwortlich.

Bemerkenswert ist, dass Präsident Peseschkian und sein Regierungsapparat (...) derzeit größere Handlungsfähigkeit zu erreichen versuchen.

Und die zweite große Säule ist das Parlament und der Regierungsapparat des Präsidenten, also jene Institutionen, die wir eher als politische Institutionen kennen. Das Parlament ist eher konservativ geprägt und die Rolle des Parlamentspräsidenten Mohammad Bagher Ghalibaf ist für den Moment sehr wichtig, sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch, weil er als der Verhandlungsführer in den direkten oder indirekten Gesprächen mit den USA gilt. Bemerkenswert ist, dass Präsident Peseschkian und sein Regierungsapparat, der eigentlich immer als schwächere Institution galt, offenbar derzeit größere Handlungsfähigkeit zu erreichen versuchen.

Auch große wirtschaftliche Stiftungen spielen eine Rolle, teilweise in enger Verbindung mit stark ideologisierten Gruppen, die sich eine permanente Revolution auf die Fahnen geheftet haben.

Unbestimmte Rolle der Huthis

Die Huthis im Jemen greifen seit dem Gaza-Krieg Schiffe im Roten Meer an und gelten als Iran-nahe Bewegung. Sind sie ein verlängerter Arm Irans – oder wie sollte man ihre Rolle einordnen?

Schwarz: Grundsätzlich stehen sie im größeren Kontext politischer Bewegungen im Nahen Osten, die dem Iran nahestehen, auch wenn sie nicht unter direkter Kontrolle der Revolutionsgarden oder Irans stehen. Inwieweit militärische Aktionen der Huthis tatsächlich mit Iran koordiniert werden, ist schwer zu beurteilen. Auch unter Expert:innen gehen die Einschätzungen dazu auseinander. Man sollte also vorsichtig sein, sie einfach als direkt gesteuerten Teil iranischer Politik zu verstehen.

Hormus als Spielball

Wie werden außenpolitische Entscheidungen im Iran getroffen?

Schwarz: Eigentlich liegen außenpolitische Entscheidungen bei der Regierung des Präsidenten, und die Rolle des iranischen Außenministers ist seit dem Krieg sichtbarer und stärker geworden. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Kriegssituation, und die prägt außenpolitische Entscheidungen sehr stark.

Hier werden auch die Spannungen zwischen den verschiedenen politischen Akteuren in Iran deutlich. Wir haben auf der einen Seite die außenpolitische Strategie der Regierung. Auf der anderen Seite spielt auch das Parlament eine wichtige Rolle, insbesondere der Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, der in den Gesprächen mit den USA als sehr einflussreich gilt. Dazu kommen die Revolutionsgarden und andere Machtzentren.

Ein Beispiel, an dem man das gut sieht, ist der Umgang mit der Straße von Hormus. Im Parlament hat es immer wieder – und auch jetzt erneut –Bestrebungen gegeben, den rechtlichen Status der Straße von Hormus aus iranischer Sicht neu zu definieren und Iran dort einen stärkeren Zugriff zu ermöglichen. Die Außenpolitik der Regierung hat hier eher versucht zu bremsen, weil befürchtet wird, dass dadurch ihre außenpolitischen Handlungsfreiräume eingeschränkt werden.

Wir dürfen uns jedenfalls nicht vorstellen, dass Iran eine klare, monolithische Außenpolitik hat.

Wenn etwa durch ein Gesetz festgelegt würde, dass die Straße von Hormus stärker unter iranischer Kontrolle steht, dann wäre die iranische Regierung rechtlich daran gebunden. Das würde auch ihre Verhandlungsmöglichkeiten einschränken. Hier gibt es also durchaus unterschiedliche Richtungen, und die Dynamik des Krieges spielt eine große Rolle dafür, wohin sich das entwickelt.

Wir dürfen uns jedenfalls nicht vorstellen, dass Iran eine klare, monolithische Außenpolitik hat. Außenpolitik wird tatsächlich politisch debattiert und ausgehandelt, und es gibt verschiedene Optionen.

Präsident Massud Peseschkian ist vor den beiden Kriegen, die er als Präsident erlebt hat – im letzten Sommer und seit dem Spätwinter –, eigentlich vor allem mit innenpolitischen Anliegen angetreten. Zugleich hatte er aber auch das Ziel, Iran wieder stärker als internationalen Partner sichtbar zu machen, die Atomgespräche wieder in Gang zu bringen und zu einem Abkommen zu gelangen. Das ist nach wie vor eines der außenpolitischen Kernanliegen der Regierung Peseschkian. Durch die Kriege ist diese Debatte aber natürlich wieder in eine andere Richtung gedrängt worden.

Zwiespältige Auswirkungen der Sanktionen

Welche Bedeutung haben religiöse Autoritäten – und wo stoßen sie an ihre Grenzen?

Schwarz: Die Bedeutung religiöser Autoritäten ist im Großen und Ganzen geringer geworden. Ich glaube nicht, dass religiöse Autoritäten derzeit noch eine entscheidende Rolle in der Gestaltung iranischer Politik spielen.

Verändern Sanktionen die Machtverhältnisse im Iran?

Schwarz: Die Sanktionen haben Iran insgesamt über die Zeit sehr schwer belastet. Ihre Auswirkungen sind massiv. Aber wie häufig bei Sanktionen gibt es auch Bereiche, die davon profitieren können oder zumindest weniger stark beeinträchtigt werden. Die Revolutionsgarden haben zum Beispiel Möglichkeiten, Sanktionen zu umgehen oder sogar von ihnen zu profitieren. Dadurch werden eher jene Kräfte gestärkt, die solche Umgehungsstrukturen kontrollieren – und nicht die moderaten politischen Kräfte.

Krieg verschärft wirtschaftliche und ökologische Probleme

Wie erleben Menschen im Iran den Konflikt im Alltag?

Schwarz: Das ist von außen nicht einfach zu beurteilen. Es gibt aber einige klare Faktoren. Der wirtschaftliche Druck ist durch den Krieg noch einmal massiv verstärkt worden. Auch die ökologische Krise hat sich verschärft. Die konkreten Auswirkungen sind regional sehr unterschiedlich. Es gibt klare Schwerpunkte der Kriegshandlungen, neben Teheran etwa an der Golfküste und auch im Westen des Landes. Große Regionen im Osten sind von konkreten Kriegshandlungen dagegen kaum betroffen.

Vor dem Waffenstillstand war das Internet weitgehend abgeschaltet, was den Kontakt zu Menschen im Iran sehr schwierig gemacht hat. Aktuell scheint das Internet wieder einigermaßen zu funktionieren. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob durch den Krieg ein neuer Nationalismus entsteht und ob sich die Bevölkerung stärker hinter die Kriegshandlungen stellt. Soweit man das von hier beurteilen kann, habe ich eher den Eindruck eines Gefühls von Erschöpfung und Ratlosigkeit: Man weiß nicht, was noch kommt und welche Optionen es noch gibt.

Die Kriegssituation wurde genutzt, um sehr massiv gegen Opposition im Inneren des Landes vorzugehen.

Wichtig ist auch: Die Kriegssituation wurde genutzt, um sehr massiv gegen Opposition im Inneren des Landes vorzugehen. Unmittelbar vor Beginn des letzten Krieges hatte es eine neue Protestwelle gegeben. Während dann alle auf die Angriffe und die iranischen Reaktionen geschaut haben, ist der politische Sicherheitsapparat stark gegen oppositionelle Bewegungen vorgegangen. Auch das gehört zu den Auswirkungen auf den Alltag der Menschen im Iran.

Irans Beziehungen zu Saudi Arabien und der Golf-Region

Wie sind Irans Beziehungen zu den anderen Golfstaaten?

Schwarz: Die Beziehungen zu den Golfstaaten sind historisch unterschiedlich. Iran erhebt historisch einen Anspruch auf den Persischen Golf. Das reicht bis in die frühe Pahlavi-Zeit zurück. Oft wird vergessen, dass ein Großteil der Staaten am Persischen Golf bis Anfang der 1970er-Jahre unter britischer Kontrolle stand und erst danach unabhängig wurde.

Iran hatte zum Beispiel auch Ansprüche auf Bahrain erhoben, die dann im Zuge der Dekolonisierung und der Unabhängigkeit Bahrains aufgegeben wurden – nur wenige Jahre vor der Islamischen Revolution. Hier gibt es also einerseits Brüche durch die Revolution, andererseits aber auch deutliche Kontinuitäten.

Der Anspruch Irans auf eine zumindest hegemoniale Rolle im Persischen Golf ist auch ein nationalistischer Anspruch. Dazu gehört auch das Insistieren darauf, dass es der Persische Golf ist – und nicht einfach nur „der Golf“ oder „der Arabische Golf“, wie er manchmal genannt wird. Das ist für Iran sehr wichtig, und zwar nicht nur für die iranische Politik oder das Außenministerium, sondern für viele Iraner:innen insgesamt. Es geht hier um die regionale Rolle Irans, in der der Persische Golf eine zentrale Bedeutung hat.

Gleichzeitig gibt es Golfstaaten, zu denen Iran traditionell engere Beziehungen hat. Die arabische Seite der Golfküste ist historisch von großen schiitischen Gemeinschaften geprägt, und es gibt sehr lange historische Beziehungen über den Golf hinweg.

Der große Rivale ist Saudi-Arabien.

Der große Rivale ist Saudi-Arabien. Aber schon vor dem Krieg haben sich in den vergangenen Jahren interessante Dynamiken entwickelt, in denen Iran und einzelne Golfstaaten durchaus aufeinander zugegangen sind – zum Teil vermutlich auch weiterhin. Es zeichnen sich also auch Neuorientierungen der iranischen Außenpolitik gegenüber den Golfstaaten ab.

Das sieht man auch jetzt in der konkreten Kriegssituation, etwa daran, dass Iran und Oman intensive Gespräche führen. Dabei entstehen neue politische Dynamiken, auch mit Blick auf den Umgang mit der Straße von Hormus. Der Krieg ist in gewisser Weise in diese Neuorientierungen zwischen Iran und den Golfstaaten, einschließlich Saudi-Arabien, hineingekommen. Natürlich haben Angriffe auf amerikanische Stützpunkte in verschiedenen Golfstaaten die Lage enorm belastet. Auf der anderen Seite kommt es gerade deswegen auch zu diplomatischen Gesprächen, etwa mit Oman.

Pahlavi und die iranische Diaspora

Welche Rolle spielen Pahlavi und die iranische Diaspora?

Schwarz: Der Sohn des letzten Schahs ist in gewisser Weise noch eine Projektionsfläche für manche Iraner:innen – auch im Iran, aber viel stärker in der Diaspora. Hier sieht man eine deutliche Kluft zwischen der Wahrnehmung politischer Realitäten und Zukunftsmöglichkeiten im Iran einerseits und in der Diaspora andererseits.

Das aktuelle Oberhaupt der Pahlavi-Familie hat durchaus noch eine gewisse Strahlkraft oder stellt zumindest eine Projektionsfläche dar. Bei den letzten Protesten hat man gesehen, dass es ihm gelungen zu sein scheint, im Iran Personen zu mobilisieren. Gleichzeitig hat der iranische Sicherheitsapparat das sehr schnell unterbunden.

Klar ist: Die politische Bewegung um Pahlavi hat keine organisatorische politische Basis im Iran. Das ist in der Diaspora anders. Dort gibt es eine starke monarchistische Bewegung, die auch die Ausrichtung der Diaspora-Politik prägt. Diese Bewegung hat aber relativ wenig mit den politischen Realitäten im Iran selbst zu tun.

Iran: Ein Land der Vielfalt

Welche Aspekte zum Iran werden in den Medien oft übersehen?

Schwarz: Mir ist wichtig: Iran ist nicht nur die Hauptstadt Teheran. Iran ist ein sehr vielfältiges Land – ethnisch, religiös und kulturell. Es ist auch nicht nur ein schiitisches Land. Diese Vielfalt spielt in den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Realitäten sowie in Protestbewegungen eine große Rolle.

Häufig übersehen wird zum Beispiel die Rolle großer sunnitischer Gebiete. Insgesamt sind Sunnit:innen eine Minderheit, aber in manchen Regionen stellen sie die hauptsächliche Bevölkerung – etwa im Westen, in manchen Gebieten im Norden und besonders im Südosten an der Grenze zu Afghanistan und Pakistan. Die Spannung zwischen einem schiitisch geprägten Zentralismus und der regionalen Vielfalt des Landes ist ein wichtiger Faktor.

Iran ist keine Black Box. Es ist eine sehr vielfältige Gesellschaft. Das wird oft übersehen.

Mehr Aufmerksamkeit verdient auch die ökologische Situation im Iran: Wasser, Luftqualität und andere Umweltfragen. Iran ist hier Teil regionaler und globaler Entwicklungen.

Außerdem ist die iranische Gesellschaft sehr vielfältig und sehr wissensorientiert. Der Bildungssektor ist stark ausgeprägt – und leidet durch den Krieg ebenfalls massiv, etwa durch Online-Unterricht, Online-Prüfungen und Unterbrechungen im Universitätsbetrieb.

Was ich vor allem festhalten möchte: Iran ist keine Black Box. Es ist eine sehr vielfältige Gesellschaft. Das wird oft übersehen.

 

Weitere Informationen

Florian Schwarz ist Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Honorarprofessor an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem die Geschichte Irans und Mittelasiens in islamischer Zeit, materielle Kultur, historische Geographie sowie Landschafts- und Stadtgeschichte.