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MedizingeschichteNeuerscheinung

„Zu emotional, zu schwach, zu kleines Gehirn“: Medizinerinnen blieb Anerkennung lange vorenthalten

Hebammen, Krankenschwestern, Nobelpreisträgerinnen und Chirurginnen: Frauen haben die Medizin seit der Antike entscheidend geprägt. Trotzdem mussten sie sich ihren Platz gegen hartnäckige Vorurteile erkämpfen. ÖAW-Medizinhistorikerin Daniela Angetter-Pfeiffer erzählt in ihrem neuen Buch von Pionierinnen, deren Leistungen lange unterschätzt wurden.

28.08.2026
© AdobeStock

Warum galten Frauen als ungeeignet für die Chirurgie? Weshalb mussten selbst Nobelpreisträgerinnen im Schatten ihrer Männer arbeiten? Und warum wurden Ärztinnen nach den Weltkriegen wieder aus den Operationssälen verdrängt? Medizinhistorikerin Daniela Angetter-Pfeiffer, Forscherin am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), zeichnet in ihrem neuen Buch „Bekämpft und verboten – Frauen in der Medizin“ die Geschichte jener Frauen nach, die die Medizin über Jahrhunderte geprägt haben – oft gegen erhebliche Widerstände.

Konstruierte Vorurteile

Frauen spielten in der Medizin schon immer eine wichtige Rolle. Trotzdem wurde ihnen „celebrale Unfähigkeit“ unterstellt. Gegen welche Vorurteile mussten sie ankämpfen?

Daniela Angetter-Pfeiffer: Vor allem im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Argumente konstruiert, um Frauen von den Universitäten fernzuhalten. Wiener Professoren behaupteten etwa, Frauen seien wegen ihres kleineren Gehirns geistig gar nicht in der Lage, Medizin zu studieren. Gleichzeitig hieß es, ihnen fehle sowohl die körperliche Kraft für Operationen als auch die mentale Stärke für den Arztberuf. Manche gingen sogar so weit zu behaupten, Frauen seien zu emotional, um Kranke zu behandeln. Und schließlich wurde argumentiert, ihre eigentliche Aufgabe sei es, Kinder zu bekommen. Das sind heute haarsträubende Begründungen, aber damals wurden sie ernsthaft vertreten.

Hebammen haben ihr Wissen über Generationen weitergegeben und waren gewissermaßen die Hausärztinnen der Frauen.

Dabei verfügten Frauen schon lange über medizinisches Wissen – etwa als Hebammen.

Angetter-Pfeiffer: Hebammen waren seit der Antike weit mehr als Geburtshelferinnen. Sie begleiteten Frauen während der Schwangerschaft, standen ihnen bei der Geburt zur Seite und waren oft die ersten Ansprechpartnerinnen bei gynäkologischen Beschwerden. Viele Frauen wollten oder konnten mit solchen Problemen gar nicht zu männlichen Ärzten gehen. Hebammen haben ihr Wissen über Generationen weitergegeben und waren gewissermaßen die Hausärztinnen der Frauen. Selbst Paracelsus schrieb, dass er viel von sogenannten Kräuterweiblein gelernt habe.

Pionierinnen der Medizin

In Ihrem Buch erzählen Sie aber nicht nur die Geschichte ganzer Berufsgruppen, sondern auch von außergewöhnlichen Persönlichkeiten.

Angetter-Pfeiffer: Mir war wichtig zu zeigen, wie viele Frauen trotz aller Widerstände Herausragendes geleistet haben. Ein beeindruckendes Beispiel ist Gerty Cori. Die in Prag geborene Altösterreicherin wanderte mit ihrem Mann Karl Cori in die USA aus und forschte dort zum Glykogenstoffwechsel. Obwohl sie maßgeblich an den wissenschaftlichen Arbeiten beteiligt war, durfte sie lange keine gleichwertige Position übernehmen und arbeitete zeitweise sogar unbezahlt. Erst 1947 erhielt sie gemeinsam mit ihrem Mann den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Ihr Mann betonte damals ausdrücklich, dass dieser Erfolg ohne ihre Forschungsarbeit nicht möglich gewesen wäre.

Eine Frau, deren Name bis heute bekannt ist, ist Florence Nightingale. Was machte sie so außergewöhnlich?

Angetter-Pfeiffer: Sie war weit mehr als eine Krankenschwester. Ihre große Stärke war die Organisation. Als sie während des Krimkriegs ein Militärspital übernahm, fand sie katastrophale Zustände vor. Verwundete lagen dicht gedrängt am Boden, es fehlte an sauberem Wasser, Nahrung und Hygiene. Nightingale organisierte eine bessere Versorgung, ließ hygienische Maßnahmen umsetzen und kümmerte sich darum, dass sich die Soldaten möglichst gut erholen konnten. Berühmt wurde sie als „Lady with the Lamp“, weil sie nachts mit einer Lampe durch die Krankensäle ging und nach den Verwundeten sah. Sie zeigte, dass professionelle Krankenpflege weit mehr ist als die Versorgung einzelner Wunden.

Besonders schwer hatten es Frauen offenbar in der Chirurgie. Warum gerade dort?

Angetter-Pfeiffer: Die Chirurgie galt sehr lange als Männerdomäne. Man behauptete, Frauen seien körperlich nicht stark genug oder könnten den psychischen Belastungen nicht standhalten. Gleichzeitig zeigte sich in beiden Weltkriegen ein bemerkenswerter Widerspruch: Sobald männliche Ärzte an der Front waren, wurden plötzlich auch Frauen für chirurgische Eingriffe gebraucht. Sie operierten unter schwierigsten Bedingungen und bewiesen, dass sie diesen Beruf hervorragend ausüben konnten. Kaum waren die Kriege vorbei, wurden viele wieder aus ihren Positionen verdrängt und dieselben Argumente gegen sie vorgebracht wie zuvor.

Vorreiterin Ingrid Leodolter

Auch in Österreich gibt es Frauen, deren Leistungen heute oft auf einen einzigen Erfolg reduziert werden.

Angetter-Pfeiffer: Das gilt zum Beispiel für Ingrid Leodolter, die erste österreichische Gesundheitsministerin. Die meisten kennen sie wegen des Mutter-Kind-Passes. Dabei hatte sie viel weiterreichende Ideen. Sie setzte sich schon damals für Primärversorgungszentren ein, um Spitäler zu entlasten, Prävention auszubauen und Patient:innen nach einem Krankenhausaufenthalt besser betreuen zu können. Viele dieser Überlegungen beschäftigen uns bis heute. Leider konnte sie sich mit vielen ihrer Reformen politisch nicht durchsetzen.

Spielte es eine Rolle, dass sie eine Frau war?

Angetter-Pfeiffer: Davon bin ich überzeugt. Frauen mussten sich in Führungspositionen immer mehr beweisen als Männer. Eigenschaften, die man bei Männern als Durchsetzungsstärke lobte, wurden Frauen oft negativ ausgelegt. Gerade Politikerinnen wurde weniger Zeit zugestanden, sich einzuarbeiten oder Fehler zu machen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Weiter Weg zur Gleichberechtigung

Bis wann hat es gedauert, bis alle medizinischen Bereiche erobert wurden?

Angetter-Pfeiffer: Dieser Weg war lang und keineswegs geradlinig. Beispiele wie Jenny Adler-Herzmark, eine der ersten Arbeitsmedizinerinnen, machen sichtbar, wie Frauen schon früh wichtige Impulse setzten – etwa indem sie sich nach dem Ersten Weltkrieg mit Arbeitsbedingungen, Gewerbeordnungen und Prävention auseinandersetzten und wesentlich dazu beitrugen, Arbeitsplätze sicherer zu gestalten. Gleichzeitig zeigt der Blick auf die Gegenwart, dass manche Grenzen erst sehr spät überwunden wurden. Sylvia Sperandio, die seit 2025 als erste Frau die Direktion Militärisches Gesundheitswesen des österreichischen Bundesheers im Rang einer Generalmajorin leitet, steht symbolisch für eine der letzten großen Bastionen: den Zugang von Frauen zu höchsten militärischen Führungspositionen. Ihr Beispiel zeigt, wie weit die Medizin gekommen ist – aber auch, wie lange es gedauert hat, bis Frauen in allen Bereichen tatsächlich anerkannt wurden.

 

Auf einen Blick

Zur Autorin

Daniela Angetter-Pfeiffer, in Wien geboren, hat Geschichte und Germanistik studiert und ist am Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW tätig. Als aktive Notfallsanitäterin befasst sie sich intensiv mit Medizin-, Militär-, Natur- und Wissenschaftsgeschichte sowie mit Notfall- und Katastrophenmedizin – eine Perspektive, die auch in ihr neues Buch einfließt.

Publikation:

Daniela Angetter-Pfeiffer, Bekämpft und verboten – Frauen in der Medizin, Wien: Amalthea Verlag, 2026, 320 Seiten, 30 Euro
ISBN-13: 978-3-99050-308-9