Bekämpft und verboten: Neues Buch zeigt, wie Frauen aus der Geschichte der Medizin verdrängt wurden
28.08.2026
Geschichten, die nicht erzählt werden, gehen verloren – und mit ihr die Leistungen derer, die sie geprägt haben. Das gilt in besonderem Maß für Frauen in der Medizin: Hebammen, Krankenschwestern, Chirurginnen und Nobelpreisträgerinnen, deren Namen heute kaum jemand kennt, obwohl die moderne Heilkunde ihnen wesentliche Beiträge verdankt. Hier setzt das jetzt im Wiener Amalthea Verlag erschienene Buch von Daniela Angetter-Pfeiffer, Medizinhistorikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), an.
Unter dem Titel „Bekämpft und verboten – Frauen in der Medizin“ zeigt sie auf, mit welchen fadenscheinigen Begründungen Frauen über Jahrhunderte vom Medizinstudium ausgeschlossen wurden. „Vor allem im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Argumente konstruiert, um Frauen von den Universitäten fernzuhalten“, erzählt Angetter im Interview. „Wiener Professoren behaupteten etwa, Frauen seien wegen ihres kleineren Gehirns geistig gar nicht in der Lage, Medizin zu studieren. Manche gingen sogar so weit zu behaupten, Frauen seien zu emotional, um Kranke zu behandeln“, so die Autorin.
Chirurginnen nur in Kriegszeiten gefragt
Besonders hartnäckig hielten sich diese Vorurteile in der Chirurgie, die lange als reine Männerdomäne galt – bis die beiden Weltkriege zeigten, dass Frauen ebenso hervorragende Chirurginnen waren, sobald ihre männlichen Kollegen an der Front waren. Nach Kriegsende wurden viele von ihnen dennoch wieder aus ihren Positionen verdrängt.
Angetter würdigt zudem Berufsgruppen, deren medizinisches Wissen bereits existierte, bevor Frauen eine akademische Ausbildung erhalten konnten: Hebammen begleiteten seit der Antike Schwangerschaft und Geburt und waren oft die einzigen Ansprechpartnerinnen für gynäkologische Anliegen – selbst Paracelsus berief sich auf ihr Wissen.
Pionierinnen der Medizin und Pflege
Porträtiert werden etwa Gerty Cori, die gebürtige Altösterreicherin, die den Glykogenstoffwechsel entscheidend miterforschte, dafür aber lange keine gleichwertige Position bekam, bis sie 1947 gemeinsam mit ihrem Mann den Nobelpreis erhielt. Das 2022 gegründete Cori-Institut der ÖAW in Graz erinnert an ihre Geschichte. Oder Florence Nightingale, die als „Lady with the Lamp“ im Krimkrieg zeigte, dass professionelle Pflege weit mehr ist als Wundversorgung. Auch Jenny Adler-Herzmark gehört dazu: Sie war eine der ersten Arbeitsmedizinerinnen und setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg für bessere und sicherere Arbeitsbedingungen ein.
Auf einen Blick
Zur Autorin
Daniela Angetter-Pfeiffer, in Wien geboren, hat Geschichte und Germanistik studiert und ist am Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW tätig. Als aktive Notfallsanitäterin befasst sie sich intensiv mit Medizin-, Militär-, Natur- und Wissenschaftsgeschichte sowie mit Notfall- und Katastrophenmedizin – eine Perspektive, die auch in ihr neues Buch einfließt.
Publikation:
Daniela Angetter-Pfeiffer, Bekämpft und verboten – Frauen in der Medizin, Wien: Amalthea Verlag, 2026, 320 Seiten, 30 Euro
ISBN-13: 978-3-99050-308-9
Rückfragehinweis:
Sven Hartwig
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften
T +43 1 51581-1331
sven.hartwig(at)oeaw.ac.at