Wien, 6. Bezirk: Vegansupermärkte, Nobel-Friseure, Interior-Shops, Cafés, Paläokost-Imbisse und Hipster prägen das lebhafte Straßenbild. Schwer vorstellbar, dass der ehemalige Arbeiterbezirk, im Volksmund auch Ratzenstadel genannt, früher nur von den Ärmsten der Armen bewohnt wurde. Heute zählt das einstige Rotlichtviertel, über das man einst die Nase rümpfte, unter Trendsettern zu einem der begehrtesten Wohngegenden Wiens.
Veränderungen wie sie im Wiener Bezirk Mariahilf zu beobachten sind, finden weltweit statt. In Städten wie London und New York schon seit den 1970er Jahren, als mit dem Aufkommen der Service Economy das Leben und Arbeiten in der Innenstadt für die Mittelschicht immer attraktiver wurde und man aufgrund der niedrigen Mieten in zentral gelegen, ehemalige Arbeiterbezirke zog. Das hatte eine allmähliche Aufwertung des Bezirks, eine Verbesserung der Infrastruktur und eine neue Bevölkerungsdurchmischung zur Folge. Es führte aber auch zu einem Anstieg der Lebenshaltungskosten und dadurch zu einer Verdrängung des armen und älteren Anteils der Bevölkerung. Ein Phänomen, das die Wissenschaft als „Gentrification“ bezeichnet.
New York, Berlin, Wien
Die Stadtgeographin Yvonne Franz vom ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR) wurde erstmals 2008 bei einer USA-Reise von dem Thema gepackt. Eine Universitätsexkursion unter der Leitung von ISR-Direktor Heinz Fassman führte sie unter anderem nach Chicago und New York. Für Franz war es ihr erster USA-Aufenthalt und sie war sofort von den beiden Metropolen fasziniert: „In New York haben mich die urbane Vielfalt auf kleinstem Raum und das kosmopolitische Flair beeindruckt. In Chicago wiederrum wurde ich erstmals mit dem Thema segregation konfrontiert, weil ich eine gewisse Stadtteilgrenze als Weiße nicht übertreten sollte.“ Urbane Ballungsräume und deren soziale, demografische sowie stadtpolitische Herausforderungen und Veränderungen haben die 35jährige Jungforscherin seitdem nicht mehr losgelassen.
Die aus Rosenheim bei München stammende Deutsche hat ihre Dissertation deswegen auch über Gentrification-Prozesse in New York, Berlin und Wien geschrieben. Die Studie „Gentrification in Neighbourhood Development. Case Studies from New York City, Berlin, Vienna“, die heuer bei V&R unipress erschienen ist, vergleicht die Entwicklung von Innenstadtbezirken der drei Metropolen, die auf ähnliche Weise eine Veränderung vom rauen Arbeitergrätzel zum coolen Hipsterbezirk durchlaufen haben: Williamsburg in Brooklyn, Prenzlauer Berg in Berlin und Wiens 6. Bezirk Mariahilf. Franz analysiert in ihrem Buch die politischen Strategien der Städte und bezieht dabei auch die Perspektive der Bevölkerung ein. Sie zeigt, welche Rolle Gentrification in der Stadtentwicklung spielt und bietet Empfehlungen für den politischen Umgang damit.
Gentrification 2.0
Die akademische Heimat von Yvonne Franz, das Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW, hat es sich seit dem EU-Beitritt Österreichs zum Ziel gesetzt, Themen wie die Entwicklungspotentiale europäischer Metropolregionen, Probleme des Arbeitsmarktes, Stadterweiterung und Stadterneuerung oder die Bedeutung der internationalen Zuwanderung für die europäische Stadtentwicklung systematisch zu untersuchen. Aktuell laufen am ISR zwei städtevergleichende Studien, an denen Yvonne Franz als Postdoc beteiligt ist: „Interethnic Coexistence in European Cities“ untersucht das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen in Amsterdam, Stockholm und Wien. Das Besondere an diesem Projekt: Analysiert werden auch lokale Bottom-Up-Strategien für ein besseres Zusammenleben, wie die Initiierung eines Nachbarschaftsgartens im 14. Bezirk oder Nähkurse für primär türkische Bewohnerinnen im 16. Bezirk. „Gentrification 2.0“ erforscht die Aufwertungsprozesse in den Innenstädten von Arnheim, Istanbul, Wien und Zürich.
Das Zusammenleben in der Stadt war auch Thema der Vienna Summer School in Urban Studies, die Yvonne Franz 2014 gemeinsam mit ISR-Direktor Heinz Fassmann und PostDoc Wissenschaftlerin Christiane Hintermann an der Universität Wien organisiert hat. International renommierte Städteforscher/innen diskutierten dabei in Wien unter dem Motto „Right to the City: Appropriation of Public Spaces in Transition“ über die Nutzung und Aneignung des öffentlichen Raums. Die vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds finanzierte Summer School war ein Erfolg und wird daher im nächsten Jahr erstmals am ISR in Kooperation mit der Universität Wien erneut angeboten.
Stadtentwicklung geht alle an
Bei der Frage des Return-of-Investment für die Gesellschaft ist sich Franz ganz sicher: „Es müssen empirische Grundlagen für politische Handlungen geschaffen werden. Denn Hypothesen darüber, was gut für eine Stadt ist, kann jeder aufstellen. Zum vorausschauenden Handeln sind aber belegbare Fakten und wissenschaftlich fundierte Analyse nötig.“
Im Jahr 2050 wird über 70 Prozent der Menschheit in Städten leben. Die Stadtbevölkerung wird ethnisch und sozial immer heterogener. Darauf muss sich die Gesellschaft vorbereiten. Das lässt der Stadt- und Regionalforschung und jungen Wissenschaftlerinnen wie Yvonne Franz eine wichtige und verantwortungsvolle Rolle zukommen. Denn von einer sozialverträglichen Stadtentwicklung profitieren alle – heute und in Zukunft.
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