Lithium auf Merkur entdeckt – Grazer Forscher liefern neue Einblicke in planetare Entwicklung
07.07.2025
Merkur: Kaum erforschter Planet voller Rätsel
Bislang haben nur zwei Raumsonden den Merkur besucht: die NASA-Missionen Mariner 10 (1974/75) und MESSENGER (2011-2015). Obwohl Merkur unserem Planeten recht nahe ist, zählt er aufgrund seiner extremen Lage im Gravitationsfeld der Sonne zu den anspruchsvollsten Zielen der planetaren Raumfahrt: Um eine Raumsonde in die Umlaufbahn des Merkur zu bringen, muss sie große Mengen an Energie aufwenden, um der starken Anziehungskraft der Sonne entgegenzuwirken. Das macht Missionen zum innersten Planeten des Sonnensystems außergewöhnlich aufwendig, komplex und teuer.
"Merkur besitzt keine klassische Atmosphäre, sondern lediglich eine sogenannte Exosphäre", erklärt Daniel Schmid.
"Merkur besitzt – ähnlich wie unser Mond – keine klassische Atmosphäre, sondern lediglich eine sogenannte Exosphäre", erklärt IWF-Forscher Daniel Schmid, Mitglied der Weltraumplasmaphysik-Gruppe und Erstautor der Studie. Diese bildet die äußerste, extrem dünne Hülle eines Planeten und geht nahezu übergangslos in das Vakuum des Weltraums über. "Aufgrund der geringen Dichte stoßen die Teilchen kaum miteinander zusammen und bei ausreichend hoher Geschwindigkeit können sie die Anziehungskraft des Planeten überwinden", ergänzt Ko-Autor Helmut Lammer, Leiter der IWF-Forschungsgruppe Planetenphysik im Sonnensystem.
Beide Missionen haben entscheidend dazu beigetragen, unser Verständnis des Merkurs grundlegend zu erweitern. Daten von MESSENGER wurden auch für die aktuelle Nature-Studie herangezogen.
Wissenschaftlicher Meilenstein: Entdeckung von Lithium mithilfe von Magnetfelddaten

Dem IWF-Team gelang es nun, erstmals atomares Lithium in der Exosphäre des Merkurs ausschließlich über Magnetfeldmessungen nachzuweisen. Grundlage war eine neue Methode zur Untersuchung von Exosphären mittels sogenannter Pick-up-Ionenzyklotronwellen (Ion Cyclotron Waves - ICWs) – spezieller elektromagnetischer Wellen, die durch die Wechselwirkung zwischen dem Sonnenwind und neutralen Teilchen in der Exosphäre entstehen und sich anhand von Magnetfeldmessungen eindeutig identifizieren lassen.
"Über die charakteristischen Schwingungsfrequenzen dieser Wellen können spezifische chemische Elemente – darunter Wasserstoff, Helium und erstmals auch Lithium – bestimmt werden. Aus der Stärke dieser Wellen lässt sich die Dichte der entsprechenden Ionen und ihrer Ursprungsteilchen ableiten und damit das Höhenprofil der Exosphäre rekonstruieren", erklärt Schmid. Diese neue Herangehensweise eröffnet vielversprechende Perspektiven für das Verständnis der großräumigen Struktur und chemischen Zusammensetzung planetarer Exosphären – allein durch Magnetfeldmessungen. Besonders wertvoll ist dieser Ansatz in Missionsszenarien, in denen Teilchendetektoren entweder nicht vorhanden sind oder nur begrenzt einsatzfähig sind.
Insgesamt identifizierten die Forscher zwölf Ereignisse, deren Teilchendichte mit zunehmender Entfernung zwischen rund 2.400 und 15.000 km über der Planetenoberfläche abnimmt. Eine detaillierte Analyse der Ergebnisse zeigte, dass mit großer Wahrscheinlichkeit Meteoriten mit einem Durchmesser von 20 - 40 cm beim Aufprall auf der Merkur-Oberfläche verdampften und dabei das Lithium und andere flüchtige Elemente in die Exosphäre freisetzten. "Anders als auf der Erde, wo Meteoroide in der Atmosphäre verglühen, erreichen sie auf Merkur die Oberfläche ungebremst und reichern die Exosphäre kontinuierlich an", ergänzt Lammer.

Wie kommt Lithium auf den Merkur?
Die Nähe des Merkurs zur Sonne erlaubt einzigartige Einblicke in die Bildung von Gesteinsplaneten unter extremen Umweltbedingungen. Frühere Modelle erklärten Merkurs hohe Dichte durch massive Einschläge oder durch die Verdampfung von Mantelmaterial unter der Hitze der jungen Sonne. Dementsprechend wurde lange angenommen, dass Merkur arm an flüchtigen Elementen sei. Doch Beobachtungen von MESSENGER und erdgestützte Messungen – insbesondere von Natrium und Kalium – widersprechen dieser Annahme. Die Krusten- und Mantelschicht des Planeten enthält offenbar deutlich mehr flüchtige Elemente als erwartet – vergleichbar mit jenen auf dem Mars.
"Unsere Analyse legt nahe, dass die Ablagerung von meteoritischem Material die Hauptquelle des gemessenen Lithiums ist", so Helmut Lammer.
Die aktuelle Entdeckung von Lithium stützt diese Befunde. "Unsere Analyse legt nahe, dass die Ablagerung von meteoritischem Material die Hauptquelle des gemessenen Lithiums ist", so Lammer. "Diese externen Einträge könnten die durch MESSENGER gemessene Zusammensetzung der oberflächennahen Gesteinsschichten erheblich beeinflusst – oder sogar verfälscht – haben." Damit ergeben sich neue Fragestellungen zur frühen Entwicklung von Gesteinsplaneten in unmittelbarer Sternnähe – auch mit Blick auf extrasolare Planetensysteme.
Das IWF Graz an Bord von BepiColombo

Die Doppelraumsonde BepiColombo – ein Gemeinschaftsprojekt der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und der japanischen Raumfahrtagentur JAXA – wurde 2018 gestartet und soll Ende 2026 in eine Umlaufbahn um den Merkur einschwenken, um insbesondere seine extrem dünne Exosphäre und deren dynamische Wechselwirkungen mit dem Sonnenwind zu untersuchen.
Wesentliche Beiträge zur wissenschaftlichen Instrumentierung stammen aus Graz: Das IWF ist führend am Magnetometer an Bord des japanischen Orbiters Mio und dem Ionen-Massenspektrometer an Bord des europäischen Orbiters MPO beteiligt. Mithilfe dieser Instrumente kann auch die Existenz von Lithium-Ionen gezielt nachgewiesen und deren Höhenverteilung noch präziser vermessen werden – eine entscheidende Voraussetzung, um frühere Entdeckungen zu bestätigen und weiterführende Rückschlüsse auf die Herkunft flüchtiger Elemente auf dem Merkur zu ziehen.
Why space research matters - Merkurforschung
Die Erforschung des Merkurs benötigt Messinstrumente, wie sie am IWF für BepiColombo entwickelt wurden und für Technik und Wissenschaft ein große Herausforderung darstellen, da sie trotz der am Merkur herrschenden extremen Temperaturen präzise Messungen durchführen müssen. Die gewonnenen Erkenntnisse sind wesentlich für ein besseres Verständnis planetarer Systeme – nicht nur in unserem Sonnensystem, sondern auch darüber hinaus. Sie helfen dabei, zentrale Fragen der Planetenforschung zu beantworten: Wie entstehen Gesteinsplaneten? Welche Rolle spielen äußere Einflüsse wie Sonnenwind oder Meteoriteneinschläge? Und wie verändert sich ein Planet über Milliarden Jahre hinweg?
"Unsere Forschung zeigt, dass selbst kleinste Teilchen aus dem All bleibende Spuren hinterlassen", betont Schmid.
"Unsere Forschung zeigt, dass Merkur wie eine Art Meteoritendetektor im inneren Sonnensystem wirkt und selbst kleinste Teilchen aus dem All bleibende Spuren hinterlassen – Spuren, die uns helfen, die Vergangenheit eines Planeten zu entschlüsseln. Das ist nicht nur wissenschaftlich spannend, sondern auch essenziell, um unseren Platz im Universum besser zu verstehen", betont Schmid.
Publikation
D. Schmid, H. Lammer, A. Berezhnoy, F. Weichbold, M. Scherf, A. Varsani, M. Volwerk, C. Simon-Wedlund, W. Baumjohann, R. Nakamura, G. Murakami, F. Plaschke: Detection of Lithium in the exosphere of Mercury, Nature Communications, doi.org/10.1038/s41467-025-61516-4, 2025
Kontakt
Dr. Daniel Schmid
T +43 (316) 4120-672
daniel.schmid(at)oeaw.ac.at
Doz. Dr. Helmut Lammer
T +43 (316) 4120-641
helmut.lammer(at)oeaw.ac.at


