Mit dem Untergang des Imperium Romanum treten an die Stelle des multiethnischen Staats ethnisch geprägt Königreiche. Das fränkische, das burgundische, das dänische. Ethnisch und christlich geprägte Staatswesen. „Diese Parallelität von Christianisierung und Erstarken der Völker in Europa ist schon sehr auffallend“, betont Walter Pohl, Direktor des ÖAW-Instituts für Mittelalterforschung im Gespräch. Zunächst sind die erfolgreichen christlichen Königreiche auf Mittel- und Westeuropa beschränkt. Erst später entwickeln sich die Königreiche Ungarn und Bulgarien – und werden alsbald christianisiert.
Weltlich-geistliche Wechselwirkungen
„Wenn wir nach dem Grund für die parallele Entwicklung fragen, müssen wir auf die Wechselwirkungen zwischen beiden Bereichen fokussieren: das heißt, in den Quellen nach der gegenseitigen Beeinflussung religiöser Vorstellungen und politischer Praxis forschen“, so Pohl. Wichtig sei dabei, sich vom heutigen Bild des Christentums, beispielsweise der heute selbstverständlichen Trennung von Kirche und Staat, zu lösen. Im Frühmittelalter waren die weltliche und die geistliche Sphäre viel enger verwoben. Das Christentum, eine in der Spätantike gut organisierte Staatsreligion, hatte keine Berührungsängste gegenüber weltlichen Herrschaftsstrukturen. Das Königtum, und noch mehr das Kaisertum, wurden sowohl als weltliches wie auch als geistliches Amt gesehen, Bischofssitze und Klöster waren Teile des politischen Beziehungsgeflechts der Herrscher.
„Weil die beiden Sphären so eng verbunden sind, mussten wir einen übergreifenden Forschungszugang entwickeln. Es geht darum, das gemeinschaftsbildende Potential einer Religion - in meinem Fall des Christentums - in enger Verzahnung mit der sozialen und politischen Praxis zu untersuchen“, erklärt Walter Pohl. Er ist federführend am interdisziplinären Spezialforschungsbereich „VISCOM – Visions of Community“ beteiligt, der auf die Wechselwirkungen der bislang getrennt erforschten Sphären fokussiert. Seine VISCOM-Kolleg(inn)en wenden den neuen Zugang bei historischen Quellen zu islamisch geprägten Gemeinschaften in Südarabien sowie zum buddhistischen Tibet an. [Lesen Sie mehr dazu].
Vielschichtiges Identifikationsreservoir
Die Vorstellung von der Ordnung der Welt nach Völkern ist ein Modell, das früh in den alttestamentarischen Schriften zu finden ist: Da werden beispielsweise die Söhne Noahs als die Urväter aller Völker genannt; das Buch Exodus beschreibt die Auswanderung aus Ägypten; zahlreiche Erzählungen handeln von Auseinandersetzung des Volks Israel mit fremden Völkern. In der Geschichte vom Turmbau zu Babel wird die Vielfalt der Sprachen thematisiert. Apokalyptische Vorstellungen, die in die Bibel Eingang gefunden haben, konnten zur Fundierung von Feindbildern herangezogen werden. Das Neue Testament hingegen entwarf die Vision einer Einheit aller Völker in Christus, und enthielt daher den Auftrag: ‚Gehet hin und lehret alle Völker‘..
Ideen, die Herrschaft stützen
Dieser Auftrag zur Missionierung wurde im frühmittelalterlichen Europa meist top-down erfüllt. Sobald ein König überzeugt worden war, galt auch das übrige Volk als gewonnen. Christliche Könige und Kaiser fundierten ihre Macht mit einem direkten Bezug zu Gott: „Von Gottes Gnaden“ waren sie berufen, über das Volk zu herrschen. Ob sie die göttliche Legitimation halten konnten, kam aber auch auf ihr politisches Geschick an. Dem Papst kam in diesem Mächtespiel der geistlichen und weltlichen Eliten eine ganz besondere Rolle zu: Obwohl „nur“ Bischof von Rom, genoss er als Nachfolger des Apostel Petrus höchste Autorität in beiden Sphären. Krönte er einen König zum Kaiser, sicherte er ihm und seinem Volk die Vorherrschaft.
Konstruierte Kontinuität
Die Zeit, in der sich die Vorstellung von Völkern als politische Organisationseinheiten festigte, liegt lange zurück. In diesem Prozess kam es nicht auf Blutsverwandtschaft oder auf eine einheitliche Kultur an. Erst im 19. und 20. Jahrhundert definierten sich Völker als natur- oder gottgegebene Einheiten, die versuchten, ihre Macht mit einem Rückgriff auf eine überhöhte Abstammungsgeschichte zu sichern – meist unwidersprochen, oft unterstützt von den Geschichtswissenschaften. Erst die Neubewertung historischer Quellen in den letzten Jahrzehnten deckt die vielen Schichten der Genese europäischer Völker wieder auf: Dadurch werden komplexe Prozesse nachvollziehbar, aus denen einige Völker hervorgingen, die heute noch mit ähnlichen Namen existieren. „Daraus eine durchgehende ethnische und kulturelle Kontinuität zu konstruieren ist aber so falsch wie gefährlich, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts gezeigt hat“, warnt Walter Pohl. Im Spezialforschungsbereich VISCOM können die neuen Ansätze im Vergleich mit asiatischen Makroregionen weiterentwickelt werden.
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