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ARTEMIS-Mission: Einmal zum Mond und zurück

Ein Gespräch mit dem ÖAW-Weltraumforscher Günter Kargl über politische Motive, technische Risiken und die Zukunft bemannter Raumfahrt. Und, warum es so lange gedauert hat, bis Menschen wieder zum Mond geschickt wurden.

09.04.2026
Die Astronaut:innen der ARTEMIS-Mission haben einmal den Mond umrundet - mit spektakulären Ausblicken auf die Erde.
© NASA

Mehr als fünf Jahrzehnte nach der letzten bemannten Mondlandung steht die Menschheit erneut vor der Rückkehr einer wichtigen Mission. Mit dem ARTEMIS-Programm will die NASA nicht nur Astronaut:innen wieder zum Mond bringen, sondern langfristig auch eine dauerhafte Präsenz im All aufbauen. Doch der Weg dorthin ist komplex. Günter Kargl vom Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ordnet die aktuelle Mission von „Artemis II“ ein und erklärt, warum sie vor allem als ein technologischer Probelauf von Bedeutung ist.

Neues „Space Race“ zwischen China und den USA

Warum hat es seit 1972 keine bemannten Mondflüge mehr gegeben?

Günter Kargl: Nach den Apollo-Missionen war das politische Interesse schlicht weg. Die USA hatten das „Space Race“ gegen die Sowjetunion gewonnen – damit fiel der wichtigste Antrieb weg. Gleichzeitig wurde das Budget umgeschichtet, vor allem zugunsten des Space-Shuttle-Programms. Beides parallel wäre finanziell nicht möglich gewesen.

China drängt zunehmend in die Raumfahrt. Man kann von einem neuen „Space Race“ sprechen.

Spielt Geld heute noch eine ähnlich große Rolle?

Kargl: Das Apollo-Programm hat damals rund fünf Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts verschlungen – eine enorme Summe. Im Vergleich dazu ist das heutige Budget der NASA relativ gering. Dass ARTEMIS trotzdem vorangetrieben wird, liegt auch an neuen geopolitischen Entwicklungen: China drängt zunehmend in die Raumfahrt und plant ebenfalls Mondmissionen. Man kann durchaus von einem neuen, wenn auch kleineren „Space Race“ sprechen.

Bodenschätze am Mond schwer nutzbar

Oft ist von wirtschaftlicher Nutzung des Mondes die Rede. Wie realistisch ist das?

Kargl: Ich halte vieles davon für überzeichnet. Es gibt am Mond keine Ressourcen, die wir nicht auch auf der Erde haben. Wirklich gewinnbringender Bergbau würde enorme Infrastruktur erfordern – inklusive tausender Menschen, die dauerhaft dort leben müssten. Das ist auf absehbare Zeit unrealistisch.

Es gibt am Mond keine Ressourcen, die wir nicht auch auf der Erde haben.

Was ist der eigentliche Nutzen der ARTEMIS-Missionen?

Kargl: Der Fokus liegt klar auf dem Testen neuer Technologien unter realen Bedingungen. Man kann am Boden oder in Simulationen viel vorbereiten, aber bestimmte Dinge lassen sich nur im Weltraum überprüfen. Deshalb ist der erste Schritt, Systeme rund um den Mond zu testen – etwa bei Flügen ohne Landung auf dem Erdtrabanten.

ARTEMIS-Mission ist ein Probelauf

Warum ist es wichtig, Menschen an Bord zu haben und nicht nur unbemannte Missionen durchzuführen?

Kargl: Irgendwann muss man den Schritt wagen. Viele Systeme sind für bemannte Missionen ausgelegt, und deren Zusammenspiel lässt sich nur im echten Einsatz vollständig testen. Dabei treten fast zwangsläufig Probleme auf – kleinere Ausfälle oder technische „Kinderkrankheiten“ sind ganz normal. Entscheidend ist, dass keine gravierenden Systemfehler auftreten. Auch diesmal gab es kleinere Zwischenfälle, etwa ein Funkausfall von 40 Minuten oder Defekte bei den Toiletten. Das klingt spektakulär, ist aber in dieser Phase nicht ungewöhnlich.

Sind spannende wissenschaftliche Ergebnisse zu erwarten?

Kargl: Ehrlich gesagt: kaum. Was derzeit als Forschung präsentiert wird, sind Experimente, die man nebenbei durchführt. Der eigentliche Zweck der Mission ist nicht wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn, sondern die Erprobung von Systemen. Die nächsten Schritte sind weitere ARTEMIS-Flüge, bei denen auch Landungen am Mond erprobt werden sollen – zunächst unbemannt. Dabei geht es vor allem darum zu zeigen, dass Start und Rückkehr zuverlässig funktionieren. Allerdings sind Verzögerungen wahrscheinlich, wie bei allen komplexen Raumfahrtprojekten.

Schwierige Mondlandung

ARTEMIS ist ein notwendiger Schritt, wenn man langfristig wieder Menschen zum Mond bringen will.

Wie schwierig ist eine Mondlandung heute noch?

Kargl: Viele unbemannte Landegeräte sind in den letzten Jahren gescheitert – oft wegen unerwarteter Probleme beim Aufsetzen. Der Mondboden ist schwer einzuschätzen. Bei den Apollo-Missionen haben Astronauten beim Landeanflug oft manuell eingegriffen, um sichere Plätze zu finden. Vollautomatische Systeme stoßen hier an ihre Grenzen. Aber, um mit einem anderen Mythos aus der Raumfahrt aufzuräumen: Es werden nicht immer die neuesten Geräte verwendet. Zuverlässigkeit ist wichtiger als Innovation. Viele Systeme sind bewusst konservativ gewählt und basieren auf bewährter Technologie. Neue Komponenten bergen immer ein höheres Risiko – und genau diese machen oft die größten Probleme.

Was ist Ihr Fazit zur ARTEMIS-Mission?

Kargl: Es ist ein notwendiger Schritt, wenn man langfristig wieder Menschen zum Mond bringen will. Aber man sollte sich keine Illusionen machen: Es geht derzeit nicht um große wissenschaftliche Durchbrüche, sondern um Grundlagenarbeit – darum, komplexe Systeme im All zum Laufen zu bringen.

 

Auf einen Blick

Die zentralen Punkte in einfach verständlicher Sprache zusammengefasst.

Warum gab es so lange keine bemannten Mondflüge?
Nach den Apollo-Missionen gab es kein politisches Interesse mehr, weil das Wettrennen mit der Sowjetunion gewonnen war. Außerdem war das Programm zu teuer und das Geld wurde für andere Projekte verwendet.

Worum geht es bei den neuen Mondmissionen wie ARTEMIS?
Im Mittelpunkt steht nicht die Forschung, sondern das Testen neuer Technologien im Weltraum. Ziel ist es, Systeme zu entwickeln, mit denen künftig wieder Menschen sicher zum Mond fliegen können.

Wie realistisch sind große Pläne wie Rohstoffabbau auf dem Mond?
Derzeit sind solche Ideen unrealistisch, weil sie extrem aufwendig und teuer wären. In absehbarer Zeit geht es vor allem darum, die Technik zuverlässig zum Funktionieren zu bringen.

Weitere Infos

Günter Kargl ist Wissenschaftler am Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und unterrichtet an der Universität Graz.