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Ritter, Drachen und Prinzessinnen: Fantasy des Mittelalters auf Jiddisch

Ein jiddischer Ritterroman zeigt, wie nah Mittelalter und Fantasy bis heute beieinanderliegen, Wissenschaftlerin Astrid Lembke erklärt die Zusammenhänge.

22.05.2026
Wigalois (zwischen 1210 und 1220) des Wirnt von Grafenberg, ein Artusroman. Auszug aus der Handschrift B (Leiden; 1337), gescannt von der Leiden University Library
© Wikicommons

Fantasywelten voller Ritter, Drachen und gefährlicher Abenteuer gelten heute als Popkulturphänomen – doch ihre Wurzeln reichen weit zurück. Bereits im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit begeisterten Geschichten über junge Held:innen, Kämpfe gegen Ungeheuer und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt ein breites Publikum. Überraschend dabei: Solche Stoffe wurden auch in jiddischer Sprache erzählt und weiterentwickelt.

Eine dieser Erzählungen ist der „Widuwilt“, eine jiddische Bearbeitung eines mittelhochdeutschen Artusromans. Im Mittelpunkt steht ein junger Held, der seinen unbekannten Vater sucht und dabei in eine Welt voller Ritter, Kämpfe und Abenteuer gerät. Er muss gegen übermächtige Gegner bestehen, begegnet Drachen und starken Frauen und versucht, seinen Platz in Familie und Gemeinschaft zu finden.

Astrid Lembke, Professorin für germanistische Mediävistik an der Universität Mannheim, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Text. Im Rahmen einer Veranstaltung am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und im Interview erklärt sie, warum mittelalterliche Fantasy bis heute fasziniert, wie sich Geschichten verändern, wenn sie in neue kulturelle Kontexte übertragen werden und weshalb der „Widuwilt“ auch Stoff für eine Verfilmung sein könnte.

Sehnsucht nach einfacheren Welten

Frau Lembke, Ritter, Drachen und Prinzessinnen – das klingt eher nach moderner Fantasy als nach jiddischer Literatur. Warum faszinieren uns diese Motive seit Jahrhunderten?

Astrid Lembke: In der modernen Fantasy-Literatur wird oft von Helden – und mittlerweile auch von Heldinnen – erzählt, die Abenteuer bestehen, um anderen Menschen zu helfen, die also gegen starke Ritter kämpfen, gefangene Prinzessinnen befreien und Drachen oder andere Ungeheuer töten. Die Wurzeln solcher Erzählungen erstrecken sich bis ins europäische Mittelalter. Einer der Gründerväter der modernen Fantasy-Literatur, J. R. R. Tolkien, der den ‚Herrn der Ringe‘ geschrieben hat, war selbst Philologe und Mediävist, das heißt er hat sich als Wissenschaftler mit mittelalterlicher Literatur beschäftigt. Seine Erfahrung und seine Erkenntnisse mit mittelalterlicher Literatur ließ er in sein Schreiben einfließen. Deshalb werden wir im ‚Herrn der Ringe‘ und in vielen Fantasy-Erzählungen bis heute oft mit erzählten Welten konfrontiert, die sich in vielen Aspekten beim Mittelalter bedienen oder halt bei dem, was die Autor:innen für mittelalterlich halten.

Dass es irgendwo auf der Welt Drachen oder Riesen geben könnte, galt lange Zeit nicht als völlig ausgeschlossen.

Der jiddische Roman basiert zwar auf einem hochmittelalterlichen Artusroman, entsteht selbst aber zu Beginn der Frühen Neuzeit im 15., vielleicht auch erst im 16. Jahrhundert, also in einer Zeit, als das Hochmittelalter schon Jahrhunderte zurückliegt. Das Publikum liest also schon damals Geschichten über eine vergangene Zeit voller Ritter und Abenteuer und interessiert sich dafür.

Warum uns solche Stoffe bis heute faszinieren, dazu gibt es viel Forschung. Ein wichtiger Punkt ist wohl, dass diese Welten oft einfacher wirken als unsere Gegenwart. Die Konflikte erscheinen überschaubarer, Gemeinschaften enger, Gut und Böse klarer unterscheidbar. Gerade in einer Zeit, in der wir permanent mit globalen Krisen konfrontiert sind, kann Fantasy eine Art Gegenwelt und einen Trost bieten. Dazu kommt, dass viele dieser Geschichten von Außenseiter:innen erzählen, die ihren Platz in der Welt erst finden müssen. Genau das passiert letztlich auch im „Widuwilt“. Vielleicht kommt ja mal jemand auf die Idee, ihn zu verfilmen – der Text ist an vielen Stellen auch einfach ziemlich lustig und derb erzählt, da ließe sich vielleicht etwas draus machen.

Kann man Geschichten wie „Wigalois“ und „Widuwilt“ als eine Art Fantasy-Literatur des Mittelalters bezeichnen?

Lembke: Ja und nein. Einerseits hatten vormoderne Leser:innen teilweise andere Vorstellungen von Realität und Fiktion als wir heute. Dass es irgendwo auf der Welt Drachen oder Riesen geben könnte, galt lange Zeit nicht als völlig ausgeschlossen. Andererseits gibt es tatsächlich viele Parallelen zur modernen Fantasy. Im „Widuwilt“ geht es um einen jungen Helden, der seinen Vater sucht, Abenteuer bestehen muss und schließlich seinen Platz in Familie und Gemeinschaft findet. Er kämpft gegen übermächtige Gegner, erlebt Niederlagen und muss lernen, mit ihnen umzugehen. Das sind Themen, mit denen Menschen in allen Epochen etwas anfangen können.

Wie Geschichten sich verändern

Was passiert mit einer Geschichte, wenn sie in eine andere Sprache, Kultur und Zeit übertragen wird? Wie hat sich der ursprüngliche Artusstoff im jiddischen „Widuwilt“ verändert?

Lembke: Oft stellt sich die Frage, was an einer solchen Bearbeitung eigentlich „jüdisch“ ist. Der „Widuwilt“ wurde von einem jüdischen Bearbeiter für ein jüdisches Publikum geschrieben, basiert aber auf einer christlichen Vorlage. Noch vor einigen Jahrzehnten fand man es grundsätzlich ziemlich abwegig, dass jüdische Menschen im Spätmittelalter oder in der Frühen Neuzeit sich überhaupt für solche Rittergeschichten interessiert haben sollen. Offensichtlich haben sie das aber.

Wie stark solche Texte verändert wurden, ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Geschichten wurde sehr stark darauf geachtet, alles zu entfernen, was irgendwie nach Christentum aussieht, zum Beispiel Gebete zur Jungfrau Maria oder zu den Heiligen. Bei anderen Texten scheint das den Bearbeitern ziemlich egal gewesen zu sein. Der „Widuwilt“ ist insgesamt kein sehr religiöser Text, es wird zwar häufig zu Gott gebetet, aber das passiert eher nebenher. Am Artushof gibt es neben Rittern und Königen auch Bischöfe und Prälaten, also geistliche Würdenträger. Im Amsterdamer „Widuwilt“-Druck von 1671 geht der Protagonist mit seiner Mutter ausgerechnet am Ostertag spazieren, in der Cambridger „Widuwilt“-Handschrift ist zweimal vom Pfingstfest die Rede.

Abgesehen davon kann man aber auch fragen, was am „Widuwilt“ zum Beispiel frühneuzeitlich ist statt mittelalterlich oder inwiefern sich der Text eher an ein städtisches Publikum richtet als an ein höfisches. Auffällig ist, dass im „Widuwilt“ viel weniger Menschen zu Tode kommen als in der Vorlage und dass Kernfamilien eine viel wichtigere Rolle spielen. Das kann persönlicher Geschmack des Bearbeiters gewesen sein, aber auch etwas mit dem historischen Kontext der Entstehung zu tun haben. Zuletzt werden auch andere Geschlechterrollen entworfen: Die weiblichen Figuren im „Widuwilt“ sind oft aktiver und eigentlich auch interessanter als jene in der mittelalterlichen christlichen Vorlage. Der Held ist bis zum Ende immer wieder mit sehr starken, eigenwilligen, manchmal sogar übermächtigen Frauen konfrontiert. Sie helfen ihm häufig, können ihm aber auch gefährlich werden oder ihn sogar im Kampf besiegen. Er muss sich mit ihnen arrangieren und mit ihnen interagieren, ob er will oder nicht. Gerade das zeigt, wie viel sich aus diesem Stoff herausholen lässt. Auch hier ist es aber leichter, die Differenzen zu beschreiben, als einfache Erklärungen dafür zu finden.

Arbeit mit Fragmenten

Der Text ist nur fragmentarisch überliefert. Welche Herausforderungen bringt es mit sich, daraus heute eine synoptische Edition zu erstellen?

Lembke: Die drei erhaltenen Handschriften aus dem 16. Jahrhundert sind alle unvollständig. Immer fehlt der Anfang, und in zwei Handschriften fehlt zusätzlich das Ende. Deshalb war uns wichtig, neben den fragmentarischen Handschriften auch den vollständigen Druck von 1671 in die Edition aufzunehmen. So können Leser:innen die gesamte Handlung nachvollziehen und gleichzeitig verschiedene Fassungen miteinander vergleichen. Denn die Texte unterscheiden sich ja nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich. Noch ein Beispiel dafür: Der riesenhafte Gegner des Helden bleibt in den Handschriften namenlos, im Druck von 1671 heißt er plötzlich Luzifer. Solche Unterschiede sind natürlich interessant. Auch sprachgeschichtlich ist das spannend, weil sich über die Fassungen Veränderungen im Jiddischen nachvollziehen lassen. Die synoptische Edition war zwar deutlich aufwendiger, aber ich glaube, dass sich diese Arbeit gelohnt hat.

Warum uns alte Texte heute noch etwas sagen

Warum lohnt es sich gerade heute, mittelalterliche jiddische Texte wie den „Widuwilt“ wiederzuentdecken – auch mit Blick auf unsere heutige Fantasy-Begeisterung?

Lembke: Vormoderne Texte irritieren uns oft, weil sie von Idealen, Rollenvorstellungen oder Ängsten sprechen, die wir nur zum Teil oder auch gar nicht teilen, die uns fremd erscheinen und uns provozieren. Genau das macht sie so wertvoll. Sie zwingen uns dazu, darüber nachzudenken, was eigentlich anders ist an dem, was da erzählt wird, und ob es wirklich völlig anders ist oder ob es Parallelen gibt, mit denen wir etwas anfangen können. Dem können wir dann analytisch auf den Grund gehen. Und das wiederum kann dazu führen, dass wir auch über unsere eigenen, modernen Denk- und Erklärungsmuster ins Grübeln kommen. Nehmen wir die Beispiele Verwandtschaft, Herrschaft oder sexualisierte Gewalt. Wer mit wem verwandt ist, das stellen sich Menschen in Nigeria anders vor als Menschen in Deutschland oder in Japan, und Menschen im 13. Jahrhundert anders als Menschen im 16. oder im 21. Jahrhundert. In dem Moment, in dem ich erkenne, dass meine Vorstellungen von Verwandtschaft gar nicht die einzig möglichen sind, erweitert sich automatisch mein Horizont.

Viele wissen gar nicht, dass es jüdische Artusromane oder jiddische Rittergeschichten überhaupt gibt.

Dazu kommt, das jiddische Texte zu einem Teil des europäischen Kulturerbes gehören, der oft vergessen wird. Viele wissen gar nicht, dass es jüdische Artusromane oder jiddische Rittergeschichten überhaupt gibt. Dabei zeigen diese Texte sehr deutlich, wie eng kulturelle Traditionen miteinander verflochten waren. Jüdische und christliche Menschen haben Geschichten geteilt, verändert und weiterentwickelt, manchmal sehr unterschiedlich, manchmal erstaunlich ähnlich.

 

Auf einen Blick

Astrid Lembke ist Professorin für germanistische Mediävistik an der Universität Mannheim. Sie forscht zu deutschsprachiger und jiddischer Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelte sie eine synoptische Edition des jiddischen Artusromans „Widuwilt“.