19.05.2021

Wie junge Menschen aussterbende Sprachen retten können

Überall auf der Welt sind Sprachen vom Aussterben bedroht. Damit verschwindet auch ein immenser kultureller Reichtum. Sprachanthropologin Andreea Pascaru erforscht an der ÖAW bedrohte und kaum dokumentierte Sprachen in Südosteuropa und in Kleinasien. Eines ihrer Ziele: Sie will junge Menschen dazu motivieren, dieses kulturelle Erbe zu bewahren.

Um verschwindende Sprachen zu bewahren, ermutigen Sprachforscher/innen junge Menschen selbst aktiv zu werden und mit Aufnahmegerät oder Videokamera ausgerüstet, ihre eigenen Verwandten zu befragen. © ÖAW

Laut Sprachforscher/innen gibt es rund 7.000 Sprachen auf der Welt, Dialekte nicht mit eingerechnet. Viele von ihnen sind vom Aussterben bedroht. Die Gründe dafür sind höchst unterschiedlich. „Einen wesentlichen Anteil macht sicher die Globalisierung aus oder dass in den Sozialen Medien nur in bestimmten Sprachen kommuniziert wird“, sagt die Sprachanthropologin Andreea Pascaru, die seit 2014 regelmäßig in Südosteuropa und in Kleinasien unterwegs ist und dort bedrohte Sprachen aufnimmt. Aber auch Nationalismus und Religion, Grenzziehungen und Vertreibung und daraus entstehende Diskriminierungen und Repressionen, lassen Sprachen verschwinden. „Zudem gibt es bei vielen Gruppen nur eine mündliche Erzähltradition und keine Verschriftlichung“, so Pascaru. Ein Beispiel sind die polyphon gesungenen Lieder der Aromunen Südalbaniens, die Kultur, Sprache und Familiengeschichten sowie historisches Gedächtnis zum Ausdruck bringen.

Junge Menschen interviewen die Großeltern

An der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) befasst sich seit 2016  die Kommission Vanishing Languages and Cultural Heritage mit der Dokumentation und Analyse von verschwindenden Sprachen weltweit. Zentrales Anliegen ist dabei auch das „Language Community Empowerment“, also Sprecher/innen und Gemeinschaftsmitgliedern bewusst zu machen, welchen Reichtum ihre Sprache in sich trägt. „Gerade für junge, globalisierte Menschen kann es spannend sein, wenn sie entdecken, dass ihre Sprache einzigartig und besonders ist. Dass sie stolz darauf sein können“, sagt Pascaru.

Diese werden daher ermutigt, selbst aktiv zu werden, mit Aufnahmegerät oder Videokamera ausgerüstet, ihre eigenen Verwandten zu befragen. „Oft ist es ein Generationenproblem, die älteren Sprecher sterben aus“, sagt Pascaru: „Wir führen auch eine reichhaltige fotografische Dokumentation, jedoch liegt die Grundlage im persönlichen, biografischen Interview. Zudem geben wir den Jüngeren Werkzeuge in die Hand, den Sinn der Sache selbst zu entdecken, mit Oma und Opa das Gespräch zu suchen. Und dabei viel Neues zu entdecken. Wenn wir Glück haben, werden aus ihnen richtige Sprachpioniere.“

Mehrsprachigkeit verbindet

Zu den erforschten Gruppen zählen unter anderem die Pomaken, eine bulgarischsprachige muslimische Minderheit, die sowohl im Südwesten Bulgariens als auch in Griechenland und der Türkei lebt. „Sie sprechen die jeweilige Landessprache und ihre eigene und sind ein gutes Beispiel für gelebten Multikulturalismus“, so Pascaru. Eine weitere Sprache ist das Pontische, eine bedrohte Variante des Griechischen, gesprochen von einer kleinen muslimischen Gruppe entlang der türkischen Schwarzmeerküste. Die meisten Sprecher/innen gibt es heute vor allem in Griechenland, da sie als orthodoxe Christen um 1922 aus der Türkei vertrieben wurden. „Es handelt sich um zwei Gruppen, die sich seit den 1920er-Jahren unterschiedlich entwickelt haben, und sich neuerdings wieder austauschen. Wir fragen, was sie verbindet, was sie trennt, welche Folgen der Bevölkerungsaustausch zwischen den beiden Ländern auf die Bewahrung und das Überleben der Kultur und Sprache hat.“ 

Das Transkribieren und Vermitteln der Sprache sind wichtige Schritte und Ziele bei der Datenbearbeitung. Zudem wurde im Dezember 2020 eine Ausgabe der Erzählung „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry auf Pontisch herausgegeben. Auf der Website der ÖAW-Kommission findet sich ethnographisches und linguistisches Material zu mehreren griechischen Dialekten. Es geht auch darum, das sprachliche Material neben phonetischer Transkription in leicht lesbare Laienalphabete zu übertragen. „Wir möchten sowohl der Wissenschaft als auch einem breiten Publikum helfen und den Sprechergemeinschaften eine Stimme geben“, betont Pascaru: „Unterstützte Mehrsprachigkeit kann dazu führen, dass Philosophie, Musik und Geschichte erhalten bleiben.“

 

AUF EINEN BLICK

Andreea Pascaru ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kommission Vanishing Languages and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie arbeitet derzeit an der Universität Jena an ihrer Dissertation zu muslimischen Pontiern.

 


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