30.10.2020

„Von dieser Welt in jene Welt“

Sie ist Jahrtausende alt und diente als Ausdruck großer Trauer: die Petrecatura, ein Klagelied aus Ostserbien. Jetzt ist die traditionelle Trauerzeremonie am Aussterben – und als volksliterarisches Kulturgut Gegenstand der Forschung der ÖAW geworden.

Über tausende Jahre hinweg war der Klagegesang der Petrecatura ein fester Bestandteil jeder Beerdigung im Osten Serbiens. Nun ist sie selbst vom sprachlichen Tod bedroht. (c) Shutterstock

Ein Tod ist zu beklagen: Die Petrecatura, die Totenklage der Vlachen, ist gerade gestorben. Über tausende Jahre hinweg war sie fester Bestandteil jeder Beerdigung im Osten Serbiens. Die von Generation zu Generation mündlich überlieferten Verse wurden von Frauen auf Timok-Vlachisch, einer archaischen Form des Rumänischen, gesungen und sollten den Verstorbenen von seinem Wohnort über den Friedhof bis ins Totenreich begleiten: „Weit weg, über die Grenzen hinweg, hat der Tote diese Welt für die andere verlassen. Wo er hingeht, fängt der Tag nie an, geht die Sonne nie auf, scheint der Mond nie herab“, heißt es übersetzt in einem der tausenden Verse. Letzte Interpretinnen leben noch, doch die Bedeutung, die der traditionellen Trauerzeremonie einst zukam, ist längst Geschichte.

Die Petrecatura im O-Ton

Jetzt haben Forscher/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Bildungszentrum im ostserbischen Petrovac na Mlavi die über zwei Stunden dauernde Totenklage aufgenommen und den vlachischen Text ins Serbische und Englische übersetzt. „Die Verarbeitung der Thematik des Todes und der Erklärung des Lebens ist von hohem poetischen und volksliterarischem Wert“, sagt Thede Kahl.

Der Sprachwissenschaftler ist ÖAW-Mitglied und Obmann der Kommission Vanishing Languages and Cultural Heritage der ÖAW, die sich das Ziel gesetzt hat, Sprachen durch Dokumentation und Erforschung vor dem Verschwinden zu bewahren. „Die magischen Beschwörungsformeln gehen auf heidnische, vorchristliche Traditionen zurück. Deshalb tauchten ab dem 8. und 9. Jahrhundert immer wieder Verbote durch Mönche auf, letztlich wurde die Petrecatura von der Kirche aber toleriert“, so Kahl, der auch als Slawistik-Professor an der Universität Jena tätig ist.

Ekstatische Form der Darbietung

Bereits Anfang der 1990er-Jahre reiste er als Student für Aufnahmen in die ostserbische Region, südlich der Donau, und war zufällig bei einer Totenklage zugegen. Diese zu dokumentieren, sei aber aus ethischen Gründen bisher problematisch gewesen. Kahl: „Mehrfach brechen die Interpretinnen in Tränen aus. Die ekstatische Darbietung – die mantraartigen Aufrufungen von Namen und das Zerreißen von Kleidung – gehören zu diesem Ritual dazu“. Deshalb fand die Aufnahme nicht während einer Beerdigung statt, sondern wurde in Absprache mit den letzten Klageliedsängerinnen Ostserbiens in ein Kulturzentrum verlegt.

Eine von ihnen ist Slavica Jović-Kolerović. Das Wissen über die alten Texte hat die 69-Jährige von ihrer Großmutter: „Diese Reise durch die mystische Welt der volkstümlichen Vorstellungskraft ist sehr intim, lyrisch und hat viele starke, dramatische Elemente“, erzählt sie. Inhaltlich handelt die Petrecatura von Versuchungen, Ängsten und Kämpfen auf dem Weg zu Gott. Wer auf seiner rechten Seite ankommt, erreicht den ewigen Frieden, so die Überlieferung. Deshalb saßen die Klageliedfrauen immer rechts vom Toten, legten Basilikum neben den Leichnam und tranken Raki. Jović-Kolerović: „Leider ist die Petrecatura bei Begräbnissen nicht mehr zu hören. Beerdigungen sind zu Festen mit Verpflegung geworden. Viele schöne Bräuche, so auch dieser, sind für immer verschwunden.“

Aussterbende Totenklage

Als einen Grund für das Verschwinden der Petrecatura sieht Sprachwissenschaftler Kahl den in den 1960er-Jahren einsetzenden Gesellschaftswandel, allen voran die Abwanderung der sogenannten Gastarbeiter in westeuropäische Länder. Über Ostserbien hinaus sind Totenklagen vor allem in Montenegro und in manchen isolierten Gebieten Albaniens noch lebendig, berichtet der ÖAW-Forscher.

„In anderen Teilen Europas gibt es noch Reste, etwa in der Türkei und in Sardinien. Und auch im arabischen Raum und im Iran findet man sehr intensive Klagelieder, aber die gesamte mehrstündige Klageprozedur zu erleben, hat überall Seltenheitswert,“ so Kahl. Ähnlich wie im Christentum, hieß es auch von Seiten der geistlichen Muslime, dass man die Toten nicht beweinen solle. Die Kritik der Geistlichen hat die Trauerzeremonie aus Ostserbien jahrhundertelang überlebt, jetzt stirbt sie dennoch aus.

 

AUF EINEN BLICK

Die Petrecatura ist in einer englischen Übersetzung auf der Website der Kommission Vanishing Languages and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zu finden. Dort kann zudem ein Kommentar der Petrecatura-Sängerin Slavica Jović-Kolerović nachgelesen werden.

Der übersetzte Text der Petrecatura

 


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