11.11.2020

Wenn Corona nicht das größte Problem ist

Die Menschen im Libanon haben mit vielen Problemen zu kämpfen. Covid-19 und der neue Lockdown sind nicht ihre größten Sorgen. ÖAW-Sozialanthropologe Leonardo Schiocchet erklärt im Interview, warum Social Distancing ein Privileg ist und zur Bekämpfung der Pandemie soziale Missstände ausgeräumt werden müssen.

Zerstörungen in der libanesischen Hauptstadt Beirut nach der Explosionskatastrophe 2020.
Zerstörungen in der libanesischen Hauptstadt Beirut nach der Explosionskatastrophe 2020. © Unsplash/Rashid Khreiss

Wie weit ist das Coronavirus im Libanon verbreitet? Leonardo Schiocchet winkt ab. Das weiß niemand. „Die offiziellen Zahlen sind komplett ungenau, sie sagen gar nichts aus.“ Außerdem sei das nicht die entscheidende Frage, meint der Forscher vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Frage müsse vielmehr lauten: „Was passiert, wenn Covid-19 nicht als das einzige, das primäre oder überhaupt als eines der schwerwiegendsten Probleme eines Landes wahrgenommen wird?“

Im Interview beschreibt der Sozialanthropologe sozio-ökonomische Katalysatoren der Coronakrise und erklärt, warum erst die Beseitigung fundamentaler sozialer Ungleichheit in Angriff genommen werden muss, um der Pandemie Einhalt zu gebieten.

Sie sagen, Covid-19 ist bei weitem nicht die größte Sorge der Menschen im Libanon. Warum?

Leonardo Schiocchet: Der Libanon steckt unabhängig von Covid-19 in einer dramatischen sozialen, politischen und ökonomischen Krise. Die ohnehin schon absurd Reichen werden noch reicher. Die Armen noch ärmer. Große Teile der Bevölkerung haben seit Monaten kein Gehalt bekommen. Der UN-Menschenrechtskommission zufolge benötigen 75 Prozent der Bevölkerung dringend Hilfsmittel. Die Regierung ist nicht imstande die Grundversorgung zu gewährleisten. Wasser- und Stromversorgung funktionieren nicht, ebenso wenig die Müllentsorgung. Die Straßen Beiruts versinken in Müllbergen. Strom gibt es nur alle vier Stunden für je zwei Stunden lang.

Die ohnehin schon absurd Reichen werden noch reicher. Die Armen, noch ärmer.

Wie konnte es zu dazu kommen?

Schiocchet: Das Hauptproblem ist ein ausgeprägter Klientelismus. Wer etwas benötigt, und das gilt beispielsweise auch für Sozialleistungen, die eigentlich von Seiten des Staates für alle gewährleistet sein sollten, ist auf die Intervention mächtiger, politisch vernetzter Personen angewiesen. Die Politik wiederum ist durch das System des Konfessionalismus eng verwoben mit der Religion. Gewisse Staatsämter sind ausschließlich Mitgliedern bestimmter religiöser Gruppen vorbehalten. Das ist das Gegenteil einer direkten Demokratie, in der jeder eine Stimme hat. Korruption und Handlungsunfähigkeit der Regierung treiben das Land ökonomisch in den Ruin. Dazu kommt, dass hinter all diesen politisch-religiösen Gruppierungen unterschiedliche ausländische Kräfte stehen, die im Libanon einen Stellvertreterkrieg austragen. Wie also soll ein Land, das von einer derart massiven politischen und ökonomischen Krise betroffen ist, einer Pandemie Einhalt gebieten?

Korruption und Handlungsunfähigkeit der Regierung treiben das Land ökonomisch in den Ruin.

Wie geht das Land mit der Pandemie um?

Schiocchet: Die Regierung nutzt die Pandemie für ihre Zwecke, um Proteste zu unterbinden. Nachdem die Lebensumstände immer unerträglicher wurden, hatten die Menschen im Oktober 2019 genug. Sie gingen auf die Straßen, kampierten dort und forderten das Abtreten des politischen Establishments sowie eine Reform des politischen Systems. Den Ausbruch der Coronapandemie nützte die Regierung, um Ausgangssperren und Grenzschließungen zu verordnen. Das war kein Akt des Verantwortungsbewusstseins gegenüber der Bevölkerung, sondern ein Vorwand, um die Menschen von der Straße zu bekommen. Um der Protestbewegung die Kraft zu nehmen. Die Prostierenden stehen angesichts der Pandemie vor einem Dilemma: Was ist wichtiger? Weiter für Demokratie und Reform zu kämpfen oder nachhause zu gehen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern? Einige würden sagen, Corona ist das geringere Übel.

Flüchtlinge und Migrant/innen sind besonders anfällig für Covid-19. Sie leben in überfüllten Lagern und müssen jeden Tag aufs Neue ihr Überleben sichern.

Wie geht es den zahlreichen Geflüchteten und Migrant/innen im Libanon?

Schiocchet: Im Libanon, der selbst nur knapp sieben Millionen Einwohner hat, leben etwa eine halbe Million Flüchtlinge aus Palästina sowie eine Million Geflüchtete aus Syrien. Fast jeder sechste Mensch im Libanon ist demnach ein Flüchtling. Dazu kommen noch eine große Anzahl teils legaler, teils illegaler Arbeitsmigrant/innen aus Pakistan, Sri Lanka, Äthiopien oder von den Philippinen, die unter sklavenartigen Arbeits- und Lebensbedingungen ihr Dasein fristen. Über diese Menschen spricht die Politik nie. Sie werden ignoriert, marginalisiert und stigmatisiert. Wenn also die Situation schon für Libanes/innen so furchtbar ist, dass 75 Prozent von ihnen Hilfe benötigen, wie dramatisch ist die Situation dann erst für Flüchtlinge und Migrant/innen? Diese Menschen haben die Zuerkennung von Menschenrechten und materielle Unterstützung bitter nötig. Und natürlich, gerade sie sind besonders anfällig für Covid-19. Sie leben in überfüllten Lagern und müssen jeden Tag aufs Neue ihr Überleben sichern. Sie müssen rausgehen, müssen arbeiten, vielleicht sogar betteln, um ihren Kindern Essen auf den Tisch zu bringen. Social Distancing ist ein Privileg, das sich diese Menschen nicht leisten können.

Das Beispiel des Libanon illustriert sehr drastisch, welch große Rolle prekäre Lebensumstände und soziale Ungleichheit in dieser Pandemie spielen.

Was können wir am Beispiel des Libanon für den Umgang mit der Pandemie lernen?

Schiocchet: Das Beispiel des Libanon illustriert sehr drastisch, welch große Rolle prekäre Lebensumstände und soziale Ungleichheit in dieser Pandemie spielen. Für viele Menschen im Libanon, egal ob in den Flüchtlingslagern oder außerhalb, ist Covid-19 nicht das größte Problem, nicht die größte Bedrohung. Unter ihnen kann sich das Virus dann ungehindert verbreiten. Es stimmt schon, die Pandemie zeigt, wie vulnerabel wir alle sind. Jeder kann erkranken oder sterben. Aber es gibt Stufen der Verletzlichkeit. Wenn wir die Coronakrise bewältigen wollen, müssen wir uns zuerst um die Verwundbarsten kümmern. Wir müssen an sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten ansetzen und die sozio-ökonomischen Missstände entschärfen, die Covid-19 global so tödlich machen und die dazu beitragen, dass das Virus sich so rasant verbreitet.

 

AUF EINEN BLICK

Leonardo Schiocchet studierte Sozialanthropologie an der brasilianischen Universidade de Brasília und promovierte an der Boston University in den USA. Seit 2015 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

 


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