02.11.2020

„Westliche Gesellschaften sind verwundbar gegenüber Fake News“

Die Proteste gegen Regierungsmaßnahmen zum Kampf gegen die Corona-Pandemie häufen sich. Was dabei auffällt: Die Demonstrant/innen sind eine sehr diverse Bewegung, die von ganz rechts bis links reicht. Wie ist diese neue Allianz der Corona-Skeptiker/innen zu bewerten? Und wo liegen die Grenzen zwischen Verschwörung und kritischer Haltung? Darüber spricht Soziologin und ÖAW-Mitglied Kristina Stoeckl im Interview.

Immer wieder kommt es in Europas Hauptstädten zu Demonstrationen von Corona-Leugnern. Außer der Ablehnung von Regierungsmaßnahmen eint die Protestgruppen wenig, sagt Soziologin Kristina Stoeckl.
Immer wieder kommt es in Europas Hauptstädten zu Demonstrationen von Corona-Leugnern. Außer der Ablehnung von Regierungsmaßnahmen eint die Protestgruppen wenig, sagt Soziologin Kristina Stoeckl. © Shutterstock

Virus-Leugner, Maskengegnerinnen, Rechtspopulisten – sie gehen seit Ausbruch der Pandemie gemeinsam auf die Straße. Braut sich hier eine neue soziale Bewegung zusammen? „Diese Allianz wird sich nicht lange halten“, sagt hingegen Kristina Stoeckl, Soziologin und Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Denn: „Abgesehen vom Thema Pandemie gibt es keine weitere Übereinstimmung“.

Kristina Stoeckl forscht schwerpunktmäßig zu Extremismus und Russland und ist Leiterin des ERC-Projekts „Postsecular Conflicts“, einem internationalen Forschungsvorhaben zu religiös-moralischen Konflikten in modernen Gesellschaften. Im Interview erklärt sie, wo die Grenze zwischen kritischer Haltung gegenüber Regierungen und abstrusen Verschwörungstheorien liegt.

In regelmäßigen Abständen gehen in Wien aber auch in anderen Hauptstädten Menschen auf die Straße, um gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu demonstrieren, die sie als „Zwangsregime“ empfinden. Welche Gruppen sind das?

Kristina Stoeckl: Es handelt sich tatsächlich um Gruppen – und nicht um eine einzige Gruppe. Die Anliegen dieser Gruppen gehen über den Corona-Protest hinaus und sind höchst unterschiedlich. Da finden wir politisch rechts-populistische Orientierungen, die die Regierung als Establishment oder abgehobene Elite kritisieren. Aber auch Menschen, die gemeinhin als eher links eingestuft werden, die etwa auch für ökologische Ziele protestieren würden, sind dort anzutreffen. Sie sehen die Rolle des Staats kritisch und lehnen es ab, dass eine Regierung das Verhalten von Individuen mittels „biopolitischer Maßnahmen“ zur Pandemieeindämmung steuert.

Die Anliegen dieser Gruppen gehen über den Corona-Protest hinaus und sind höchst unterschiedlich.

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder sprach im Hinblick auf die Demos von einer Corona-Pegida. Teilen Sie diesen Eindruck?

Stoeckl: Nur bedingt, denn Pegida – der Begriff heißt ja ursprünglich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – ist eine rechtspopulistische, zum Teil inhaltlich rechtsextreme Gruppierung. Die Corona-Proteste sind ideologisch viel breiter. Auch unter linken Intellektuellen herrschte im Frühjahr große Unsicherheit. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben, der zum post-marxistischen und poststrukturalistischen philosophischen Spektrum in der Philosophie gezählt wird, warnte vor einem Staat, der den Ausnahmezustand ausruft und sich die alleinige Macht zuschreibt, über Leben und Tod zu entscheiden. Agamben sah im Frühjahr sozusagen alle seine Thesen bestätigt – und das eher nicht aus einer rechten Gesinnung heraus.

Inwiefern kann diese neue Allianz zu einem gesellschaftlichen Problem werden?

Stoeckl: Diese Allianz wird sich nicht lange halten. Ich denke auch nicht, dass sie sich an der Wahlurne niederschlägt. Abgesehen vom Thema Pandemie gibt es keine weitere Übereinstimmung. Denken wir etwa an andere gesellschaftliche Konfliktthemen, wo sich diese Gruppen nicht einig sind, zum Beispiel Klimawandel oder Migration.

Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, haben das Gefühl, dass sie keine Macht haben, etwas zu ändern.

Wo sehen Sie die Grenze zwischen kritischer Haltung gegenüber Regierungen und einer Verschwörung?

Stoeckl: Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, haben grundsätzlich das Gefühl, dass sie keine Macht haben, etwas zu ändern. Sie fühlen sich als Opfer von Machenschaften, die auf das Konto von weit entfernten Urheber/innen gehen, die diffus bleiben, versteckt agieren oder sogar gefährlich sind. Verschwörungstheoretiker/innen protestieren gegen diesen „Apparat“ ohne konkrete Ziele der Veränderung.

Kritik an der Regierung hingegen ist wichtig und richtig. Eine aufgeklärte kritische Haltung geht grundsätzlich davon aus, dass es Dialog gibt und Kritik auch gehört wird, dass die eigene Stimme also auch etwas verändern kann. Insofern würde ich sagen, dass eine kritische Haltung konstruktiv ist, während Kritik aus einem Verschwörungsdenken heraus defensiv ist.

Und die Rolle der Politik?

Stoeckl: Leider passiert es nicht selten, dass die Politik im Lager der Verschwörungstheoretiker/innen auf Stimmenfang geht. Schauen wir nach Ungarn, wo Viktor Orbán Verschwörungstheorien bedient und ganze Plakatserien drucken lässt, auf denen die Behauptung steht, dass George Soros die Migrationswelle nach Europa im Jahr 2015 ausgelöst hätte. Die Aufgabe der Politik wäre es – in der aktuellen Situation – auf Kritik einzugehen, um den demokratischen Konsens nicht zu gefährden.

Russland hat jahrzehntelange Erfahrung mit der Produktion von Fake News.

Sie forschen schwerpunktmäßig zu Russland. Wie ist dort der Umgang mit Fake News?

Stoeckl: Die russische Gesellschaft ist heute noch geprägt von den Spuren der Propaganda in der Sowjetunion. Die Dissonanz, zwischen dem, was damals öffentlich gesagt wurde, und dem, was die Menschen erlebt haben, war riesig. Niemand ging damals davon aus, dass in öffentlichen Zeitungen etwas stehe, das stimmen würde. Das hat dazu geführt, dass viele Menschen immun gegen die Behauptung von Tatsachen geworden sind. Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum die berüchtigten Trollfabriken fast alle in Russland sitzen. Russland hat jahrzehntelange Erfahrung mit der Produktion von Fake News.

Mit welchen Konsequenzen?

Stoeckl: Westliche Gesellschaften haben sich als extrem verwundbar gegenüber Fake News erwiesen. Das ist eigentlich erstaunlich, denn westliche Gesellschaften können, anders als Russland, auf Jahrzehnte an freier Schulbildung, Wissenschaft und Demokratie zurückblicken. Und trotzdem sind sie empfänglich für Propaganda.

Westliche Gesellschaft haben sich als extrem verwundbar gegenüber Fake News erwiesen.

Apropos Trollfabriken. Covid-19 wurde auch stark ins Netz getragen. Auf Facebook wurden krude Theorien gepostet, die in den jeweiligen Echoräumen widerhallten. Soll man Social Media dahingehend regulieren?

Stoeckl: Falschinformationen werden immer ihren Weg in die öffentliche Debatte finden. Für eine informierte Öffentlichkeit kann es nicht der einzige Weg sein, die Medien zu regulieren. Zensur ist immer ein Eingriff in die Meinungsfreiheit, wobei das natürlich nicht für Hassreden gilt. Die öffentliche Debatte sollte also eine offene bleiben, aber gleichzeitig sind die Menschen – also jeder einzelne von uns – für die Qualität dieser Debatte verantwortlich. Ich denke, dass mehr unmittelbares Erfahrungswissen und weniger ungeprüfte Infos aus dem Internet, mehr Vertrauen in die eigene Urteilskraft und eine gewisse epistemische Bescheidenheit schon mal helfen würden. Qualitätsjournalismus spielt hier natürlich eine große Rolle – und die Wissenschaft.

Inwiefern ist die Wissenschaft gefragt?

Stoeckl: Die Wissenschaft ist aufgefordert, kompetente Antworten zu geben, zum Beispiel auf Verschwörungstheorien. Wissenschaft vermittelt Methoden, wie man Informationen sammelt, prüft, vergleicht, analysiert und wie man Schlüsse zieht. Das ist es letztlich, was Studierende an der Uni lernen: selbst zu denken und zwischen verschiedenen Theorien und Ansätzen zu navigieren.

 

AUF EINEN BLICK

Kristina Stoeckl ist Leiterin des Instituts für Soziologie an der Universität Innsbruck und Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW. Sie ist START-Preisträgerin des Wissenschaftsfonds FWF und Preisträgerin eines Starting Grant des European Research Council (ERC).

 


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