08.04.2021

Multiple Identitäten und Superhelden

Rund 100.000 Roma und Romnja leben in Wien. Wie sie sich selbst sehen, warum ihnen die Sichtbarkeit ihrer Geschichte wichtig ist und wie sich die zweite von der ersten Generation unterscheidet, hat nun eine neue qualitative Studie der ÖAW untersucht.

Im Jahr 2014 widmete der Wiener Bezirk Neubau den Platz vor der Altlerchenfelder Kirche der Schriftstellerin Ceija Stojka, die als Kind drei Konzentrationslager der Nazis überlebte. © Haeferl, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Mitunter sind es banale Zufälle, die helfen, die komplexe eigene Identität zu erkennen. So erzählt eine Wienerin, wie erstaunt sie gewesen sei, als nach einem Film, den sie gemeinsam mit ihrer Familie geschaut habe, erstmals thematisiert wurde, dass ihr Vater Rom ist. Jahrelang wusste sie nichts davon. Sie war überwältigt, dass zuvor nie über diese Herkunft gesprochen worden war. Und begann sich bewusst damit zu beschäftigen, was dieser verschwiegene Teil ihrer Identität eigentlich für sie bedeutet.

Coming-out

„Viele bezeichnen diesen Prozess, mit ihrer Roma-Identität an die Öffentlichkeit zu gehen, als Coming-out“, sagt die Kultur- und Sozialanthropologin und Balkanexpertin Sabrina Steindl-Kopf, die gerade gemeinsam mit ihrer Kollegin Sanda Üllen die Ergebnisse der Studie „Partizipationsräume und Migrationsbiographien zugewanderter Roma/Romnja in Wien“ veröffentlicht hat. Unter der Leitung von Robert Pichler, Historiker am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), fragte das von der MA7  der Stadt Wien geförderte Projekt welche Strategien zugewanderte Roma und Romnja nutzen, um am gesellschaftlichen und politischen Leben in Wien teilzuhaben.

Befragt wurden zwölf Personen, die sich aktiv in Vereinen engagieren. „Die Mehrzahl war weiblich, es waren nur zwei Männer dabei“, sagt Steindl-Kopf: „Das ist aber durchaus repräsentativ: Partizipation ist weiblich. Meist sind es Frauen, die trotz Job und Familie diese unbezahlte, ehrenamtliche Arbeit leisten.“

Viele Identitäten

Interessant an dem Forschungsprojekt ist auch, dass die Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Generation mit Migrationserfahrung deutlich werden. Rund 100.000 Roma und Romnja leben in Wien, ein Großteil stammt aus dem ex-jugoslawischen Raum. Während die erste Generation noch damit beschäftigt war, bis dato fehlende Vereine zu gründen, deren Mitglieder sich in Sachen Arbeit, Bildung, Gesundheit und Wohnen unterstützen, kann die zweite Generation, die zumeist bereits in Wien geboren wurde, auf eine vorhandene Infrastruktur zurückgreifen. „Die Mehrzahl von ihnen ist gut ausgebildet, viele haben ein Studium absolviert“, sagt Üllen: „Das widerspricht den Klischees, die man noch immer oft über Roma und Romnja findet.“

Der zweiten Generation ist wichtig, ihre Roma-Identität positiv zu besetzen, gleichzeitig wollen sie sich nicht darauf reduzieren lassen. „Viele sagen: Wir sind Roma, Wiener, Österreicher und Europäer“, erklärt Üllen. Es geht ihnen um die Sichtbarmachung ihrer Geschichte, dass diese wesentlich zum Stadtbild von Wien gehört, was sich auch in Straßenamen niederschlagen sollte. Sie sind international gut vernetzt und setzen sich verstärkt für den Bereich Erinnerungskultur ein, dafür, dass es in Wien ein Denkmal für die ermordeten Roma und Romnja während des Nationalsozialismus gibt.

Dabei suchen sie auch den Schulterschluss mit anderen Minderheiten. „Ihnen ist klar: Rassismus betrifft uns alle“, sagt Steindl-Kopf: „Deshalb ist man an gemeinsamen Aktionen interessiert. Wie vor zwei Jahren, als am Ring unter dem Titel ‚Gegen das Vergessen‘ Porträts von Holocaust-Überlebenden ausgestellt wurden, da haben unbekannte Täter die Fotos zerschnitten. Gemeinsam mit Vertreter/innen anderer Minderheitengruppen stellte man die Mahnwachen, die rund um die Uhr aufpassten.“

Frauen und Superhelden als Vorbilder

Die jüngere Generation schließt sich allerdings nicht mehr so oft in Vereinen zusammen, sie reicht keine großen Europa-Projekte ein. Das ist ihnen zu bürokratisch. Sie möchte lieber frei sein, in kleinen, inoffiziellen Strukturen arbeiten. Wichtig ist eine Vorbildwirkung. „Frauen, die sich engagieren, sehen sich als Vorbild für andere Frauen“, sagt Steindl-Kopf: „Aber auch als Zeichen für die Männer: Auch ihre Tochter kann sich in diesem geschützten Rahmen bewegen. Dieses Emanzipationspotential ist zentral für Roma- und Romnja-Communities.“

Apropos Vorbilder: Auch in der Popkultur gibt es Beispiele, die zunehmend erforscht werden. Seit den 1950er-Jahren sind Superhelden mit Roma-Hintergrund in amerikanischen Marvel-Comics zu finden. Magneto etwa, ein Mutant, der Magnetfelder erzeugen kann, ist ein Holocaust-Überlebender, der mit einer Sinti-Frau verheiratet ist. Doctor Doom, der den US-Produzenten George Lucas zu seinem Darth Vader inspiriert hat, ist ebenso Rom wie Richard John „Dick“ Grayson, die erste Verkörperung von Batmans Juniorpartner Robin. Auch Roma retten die Welt vor Bösewichten. Eine Botschaft, die sich junge Aktivist/innen auf die Fahnen heften. Sie wollen anderen vermitteln: Auch du kannst ein Superheld sein und gegen Rassismus kämpfen.


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