22.01.2021

Im Fluss der Donau-Erzählungen

Die Donau ist ein Ideenraum. Sie dient Staaten und Gemeinschaften als Identifikationsfläche. Ein neues Forschungsprojekt der ÖAW will nun „Die Donau lesen“ und diese Zuschreibungen in der Geschichte des zweitlängsten Flusses Europas genauer unter die Lupe nehmen.

Die Donau fließt nicht nur durch Linz, sondern durch hunderte Städte und insgesamt zehn Länder - sie alle verbinden mit dem Fluss ihre eigenen Geschichten.
Die Donau fließt nicht nur durch Linz, sondern durch hunderte Städte und insgesamt zehn Länder - sie alle verbinden mit dem Fluss ihre eigenen Geschichten. © Unsplash/Moritz Seibold

Die Donau ist mehr als ein Fluss. Ihre Landschaften sind aufgeladen mit Erzählungen, die sich im Lauf der Geschichte verändern. Sie sind das Ergebnis eines kulturell überformten Blicks, der identitätsstiftend ist. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestimmen diese Narrative auch zunehmend die neuen Medien wie Fotografie oder Film. Vieles, was dabei „natürlich“ erscheint, ist ein Konstrukt dieses Blicks – und der Kolorierung: Sogar die Farbe der Donau ist je nach Narrativ anders – von der blauen Donau in Wien bis zur braunen oder zur weißen Donau.

Unter der Leitung von Christoph Leitgeb vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) untersucht nun ein transnationales Team aus Text-, Fotografie- und Filmexpert/innen diese Donau-Narrative im 20. und im 21. Jahrhundert. Das 2020 inmitten der Corona-Pandemie gestartete Projekt heißt „Die Donau lesen“ und ist auf drei Jahre angelegt.

Völkerverbindendes Band

2.857 Kilometer ist die Donau lang von ihrem Ursprung im deutschen Donaueschingen bis zur Mündung ins Schwarze Meer. Zehn Länder berührt oder durchfließt sie gegenwärtig – so viele wie kein anderer Fluss der Erde. Seit der durchgängigen Schiffbarkeit des Flusses im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Donau-Reise populär, im 20. Jahrhundert flaute der grenzüberschreitende Verkehr zeitweise ab und lebte erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder auf. Wiederbelebt wurde damit auch die Metapher der Donau als Band, das unterschiedlichste Völker, aber auch den Okzident und den Orient verbindet. Anhand des Quellen-Monuments in Donaueschingen lassen sich solche Veränderungen der Perspektive gut konkretisieren, erzählt Christoph Leitgeb: „Früher wurde hier nur der Ursprung der Donau als Ort mythisch überhöht, jetzt wird die ganze Flussstrecke auch kartografisch repräsentiert.“

Die Idee vom Fluss als – in den Worten des ungarischen Schriftstellers Péter Esterházy – „großem Integrator” einer europäischen Großregion verdichtet sich besonders in Zeiten tiefgreifender Umbrüche. Zugleich aber wird die Donau in – teils überlappenden, teils widersprüchlichen – Narrativen zu einem Vorstellungsraum, in dem einzelne Gemeinschaften die Position zueinander und zum europäischen Kontext verhandeln. „Interessant ist, wenn sich solche Erzählungen überlappen und widersprechen“, sagt ÖAW-Wissenschaftler Christoph Leitgeb, „wenn sie aus dem einen Kontext gerissen und in einen anderen übersetzt werden.“ Staaten, Gemeinschaften und Individuen entwerfen ihre eigenen Donau-Erzählungen, „übersetzen“ Landschaftstopoi von einer Sprache in die andere, aus einem Kontext in den anderen, von einem Medium in das andere.

Zweiter Amazonas

Ein solcher Topos ist die Donau als zweiter Amazonas, als eine vom Menschen noch unberührte, wuchernde Wildnis. In Hainburg wurde dieser Donau-Topos Teil eines Gründungsmythos der Grünen. Doch gerade dieser ließ sich schwer in den Widerstand gegen Gabčikovo-Nagymaros übertragen: Die Donau hat durchaus wildere Ecken als die Aulandschaften östlich von Wien. Diese Stilisierung mutete dem Blick von außen vielleicht als geradezu absurd an.

Manche Recherche des Projekts gestaltete sich aufgrund von Corona in den vergangenen Monaten schwierig: Trotzdem habe man bereits jetzt einige interessante Funde gemacht, erzählt Leitgeb. So zeigen frühe Ansichtskarten Schiffe, die nachweislich nie auf der Donau gefahren sind. Die Aufnahmen sind das Produkt einer nachträglichen Montage, die den kommerziellen Umgang mit vielen dieser gedruckten Ansichtskarten prägt. „Abbildungen von Landschaften haben etwas Künstliches“, resümiert Leitgeb, „auch, wenn sie scheinbar nichts als Natur zeigen sollen.“

 

AUF EINEN BLICK

Das Projekt „Die Donau lesen“will (trans-)nationale Narrative des zweitlängsten Flusses Europas im 20. und 21. Jahrhundert erforschen. Geleitet wird das Forschungsvorhaben von Christoph Leitgeb vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Finanzierung erfolgt durch Mittel des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

 


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