18.08.2020

Mit breitem Blickwinkel Kulturerbe bewahren

Die "Heritage Science" erforscht unser Kulturerbe und bringt dabei Geistes- und Naturwissenschaften zusammen. Warum dieser interdisziplinäre Zugang wichtig ist und wie sich damit aktuelle Fragen an die Vergangenheit stellen lassen, erklärt ÖAW-Archäologe Andreas Pülz im Interview.

Die Heritage Sciences verbinden geistes- mit naturwissenschaftlichem Wissen. © ÖAW/Klaus Pichler
Die Heritage Sciences verbinden geistes- mit naturwissenschaftlichem Wissen. © ÖAW/Klaus Pichler

Gemeinsam ist man stärker: Das gilt auch für die Wissenschaft. Haben  geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Disziplinen früher oft nebeneinander her geforscht, setzt man seit einigen Jahren verstärkt auf Zusammenarbeit. Die sogenannte "Heritage Science" ist wesentlich von diesem interdisziplinären Zugang geprägt, ihr Anliegen ist die Erforschung, aber auch Bewahrung unseres Kunst- und Kulturerbes, das durch Kriege, Naturkatastrophen, aber auch Vergessen bedroht ist. Kulturerbe umfasst dabei nicht nur Materielles, sondern beinhaltet auch Immaterielles wie Bräuche und Riten, Sprachen sowie darstellende Künste.

Andreas Pülz, Direktor des Instituts für Kulturgeschichte der Antike der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), erklärt im Gespräch, warum die Einblicke in die Menschheit tiefer und konkreter werden, wenn man sich vernetzt. Diesen interdisziplinären Blick unterstützt auch Heritage Science Austria, ein neues Förderprogramm der ÖAW, zu dem man derzeit Projekte einreichen kann.

Erst 2006 taucht der Begriff "Heritage Science" in der Forschung auf. Was ist darunter zu verstehen?

Andreas Pülz:  Heritage Science strebt die Dokumentation, Analyse, Interpretation, Konservierung und Restaurierung und damit die langfristige Wahrung und Sicherung von Denkmälern und Kulturstätten an. Zentrales Ziel ist zudem die Erweiterung unserer Kenntnisse zur Geschichte der Menschheit. Diese können helfen, aktuelle Entwicklungen besser zu verstehen und vielleicht auch Lösungsansätze für heute und die Zukunft zu finden.

Durch das Zusammenspiel der Disziplinen ergeben sich neue Aspekte und Fragestellungen, auf die man früher gar nicht gekommen ist.

Zusammenfassend kann hier auf das bekannte Zitat des ehemaligen deutschen Kanzlers Helmut Kohl verwiesen werden, der in den 1990er-Jahren meinte: Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten. Konkret bezeichnet der moderne Begriff "Heritage Science" einen Teilbereich innerhalb der Kulturerbe-Forschung, der interdisziplinär angelegt ist. Geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Disziplinen, die früher eher nebeneinander gelaufen sind, haben durch stete Vernetzung immer mehr zusammengefunden und verfolgen heute verstärkt in Kooperationsprojekten mit unterschiedlichen Methoden gemeinsame Fragestellungen und Ziele.

Was ist durch diese Vernetzung anders möglich?

Pülz: Durch das Zusammenspiel ergeben sich neue Aspekte und Fragestellungen, auf die man früher gar nicht gekommen ist, eben weil man Dinge nur von einem Gesichtspunkt aus betrachtet hat. Jetzt wird der Blickwinkel weiter, die Informationen werden wesentlich dichter: So liefern etwa Studien im Bereich der Bioarchäologie wesentliche Daten zu Fauna und Flora, zu Nahrungsangebot, zu Krankheiten – also zu den allgemeinen Lebensumständen. Material- und Rohstoffanalysen geben wertvolle Informationen zu Handel und Wirtschaft. Diese Daten gewähren zusammen mit den archäologischen, epigraphischen, literarischen oder numismatischen Quellen konkretere Einblicke in das Leben vergangener Epochen. Zudem ermöglichen sie die Bearbeitung weiter gefasster Fragestellungen, etwa zu Kulturaustausch, zu Migration, zu Identität. Alles aktuelle Themen, die uns heute sehr beschäftigen.

Traurige Aktualität haben Krisengebiete wie Syrien und Afghanistan, wo massive Schäden an Kulturgütern stattgefunden haben. Ohne Dokumentation wird es schwer sein, Renovierungsarbeiten vorzunehmen.

Was sind die größten Feinde des Kulturerbes?

Pülz: Natürlich gehören Kriege und der Klimawandel dazu. Oft sind es auch Naturkatastrophen wie Erdrutsche, Erdbeben oder Brandfälle, die materielles Kulturerbe zerstören. Traurige Aktualität haben Krisengebiete wie Syrien und Afghanistan, wo massive Schäden an Kulturgütern stattgefunden haben. Ohne Dokumentation wird es schwer sein, Renovierungsarbeiten vorzunehmen. Deshalb gibt es bereits heute internationale Initiativen, die vorhandene Archiv-Materialien wie Bilder, Zeichnungen oder Architekturpläne aufbereiten, um damit Informationsgrundlagen für die schwierigen Wiederaufbauarbeiten zu schaffen, etwa für die Altstadt von Aleppo oder die antike Stadt Palmyra.

 

AUF EINEN BLICK

Andreas Pülz ist seit 2009 Direktor des Instituts für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW und seit 2013 wirkliches Mitglied der ÖAW.

Die ÖAW will mit dem neuen Förderprogramm „Heritage Science Austria“, das aus Mitteln der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung finanziert wird, Teams von Wissenschaftler/innen an Museen, Bibliotheken, Universitäten und weiteren Forschungs- und Kulturinstitutionen dabei unterstützen, neue Forschungsvorhaben zum kulturellen Erbe zu starten sowie dafür notwendige technische Infrastrukturen aufzubauen und innovative Methoden auszuarbeiten. Die Einreichung von Projekten ist noch bis 15. September 2020 möglich.

Alle Details zur Einreichung

 


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