02.07.2018

„Man lernt durch das Tun“

„Hands on“ ist für den britischen Sozialanthropologen Trevor Marchand mehr als ein Schlagwort. Bei seinen Feldforschungen im Jemen untersuchte er, wie Handwerker auf traditionelle Art Bauwerke errichten – und legte auch selbst Hand an. Kürzlich war er für einen Vortrag an der ÖAW zu Gast.

Selbst für einen Sozialanthropologen ist es eher ungewöhnlich, sich von einer jemenitischen Familie von Minarett-Baumeistern zum Maurer ausbilden zu lassen. Es sei denn, man heißt Trevor Marchand. Der inzwischen emeritierte Professor an der Londoner School of Oriental and African Studies ist Architekt und arbeitete Ende der 1990er über ein Jahr als Lehrling in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Danach erlernte er in Mali die traditionelle Lehm-Ziegel-Bauweise.

Beide Länder wurden seitdem immer wieder von Bürgerkriegen erschüttert, die zahllose Opfer in der Bevölkerung forderten. Besonders katastrophal ist aktuell die Lage im Jemen. Von den Konflikten ist auch das reiche kulturelle Erbe massiv betroffen und das Wissen über Architekturtraditionen droht heute nicht nur durch Kriege, sondern auch durch Modernisierungsprozesse zu verschwinden, wie Marchand kürzlich in Wien erzählte. Er war auf Einladung des Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zu Gast und sprach über seinen ungewöhnlichen Forschungszugang, der ihm ein einzigartiges Verständnis der bauhandwerklichen Fertigkeiten und lokalen Traditionen ermöglicht.

Herr Marchand, Sie sind Architekt und Sozialanthropologe. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen arbeiten wollen?

Trevor Marchand: Schon als Fünfjähriger habe ich ständig Sachen gebaut und wollte unbedingt Architekt werden. Später in der Schule habe ich versucht, das Forum von Pompeji aus Toilettenpapierrollen nachzubauen. Als Architekturstudent erhielt ich schon früh Aufträge, wodurch ich Zeit auf Baustellen verbrachte. Dort bekam ich mit, wie die Zimmerleute miteinander kommunizierten: Sie verstanden sich sozusagen blind, mit ganz wenigen Worten. Ob alt oder jung – das Handwerk verband sie. Auch wegen dieser Beobachtung habe ich später auf die Anthropologie umgesattelt.

Und Sie begannen wieder selbst mit den Händen zu arbeiten.

Marchand: Ich habe zum Beispiel mit Tischlern in East-London gearbeitet. Das war auf persönlicher Ebene sehr erfüllend. Wir haben unsere eigenen Möbel entworfen und gebaut, und man durfte, ja man sollte sogar Fehler machen, um aus ihnen zu lernen.

Als Sozialanthropologe befassen Sie sich mit dem Bauen als sozialer Praxis. Zu Forschungszwecken waren Sie 13 Monate im Jemen. Warum gerade dort?

Marchand: Während meines Studiums in den siebziger und achtziger Jahren gab es eine Art Panik unter den Sozialanthropolog/innen, dass das traditionelle Wissen im Jemen verloren gehen könnte. Man betrachtete die jemenitischen Maurer, die noch nach alter Technik bauten, wie einen letzten Seufzer dieser uralten Tradition. Als ich in den Neunzigern in den Jemen kam, war die Tradition aber noch intakt.

 

Das war meine vielleicht wichtigste Erkenntnis: Man muss eine Technik nicht schriftlich fixieren, um sie weiter zu geben. Man lernt auch durch das Tun. 

 

Wie haben Sie ihr Verständnis für diese Bautechnik entwickelt?

Marchand: Ich ließ mich von einer Familie von Minarett-Baumeistern zum Maurer ausbilden. Damals war ich noch jung genug, um Steine und Ziegel zu schleppen. Ich bekam keinen Lohn. Dafür hatte ich das Privileg Fragen zu stellen.

Und was haben Sie erfahren?

Marchand: Die Baupraxis dort wirkt sich auf den Geist aus, sie prägt die Art, wie man sich bewegt, sie durchzieht einfach alles! Die Lehrlinge, die von der al-Maswari-Familie zu Minarett-Bauern ausgebildet wurden, waren auch tatsächlich besonders religiös. Um derart schöne Proportionen zu schaffen, benötigten sie Jahre voller Hingabe und Übung. Dabei waren viele von ihnen Analphabeten – sie lernten allein durch Übung und Wiederholung. Das war meine vielleicht wichtigste Erkenntnis: Man muss eine Technik nicht schriftlich fixieren, um sie weiter zu geben. Man lernt auch durch das Tun.

Aber auch im Jemen hat wohl inzwischen die moderne Massenproduktion Einzug gehalten?

Marchand: In Afrika und Asien durchläuft die Gesellschaft gerade dieselben Erfahrungen, die wir im 19. Jahrhundert gemacht haben: Alle Dinge des täglichen Lebens können anderswo günstiger hergestellt werden. Auch in Sanaa im Jemen werden die traditionellen Gebäude allmählich durch fertige Versatzteile ersetzt. Massenproduzierte Waren sind heute einfach billiger. Und mit dem aktuellen Krieg könnte sich überhaupt alles ändern. Nach Kriegsende wird die Priorität sein, schnell Wasser und Unterkunft für alle bereit zu stellen. Der traditionelle Stil wird da nicht hoch auf der Agenda stehen.

 

Auch in Sanaa im Jemen werden die traditionellen Gebäude allmählich durch fertige Versatzteile ersetzt. Massenproduzierte Waren sind heute einfach billiger.

 

Im Westen gibt es dagegen eine Rückbesinnung auf den Wert des Handwerks.

Marchand: Man schätzt wieder das Vergnügen mit der Hand zu arbeiten. Aber nicht erst jetzt. Der britische Schriftsteller John Ruskin hat schon im 19. Jahrhundert über den Wert der Arbeit mit der eigenen Hand geschrieben. Wir durchlaufen also nur eine neue Welle dieser alten Empfindung. Praktische Berufsausbildungen werden in Großbritannien wieder stärker in die Schulbildung integriert. Und seit den Neunzigern gibt es ein „Crafts Revival“: Es ist eine Sache des sozialen Prestiges, Dinge selbst zu machen – und Handgefertigtes zu besitzen.

Könnte das klassische Handwerk damit zukünftig ein Privileg für Wohlhabende sein?

Marchand: Da muss ich auf den britischen Maler und Architekten William Morris (1834–1896) zurückgreifen. Er forderte, dass alle Arbeiter Freude an der Handarbeit haben und sich schöne Einrichtungsgegenstände für ihr Heim leisten sollten. Tatsächlich kamen aber alle Hersteller und Käufer handgefertigter Produkte aus seinem eigenen, privilegierten Umkreis. Lippenbekenntnisse zum Handwerk gab es schon immer. Es heißt: Das Handwerk soll die Gesellschaft demokratisieren. Aber in Wahrheit bleibt es im Umkreis derer, die es sich leisten können.