Tod & Leben:
Lokale Konzeptionen der Wiedergeburt unter den Drusen im Nahen Osten

FWF Einzelforschungsprojekt P 28736, 1. April 2016 – 31. März 2021

Kontakt: Gebhard Fartacek, Lorenz Nigst

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Im Fokus dieses Forschungsprojekts stehen Geschichten und Diskurse über das Phänomen der Wiedergeburt (taqammus), die unter der drusischen Bevölkerung im Nahen Osten bzw. unter Geflüchteten erhoben werden.

Die Vorstellung, dass grundsätzlich jeder Mensch nach seinem körperlichen Ableben in Form eines neugeborenen Kindes wiedergeboren wird, bildet einen festen Bestandteil der drusischen Glaubensdoktrin. Über dieses allgemeine Prinzip hinausgehend scheint es unter den meisten Drusinnen und Drusen zudem einen gewissen Common Sense zu geben, wonach es unter bestimmten Voraussetzungen auch vorkommen kann, dass sich einzelne Menschen an ihr vorhergehendes Leben gedanklich zurückerinnern. Dieses Phänomen wird als nutq – wörtlich „Sprechen“ – bezeichnet, womit auf die Erzählungen kleiner Kinder Bezug genommen wird, die über ihr früheres Leben berichten. Es wird davon ausgegangen, dass derartige Kinder manchmal ihre ehemaligen Familien wiederfinden können, wobei die damit einhergehenden ethnosoziologischen Konsequenzen keinen klaren gewohnheitsrechtlichen Regelungen unterliegen, sondern in weiterer Folge diskursiv ausgehandelt werden müssen.

Die dem Projekt zugrundliegende ethnographische Datenerhebung orientiert sich am Approach der Fallrekonstruktion. Im Zuge dessen werden biographisch-narrative bzw. episodische Interviews in unterschiedlichen nationalstaatlichen Kontexten und verschiedenen gesellschaftlichen Schichten durchgeführt. Mit Blick auf (mögliche) indexikale Äußerungen der Interviewpartner/-innen und den epistemologische Grundlagen, die dem Phänomen „sprechender“ Kinder zugrundliegen, werden die Interviews primär in Arabisch bzw. in syrisch-levantinischer Umgangssprache geführt. Ein Spezifikum des Projekts ist dabei, dass es nicht nur um ein besseres (kultur- und sozialanthropologisches, islamwissenschaftliches) Verständnis des komplexen und vielschichtigen Phänomens an sich geht, sondern zugleich auch um die Schaffung eines themenrelevanten Corpus von Tonaufnahmen, die eine eigene Sammlung in den Beständen des Phongrammarchivs darstellen werden. Eine kontinuierliche methodologische Reflexion des Forschungsprozesses sowie eine systematische Weiterentwicklung des zur Verfügung stehenden Methodeninventars bilden dabei die projektspezifische Schnittstelle zu den anderen Forschungsbereichen des Phonogrammarchivs.