Erforschung und Dokumentation bedrohter Sprachen in Kinnaur (Shumcho, Jangrami, Sunnami, Oras Boli)


Kontakt: Christian Huber

Der Distrikt Kinnaur des Staates Himachal Pradesh im indischen Himalaja ist schon seit langem als ein Gebiet von großer sprachlicher Vielfalt. bekannt, in dem neben tibetischen Varietäten auch verschiedene westhimalajische und indoarische Sprachen beheimatet sind. Alle diese Sprachen und Dialekte, die oft nur in einigen wenigen Dörfern gesprochen werden, sind in unterschiedlichem Ausmaß bedroht, und viele sind weitgehend undokumentiert.

Das vorliegende Projekt, wie auch der Sammlungsschwerpunkt zu Westhimalajischen Sprachen des Phonogrammarchivs, ging aus dem FWF-Projekt P15046Dokumentation oraler Traditionen in Spiti und Upper Kinnaur hervor, das von September 2001 bis Juni 2004 am Phonogrammarchiv durchgeführt wurde. Zu der Zeit war noch nicht viel über die tatsächliche Komplexität der Sprachsituation in Kinnaur bekannt, die Existenz eine Reihe von Sprachen, die im 19. Jahrhundert vorgefunden worden waren, war später in Vergessenheit geraten, und nur aus dem Kinnauri waren in größerem Ausmaß Daten verfügbar. Dem Oraltraditionen-Projekt gelang es, Kontakte zu Angehörigen verschiedener Sprachgruppen zu knüpfen und mit der systematischen Erforschung von Shumcho/Humcho, Jangrami (beide westhimalajisch) und der indoarischen Sprache der unteren Kasten im unteren Kinnaur zu beginnen. In einer Anschlussfeldforschung 2007 wurde auch mit der Erforschung der Sprache der Oberkaste in Sunnam begonnen, die in keinem anderem Dorf gesprochen wird.

Shumcho/Humcho wird in der Region der drei Dörfer Kanam, Labrang und Spillo von allen Kasten gesprochen, in der Jangram-Region von den unteren Kasten in Jangi, Lippa und Asrang, und im Ropa-Tal in Shyaso, Rushkalang und Taling (anscheinend von allen Kasten) sowie von den unteren Kasten in Sunnam, wo die Oberkaste Sunnami spricht. Jangrami (Ethnologue: Jangshung) ist die Sprache der Oberkaste in Jangi, Lippa und Asrang. Die indoarische Unterkastensprache, manchmal Oras Boli genannt (Ethnologue: Kinnauri Harijan), findet sich im zentralen und unteren Kinnaur in allen Dörfern, in denen die Oberkaste Kinnauri oder Chhitkuli spricht.

Infolge des Umstandes, dass das moderne Leben auch in abgelegenen Dörfern im Himalaja Einzug hält, sind all diese Sprachen zunehmendem Druck durch Hindi ausgesetzt. Der Einfluss von Hindi, der Sprache von Verwaltung und Schulunterricht wie auch der Massenmedien (TV, Bollywood, Printmedien, etc.) ist auf allen Ebenen feststellbar und stellt eine ernsthafte Bedrohung für das längerfristige Überleben der kleinen Sprachen dar. Heutzutage sind alle Sprecher zweisprachig (mit Hindi als zusätzlicher Sprache), und es ist bereits zu beobachten, dass Kinder oft nur mehr in Hindi aufgezogen und die lokalen Sprachen nicht mehr an sie weitergegeben werden – ein Trend, der sich wohl nicht mehr umkehren wird. Die Erforschung und Dokumentation dieser lokalen Sprachen ist daher eine Sache von höchster Dringlichkeit.

Da bei keiner der Sprachen auf nennenswerte frühere Untersuchungen zurückgegriffen werden kann, befasst sich das Projekt nicht nur mit der Untersuchung von Lexikon, Phonologie und Grammatik (Morphologie, Syntax, Semantik) der verschiedenen Sprachen, sondern auch mit dem Aufbau einer Sammlung von Ressourcen wie z.B. einem annotierten Textkorpus, z.B. Erzählungen, Gespräche/Interviews usw. (transkribiert, glossiert, übersetzt, analysiert und kommentiert) und sonstigen linguistischen Materialien, die den Gebrauch der Sprache in verschiedenen Situationen und Kontexten dokumentieren, zusammen mit ergänzender videographischer Dokumentation. Die Primärdaten werden durch Feldforschung gewonnen. Das Projekt ist also fest in der Infrastruktur des Phonogrammarchivs verankert: es gewährleistet die Verbindung von Feldforschung, audiovisueller Dokumentation und Archivierung unter einem Dach. Als Teil des Sammlungschwerpunkts Himalaja am Phonogrammarchiv trägt es so nicht nur zur Erweiterung des Sammlungsbestandes bei, sondern zeitigt zum beiderseitigen Vorteil auch Synergien an verschiedenen Schnittstellen mit Schlüsselarbeitsbereichen des Phonogrammarchivs wie z.B. Feldforschungserfahrung, Feldaufnahmemethodik oder die Beschreibung und Organisation von Daten und audiovisueller Dokumentation und deren Archivierung.

Die Forschungsergebnisse des Projekts finden weiters ihren Niederschlag sowohl in akademischen Publikationen und Fachreferaten als auch in Vorträgen für eine breitere Öffentlichkeit. Die Dokumentationsmaterialien werden auch den Sprechern selbst zugänglich gemacht. Die aus der Forschung resultierenden Daten werden außerdem einer vergleichenden Studie zugeführt, in der in einer internationalen Kooperation die innere Struktur der westhimalajischen Sprachgruppe untersucht wird.