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Christmas Talk der ÖAWAkademievorlesungen

Unsichere Zeiten

Wie verwundbar ist unsere Gesellschaft in Zeiten von Krieg, Cyberangriffen und Extremwetter? Beim Christmas Talk der ÖAW diskutierte Eva-Maria Kern, Präsidentin der Universität der Bundeswehr München, wie Forschung, Politik und Eigenverantwortung gemeinsam zu mehr Sicherheit beitragen können.

17.12.2025
Eva-Maria Kern beim Christmas Talk der ÖAW.
© Ludwig Schedl

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, Cyberangriffe, aber auch Bedrohungen durch Extremwetterereignisse hinterlassen ein Gefühl zunehmender Unsicherheit in der Bevölkerung. Wie gut Österreich für diverse kritische Szenarien gerüstet ist, welchen wichtigen Beitrag die Forschung leisten kann und was jeder Einzelne tun sollte, debattierte Eva-Maria Kern, Präsidentin der Universität der Bundeswehr München, beim Christmas Talk „Sicherheit im Fadenkreuz – Wie verwundbar ist unsere Gesellschaft?“ mit krone.tv-Moderator Gerhard Koller am 16. Dezember 2025 im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). 

„Beim Christmas Talk geht es um Wissen und Wissenschaft. Und darum, die Zuhörenden zum Nachdenken zu bewegen“, erklärte Heinz Faßmann, Präsident der ÖAW, in seinen begrüßenden Worten. Und wies auf die Aktualität des diesjährigen Themas hin: die vielfältigen Bedrohungen, denen Europa ausgesetzt ist.

Aktuelle Bedrohungslagen

Wobei die Gefahren für die Sicherheit heute anders sind als jene zu Zeiten der Weltkriege. Es gibt Angriffe auf die kritische Infrastruktur wie etwa Energieversorger, Cyberangriffe, Probleme bei Lieferketten oder hybride Bedrohungen, wenn etwa staatliche und nicht staatliche Gruppen versuchen, über Desinformation Einfluss auf eine Gesellschaft zu nehmen. „Auch wenn wir in Österreich oder Deutschland nicht unmittelbar in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sind, verspüren wir natürlich die Auswirkungen“, beschrieb Eva-Maria Kern die derzeitige Situation, in der sich unsere Gesellschaft befindet. Die Sicherheit sei also ein fragiles Gebilde, so die Präsidentin der Universität der Bundeswehr München.

Gerade hybride Bedrohungen erzeugen ein Gefühl von Unsicherheit. So sei beispielsweise im Falle der Drohnensichtungen über Flughäfen nicht klar, wer oder was dahintersteckt. „Dadurch entsteht einerseits Nervosität in der Gesellschaft. Gleichzeitig ist die Wirtschaft durch die zahlreichen Flugausfälle betroffen“.

Sicherheit durch Forschung und Training

Hilfreich bei vielen dieser Szenarien ist die Wissenschaft, so Kern. „Diese kann Daten liefern, um Bedrohungen zu analysieren, zu bewerten und einzuschätzen und so eine evidenzbasierte Bewertungsgrundlage bereitstellen und oft sogar Maßnahmen definieren, wie man mit der jeweiligen Situation umgeht.“ Das gilt auch für Wetterereignisse wie Starkregen oder Hochwasser. Wichtig sei auf jeden Fall, dass die zur Verfügung gestellten Daten entsprechend in der Realität genützt werden.

Gibt es gute Konzepte und Pläne für die verschiedenen Szenarien, sei es aber auch unerlässlich, so die Expertin, die Umsetzung dieser zu üben. Ein wichtiger Bestandteil ist die Zusammenarbeit von Zivilschutzorganisationen und Einsatzkräften des Bundesheeres, welche sich schon bei Katastropheneinsätzen wie Hochwasser bewährt hat.

Bei sogenannten Vollübungen, also umfassenden, realitätsnahen Übungen, welche die Einsatzfähigkeit verschiedener Organisationen an einem angenommenen Großschadensereignis (wie Hochwasser, Waldbrand oder Chemieunfall) testen, werden das Zusammenspiel, die Abläufe, die Logistik und die Entscheidungsfindung unter Stress trainiert und danach analysiert und Strategien verbessert. „Dazu gehören auch Übungen nach dem europäischen Katastrophenschutzmechanismus, die dazu führen sollen, dass die EU-Länder im jeweiligen Fall über alle Ebenen von Einsatzorganisationen bis zu Behörden zusammenarbeiten.“

Positive Bilanz für Österreich

Österreich stellt Kern in punkto Sicherheitsvorbereitung ein gutes Zeugnis aus. Ein Positivbeispiel ist das Disaster Competence Network Austria (DCNA), ein Zusammenschluss von 26 Forschungseinrichtungen, die gemeinsam mit Praktiker:innen Fragestellungen zum Krisen- und Katastrophenmanagement bearbeiten. Auch der im letzten Jahr ernannte nationale Sicherheitsberater der Bundesregierung sei ein wichtiges Signal.

Verbesserungsbedarf gebe es jedoch beim Überwinden des „sektoralen Denkens". Ziel sei, dass beispielsweise nicht die Energieversorgung einen Plan haben und die ÖBB einen ganz anderen, sondern wechselseitige Abhängigkeiten analysiert und beachtet werden. Denn, erklärte Kern, „ein Ausfall des Stroms hat starke Kaskadeneffekte auf viele unterschiedliche Bereiche, die man gesamtstaatlich betrachten muss“.

Herausforderungen und Eigenverantwortung

Worst-Case-Szenarien, welche die Bevölkerung sofort und unmittelbar betreffen, seien Stromausfälle, aber auch Ausfälle der Trinkwasserversorgung oder der Abwassersysteme. "Das sind Möglichkeiten, eine Gesellschaft effektiv zu zermürben.“

Weiters seien Cyberangriffe und Desinformationskampagnen in sozialen Medien, welche Menschen entsprechend beeinflussen und manipulieren wollen, zentrale Bedrohungen. Wie man bei Informationen richtig von falsch unterscheidet, ist ein wichtiges Thema, das – so ist Kern überzeugt – uns noch stark beschäftigen wird.

Ihr Appell an die Bevölkerung: „Weil es uns immer noch sehr gut geht und über viele Jahre so gut gegangen ist, können wir uns viele Dinge gar nicht mehr vorstellen, die vor 50 Jahren noch viel realer waren". Wichtig sei deshalb, dass jede:r ein Bewusstsein dafür entwickle, welche Maßnahmen man im Fall der Fälle, wie etwa einem Stromausfall, ergreifen muss und dass man Pläne für solche Krisenszenarien habe.

Nutzung von Technologien

Zum Abschluss ging es um das viel diskutierte Thema „Dual Use“ im Zusammenhang mit der Entwicklung von Gütern oder Technologien, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können, wie etwa Drohnen. „Technologie per se ist nicht gut oder böse", betonte Kern. „Deshalb hat heute jede Forscherin und jeder Forscher Verantwortung, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn Ergebnisse in die falschen Hände gelangen".

 

Auf einen Blick

Eva-Maria Kern ist Präsidentin der Universität der Bundeswehr München. Nach ihrem Studium an der Montanuniversität Leoben und Tätigkeiten in der Industrie und an mehreren Universitäten wurde sie 2007 Professorin für Wissensmanagement und Geschäftsprozessgestaltung. Darüber hinaus bekleidet sie mehrere hochrangige Funktionen in wissenschaftlichen und sicherheitsrelevanten Gremien.