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Die politische Macht von Stand-up-Comedy

Humor ist mehr als Unterhaltung: Er verschiebt Perspektiven, entlarvt Macht und macht das Private politisch. ÖAW-Stipendiatin Christina Mattson nimmt in ihrer Forschung queere Stand-up-Comedians in den Blick.

17.02.2026
Eine Frau blickt von der Bühne in einen dunklen Konzertsaal
Stand-up-Comedy: ein Instrument gegen autoritäre Strömungen
© AdobeStock

Humor gilt oft als leicht, unterhaltsam, befreiend – doch er kann auch irritieren, entlarven und politische Ordnungen ins Wanken bringen. Gerade im Stand-up zeigt sich, wie eng persönliches Erzählen und gesellschaftliche Kritik miteinander verwoben sind. Wenn etwa queere Comedians intime Erfahrungen auf die Bühne bringen, machen sie soziale Ungleichheiten sichtbar und stellen Machtverhältnisse infrage. Warum wir heute im „Zeitalter der Komiker:innen“ leben und weshalb Spott für politische Akteur:innen bedrohlich werden kann, erklärt Christina Mattson im Gespräch. Ihr Doktoratsprojekt „The Personal is Political Comedy” wird vom DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gefördert.

Spott gegen das US-Regime 

Einflussreiche Stand-up-Comedians wurden vom US-Fernsehen verbannt. Ihre Shows wurden abgesetzt. Offenbar fühlte sich der US-Präsident bedroht.

Christina Mattson: Absolut. Für Menschen in Machtpositionen kann Spott zutiefst bedrohlich sein. Wenn Comedians Autorität entlarven oder lächerlich machen, destabilisieren sie das Bild von Kontrolle. Die Gegenreaktionen unterstreichen geradezu, dass Comedy politische Kraft besitzt.

Dabei denke ich auch an das Sprichwort: „Frauen haben Angst, dass Männer sie töten; Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen.“ Manchmal scheint Spott eines der wenigen Mittel zu sein, das selbst sehr dicke Häute durchdringt.

Stand-up ist seit Langem ein Mittel der Gesellschaftskritik – und seine Bedeutung nimmt weiter zu.

In Ihrer Dissertation beschäftigen Sie sich mit „The Personal is Political Comedy“ in anglophonen Kulturen, also den USA, Großbritannien und Australien. Wie überschneiden sich Stand-up-Comedy, politisches Engagement und gesellschaftliches Bewusstsein in diesem Kontext?

Mattson: Stand-up ist seit Langem ein Mittel der Gesellschaftskritik – und seine Bedeutung nimmt weiter zu. Wie Cynthia Willett und Julie Willett argumentieren, leben wir im „Zeitalter der Komiker:innen“: Immer häufiger suchen Zuschauer:innen bei Comedians Orientierung, um die Welt zu verstehen.

Traditionell geschah das häufig in Form offener Satire – durch das Infragestellen sozialer Normen, die Kritik an Institutionen und die Konfrontation mit Macht. Gleichzeitig kann Stand-up sehr persönlich sein und auf eigenen Anekdoten der Auftretenden beruhen. Besonders interessiert mich die Verbindung von Persönlichem und Politischem – ein Zusammenhang, der in den letzten Jahren deutlich sichtbarer geworden ist. Seit den frühen 2000er-Jahren, insbesondere um 2017/18, sehen wir eine Welle von Comedians, die persönliche Geschichten als soziale und politische Kritik nutzen.

Aus dem queeren Alltag

Zeigt sich das vor allem bei Comedians aus marginalisierten Gruppen?

Mattson: Ich würde sagen ja. Während viele Menschen behaupten, sie seien „nicht an Politik interessiert“, weil sie Politik als etwas betrachten, das weit von ihrem Alltag entfernt ist, stellen Performances, die Erfahrungen marginalisierter Identitäten ins Zentrum rücken, diese Annahme infrage. Sie zeigen, wie stark der Alltag von größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen geprägt ist. Das wird etwa in Geschichten von Mitgliedern der queeren Community sichtbar: Indem sie von Erfahrungen berichten, die durch Homophobie oder fehlenden rechtlichen Schutz geprägt sind, zeigen sie, wie tief Politik in den Alltag hineinwirkt. Ihre persönlichen Anekdoten werden so zu einer Form der Auseinandersetzung mit politischen Realitäten.

 Durch persönliches Erzählen schaffen sie eine kraftvolle Form politischen Engagements.

Statt politische Systeme direkt anzugreifen, machen sie die politischen Dimensionen ihres Lebens sichtbar, indem sie ihre Erfahrungen unverstellt zeigen. Durch persönliches Erzählen schaffen sie eine kraftvolle Form politischen Engagements. Gesellschaftliche Strukturen werden durch intime Erfahrungen sichtbar macht.

Wäre das der Unterschied zwischen traditionellem Stand-up und queerer Stand-up-Comedy?

Mattson: Statt einer klaren Trennung sehe ich queeres Stand-up als eine besondere Strömung innerhalb des zeitgenössischen Stand-ups, die eine genauere Analyse verdient. Für mich „queert“ es das Format der Stand-up-Comedy – verschiebt Genregrenzen, stellt Konventionen infrage und reagiert auf bestehende Spannungen.

Was genau meinen Sie mit „queered Stand-up“? 
Mattson: Queeres Stand-up ist für mich durch mehrere verbundene Merkmale geprägt: Es ist oft formal innovativ und selbstreflexiv, kommentiert eigene Methoden und Publikumserwartungen und stellt nicht unbedingt das Lachen ins Zentrum. Stattdessen rücken Erzählen, Verletzlichkeit und politisches Engagement in den Vordergrund. Im Fokus stehen marginalisierte Identitäten, besonders queere Erfahrungen, häufig in längeren, zusammenhängenden Erzählformen – teils auch mit direkter Thematisierung von Trauma. Politische Argumente entwickeln sich aus persönlichen Geschichten. In meiner Dissertation untersuche ich vor allem aufgezeichnete „Specials“, die als längere Programme im Fernsehen oder auf digitalen Plattformen Raum für diese narrative Arbeit bieten.

Ein Beispiel, bitte?

Mattson: Für mich ist das Proramm mit dem Titel Nanette von Hannah Gadsby eines der deutlichsten Beispiele. Gadsby beginnt das Special wie ein klassisches Stand-up-Programm und schafft zunächst eine humorvolle, unterhaltsame Atmosphäre. Etwa zur Hälfte erklärt Gadsby jedoch, mit der Comedy aufhören zu müssen, weil sie nicht mehr den eigenen Zielen dient.

Von da an greift Gadsby frühere Witze wieder auf und ergänzt die schmerzhaften Details, die zuvor aus komischen Gründen ausgespart wurden – etwa bei der Schilderung eines homophoben Angriffs. Die Performance rückt damit persönliche Zeugnisse, Empathie und politisches Anliegen in den Vordergrund, statt bloß auf Lachen zu zielen. Indem Gadsby die Grenzen des konventionellen Stand-ups offen thematisiert, entsteht eine neue Form der Performance, die den eigenen Bedürfnissen entspricht. Für mich ist das symbolisch für queeres Stand-up.

Politische Wirkung oder Verharmlosung?

Glauben Sie, dass Humor tatsächlich gesellschaftlichen Wandel bewirken kann?

Mattson: Ich muss vorwegschicken, dass die Beantwortung dieser Frage vielleicht über den Rahmen meiner Dissertation hinausgeht. Ich untersuche eher die Grenzen des Humors und betreibe keine Rezeptionsforschung – ich messe also nicht, ob sich Einstellungen nach einem Special verändern.

Humor kann Normen erschüttern, die Menschen als selbstverständlich ansehen.

Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass gut gemachte Comedy mich dazu gebracht hat, meine Annahmen zu überdenken. Persönlich gesprochen – und über mein Projekt hinaus – denke ich schon, dass Humor ein echtes Potenzial für gesellschaftlichen Wandel hat.

Humor kann Normen erschüttern, die Menschen als selbstverständlich ansehen. Er kann Perspektiven umkehren, infrage stellen, wer Witze erzählen darf und wer zu ihrem Ziel wird, und Vorstellungen von „In-Group“ und „Out-Group“ aufbrechen. In diesem Sinne kann er tatsächlich Denkweisen verschieben. In demokratischen Kontexten könnte sich das in verändertem politischen Engagement zeigen – etwa im Wahlverhalten, in Protesten oder in der Beteiligung an öffentlichen Debatten. Gleichzeitig sehe ich Risiken darin, ernste Themen in Humor aufzulösen: Es kann zu einer Verharmlosung führen, dazu, dass Dinge nicht mehr ernst genommen werden. Diese Spannung, dieses Gleichgewicht, möchte ich in meinem Projekt weiterverfolgen und analysieren.

 

Auf einen Blick

Christina Mattson forscht am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Ihr Doktoratsprojekt, das vom DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert wird, konzentriert sie sich auf Queered Stand-up. Sie hat zuvor als wissenschaftliche Mitarbeiterin im ERC-Projekt „Poetry off the Page” an der Universität Wien die Verbindungen zwischen Stand-up-Comedy und humoristischer Spoken-Word-Poesie untersucht.