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Ewiges LebenBiohacking

Alte Sehnsucht: Warum Longevity seit Jahrtausenden fasziniert

Longevity liegt im Trend: Tech-Milliardäre wie Peter Thiel investieren in die Kontrolle des Alterns, Autokraten wie Wladimir Putin lassen sich medizinisch abschirmen. Doch die Sehnsucht nach einer Verlängerung des Lebens ist uralt. Eine historische Einordnung des Hypes um Longevity liefert die Historikerin Daniela Angetter-Pfeiffer.

28.01.2026
© Adobe Stock

Kryosauna, Biohacking, Plasmatransfusionen junger Spender: Via Social Media zeigt Tech-Millionär Bryan Johnson wie er Alter und Tod besiegen will. Milliardenbeträge investiert auch Peter Thiel, Mitgründer von PayPal, und erklärt offen, er wolle den Tod nicht akzeptieren. Auch über den russischen Präsidenten Wladimir Putin kursieren Gerüchte über exklusive medizinische Programme zur Lebensverlängerung. Doch so neu diese Ambitionen erscheinen: Die Sehnsucht danach, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden.

Berühmteste Erzählung des alten Orients

„Der Wunsch nach Langlebigkeit ist so alt wie die Menschheit selbst“, sagt Daniela Angetter-Pfeiffer. Sie ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Eines der frühesten Zeugnisse findet sich im Gilgamesch-Epos, einer der ältesten schriftlichen Dichtungen der Welt. Es ist in Babylonien entstanden und zeitlich etwa zwischen 2100–1600 v. Chr. anzusetzen. Darin sucht der Held Gilgamesch, König der Summerer, ein Kraut des ewigen Lebens – und verliert es wieder.

Auch religiöse Texte greifen das Motiv früh auf. In der Bibel werden Gestalten wie Methusalem oder Noah mit Lebensspannen von mehreren Jahrhunderten beschrieben. Langes Leben galt als Belohnung für Gehorsam gegenüber Gott. „In den Büchern Mose ist immer wieder davon die Rede, dass man lange lebt, wenn man die Gebote einhält“, so Angetter-Pfeiffer. Schon hier zeigt sich: Unsterblichkeit war weniger ein realistisches Ziel als ein moralisches oder spirituelles Ideal.

Hippokrates empfahl Maßhalten, Bewegung und gutes Essen

Frühe Vorstellungen von Langlebigkeit waren vor allem religiös und mythisch geprägt. Neben biblischen Verheißungen gab es den sagenhaften Jungbrunnen, die Suche nach einem Ort, an dem Alter und Krankheit verschwinden. Allerdings ging es nicht darum, Alter und Tod zu leugnen: „Longevity war immer eine Art Lebenskunst“, erklärt die ÖAW-Historikerin. „Schon in der Antike ging es weniger darum, das Leben zu verlängern, als Körper und Geist stabil zu halten.“

Dazu wurden erstaunlich „praktische“ Konzepte entwickelt. Der griechische Arzt Hippokrates empfahl Maßhalten, Bewegung und eine bewusste Ernährung. Heilpflanzen spielten ebenso eine Rolle wie Fastenzeiten – später im Christentum fest verankert. Angetter-Pfeiffer: „Man wusste, dass man das Altern nicht besiegen kann, sondern nur verlangsamen.“ Von moderner Technologie konnte freilich noch keine Rede sein. Vielmehr war schon früh der Gedanke vorherrschend, dass der Mensch selbst etwas zu seiner Gesundheit beitragen kann.

Arm und Reich - alle wollten lange Leben

War ein langes Leben früher nur den Mächtigen vorbehalten? Überraschenderweise nicht. „Das Thema hat Menschen aller Schichten beschäftigt“, sagt die Historikerin. Zwar konnten sich nur Gebildete die Schriften von Philosophen wie Aristoteles, Platon oder Seneca leisten, die Mäßigung und Selbstdisziplin predigten. Doch der Wunsch, nicht krank zu werden und möglichst gesund zu altern, sei universell gewesen.

Die bäuerliche Bevölkerung konnte kein medizinisches Traktat lesen, aber sie kannte Heilkräuter, Fastenzeiten und die Bedeutung eines maßvollen Lebens – überliefert durch Erfahrung und Tradition.

Jede Epoche ihr eigenes Versprechen

Trotz aller Unterschiede zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte: Bewegung, gesunde Ernährung, soziale Bindungen und geistige Aktivität. Die Methoden jedoch wechselten – teilweise ins Skurrile. So empfahl Hippokrates nur eine Mahlzeit pro Tag, möglichst fettreich. Bei Völlerei setzte er auf Abführmittel, um den Körper zu „reinigen“. Noch im 18. Jahrhundert rieten Ärzte, ein Glas Seifenwasser zu trinken, um innerlich zu „entfetten“.

Im 19. Jahrhundert kamen Naturheilverfahren wie die Kneipp-Therapie, entwickelt vom deutschen Priester Sebastian Kneipp hinzu, dann Hygiene, Impfungen und die moderne Medizin. Der große Unterschied zu früher bestehe heute darin, dass wir Alterungsprozesse heute messen und quantifizieren können – mithilfe von Biomarkern, epigenetischen Uhren und personalisierter Medizin. „Was früher als allgemeine Widerstandskraft galt, nennen wir heute metabolische, immunologische oder neuronale Resilienz, also die Fähigkeit des Körpers, sich an Belastungen, Stress und Umwelteinflüsse anzupassen“, so die ÖAW-Forscherin. Dazu gehören ein funktionierender Stoffwechsel, eine gesunde Darm-Hirn-Achse, Bewegung, ausgewogene Ernährung und Mäßigung.

Der Traum vom Sieg über den Tod

Gab es je eine Epoche, in der Menschen wirklich glaubten, den Tod bald besiegen zu können? „Eigentlich nicht“, sagt die Historikerin. „Seit der Antike war klar, dass Altern ein unvermeidlicher Prozess ist.“ Selbst in Zeiten großer medizinischer Fortschritte habe niemand ernsthaft angenommen, der Tod lasse sich abschaffen.

Der heutige Tech-Optimismus ist daher eher eine neue Verpackung eines alten Traums. Während Start-ups Altern als „technisches Problem“ definieren, bleibt die Grundfrage dieselbe wie vor 4.000 Jahren in Mesopotamien: Wie kann der Mensch dem Verfall entkommen? Vielleicht liegt die nüchternste Antwort ebenfalls in der Geschichte. Longevity, so Angetter-Pfeiffer, sei „kein Versprechen auf Unsterblichkeit, sondern der Versuch, die Jahre, die wir haben, möglichst gesund zu leben“.

 

Auf einen Blick

Die zentralen Punkte in einfach verständlicher Sprache zusammengefasst:

Ist der Wunsch nach einem langen Leben ein modernes Phänomen?
Nein. Menschen beschäftigen sich seit Jahrtausenden mit der Frage, wie sie länger und gesünder leben können – schon in alten Mythen, religiösen Texten und der Antike.

Wie stellten sich Menschen früher ein langes Leben vor?
Früher galt Langlebigkeit oft als göttliche Belohnung oder Lebenskunst. Maßhalten, Bewegung, gesunde Ernährung und geistige Ausgeglichenheit spielten dabei eine zentrale Rolle.

Was unterscheidet heutige Longevity-Ideen von früheren Vorstellungen?
Heute können Alterungsprozesse mit moderner Medizin und Technologie gemessen werden. Das Ziel bleibt aber gleich: nicht unsterblich zu werden, sondern möglichst gesund zu altern.