Die Biodiversität, die Vielfalt des Lebens auf der Erde, nimmt durch den Klimawandel, Umweltverschmutzung und den Einsatz von Pestiziden weltweit rasant ab. Wichtige Impulse zu innovativen Strategien, Biodiversität zu erhalten, liefert ein globaler Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES, der Ende 2024 von mehr als 100 Staaten verabschiedet wurde und sich mit den Grundlagen für einen transformativen Wandel zur Bewältigung der Biodiversitätskrise beschäftigt.
Wie man die Strategien und Ziele allerdings in den einzelnen Ländern konkret umsetzen kann, dafür braucht es weiterführende Überlegungen. Das Symposion „Transformativer Wandel neu gedacht: Vom globalen Bericht zu konkreten Handlungsempfehlungen für Österreich“ der Kommission für Biodiversität in Österreich der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) präsentiert am 30. Oktober an der ÖAW den globalen Bericht und diskutiert heimische Strategien, die für den Erhalt der biologischen Vielfalt maßgeblich sind. Alice Vadrot, stellvertretende Kommissions-Obfrau und Professorin für Umweltpolitik und Internationale Beziehungen an der Universität Wien, erklärt im Gespräch zentrale Punkte, die man konkret umsetzen könnte.
Wie schwierig ist es, aus einem globalen Bericht, wie dem IPBES Bericht zum transformativen Wandel, etwas Konkretes für Österreich abzuleiten?
Alice Vadrot: Der Weltbiodiversitätsrat hat im Dezember 2024 einen globalen Sachstandsbericht zum transformativen Wandel verabschiedet. An dem Bericht haben 101 internationale Wissenschaftler:innen gearbeitet. Sie kommen zu dem Schluss, dass ein transformativer Wandel für eine gerechte und nachhaltige Welt dringlich und notwendig erforderlich ist, um die globalen, miteinander verbundenen Krisen im Zusammenhang mit dem Verlust der Biodiversität, dem Rückgang der Natur und dem prognostizierten Zusammenbruch entscheidender Ökosystemfunktionen zu adressieren. Sie argumentieren, dass das Hinauszögern von Maßnahmen zur Erreichung globaler Nachhaltigkeit kostspielig ist im Vergleich zu den Vorteilen, die sich ergeben, wenn jetzt gehandelt wird.
Die Kernaussagen werden Satz für Satz durch Regierungsvertreter:innen verabschiedet, die unterschiedlichen Interessen, Wertvorstellungen, politische Prioritäten und Wissenschaftsverständnisse haben.
Wir haben gemeinsam mit Mitgliedern der ÖAW-Kommission für Biodiversität in Österreich und im Rahmen von Biodiversity Austria – International, der österreichischen Schnittstelle zu IPBES, eine für Österreich relevante Übersetzung vorgenommen, da Deutsch keine UN-Sprache ist und die globalen Berichte oft umständliche Formulierungen beinhalten. Unsere Idee war aber nicht, nur eine rein sprachliche Übersetzung zu erstellen. Diese Berichte folgen einer diplomatischen Logik. Die Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger:innen haben eine hohe Flughöhe. Die Kernaussagen werden Satz für Satz durch Regierungsvertreter:innen verabschiedet, die unterschiedlichen Interessen, Wertvorstellungen, politische Prioritäten und Wissenschaftsverständnisse haben und daher nicht immer eins zu eins auf den nationalen Kontext übertragbar sind. Deshalb wollten wir für Österreich konkrete Punkte aus den fünf identifizierten Strategien herausarbeiten.
Transformativer Wandel
Was bedeutet das?
Vadrot: Der Bericht definiert den transformativen Wandel als eine grundlegende und systemweite Veränderung von Ansichten, Strukturen und Praktiken, die notwendig sind, um eine nachhaltige Welt zu erreichen. Grundsätzlich geht es also sowohl um individuelles Handeln als auch um strukturelle Veränderungen. Es ist ein Meilenstein der internationalen Umweltdiplomatie, dass der Bericht von einer systemgreifenden Veränderung spricht, die gesellschaftliche, rechtliche, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen umfasst und eine kritische Auseinandersetzung mit jenen Werten erfordern, die unser Verständnis von Natur sowie die Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur prägen. Eine weitere wichtige Säule: rechtliche Rahmenbedingungen,wirtschaftliche Anreize und politische Entscheidungsprozesse.
Kompetenzzersplitterung in Österreich
Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Vadrot: Wir haben uns an den fünf Strategien des globalen Berichts orientiert. Beim ersten Punkt geht es darum, das biokulturelle Erbe zu bewahren, aber auch den rechtlichen Schutzstatus von Biodiversität auf der Grundlage von Rechtinstrumenten zu verbessern. Etwa durch die Verankerung der Eigenrechte der Natur gewisser Naturgüter, aber auch durch verpflichtende Prüfungen sämtlicher Rechtsakte auf Natur- und Klimaverträglichkeit vor ihrem Erlass, die Anpassung der Raumordnungsgesetze und eine europarechtskonforme Ausweisung von Natura 2000-Gebieten. Wir zeigen, dass es notwendig ist, Naturschutz umfassend neu zu denken. In Österreich fehlen sowohl die Rechte von Einzelpersonen zur Durchsetzung des Erhalts der Lebensgrundlagen als auch ausreichend Zugang für die Öffentlichkeit bei Umweltverfahren. Auch die im globalen IPBES Bericht als wichtig betonte Eigenrechtlichkeit der Natur ist in Österreich kaum verankert. Es zeigt sich eine Kompetenzzersplitterung zwischen Bund, Land, Bezirken, und Gemeinden sowie zwischen Naturschutz, Raumordnung, Fischerei- und Jagdrecht, was zu einem ineffizienten Naturschutz mit regional stark unterschiedlicher Ausprägung führt.
Was umfasst die weiteren Strategien?
Vadrot: In Punkt zwei geht es um biodiversitätsfördernde Politik und Praktiken der Land- und Forstwirtschaft, aber auch um Steuern auf naturschädigende Aktivitäten, sowie die Reduzierung und Vermeidung von Bodenversiegelung, aber auch um Gesetze gegen Umweltzerstörung und Verschmutzung. In der dritten Strategie geht es darum, wie man Wirtschaftssysteme umgestalten kann. Dazu würden eine Transaktionssteuer mit ökologischer Zweckbindung und eine strenge Kontrolle von Biodiversitätszertifikaten und Fonds, um umweltschädigendes Verhalten unattraktiv zu machen, gehören. In der vierten Strategie geht es dann um die politischen Entscheidungsprozesse und neue Partizipationsformate. Wir empfehlen, dass man einen Bürger:innenrat für Biodiversität einrichtet und neue Formen der Partizipation ausprobiert. Wichtig ist zudem die Stärkung multilateraler Politik, weil Biodiversität nicht an den Landesgrenzen haltmacht und die Stärkung der Rolle wissenschaftlicher Forschung, von Dateninfrastrukturen und Citizen Science. Ein großes Problem in Österreich ist, dass viele Länder, die Daten über Biodiversität sammeln, diese nicht zur Verfügung stellen. Es gibt eine hohe Intransparenz, die ein langfristiges Biodiversitäts-Monitoring erschwert, aber auch die Zusammenarbeit zwischen Ländern und Bund. Und bei Strategie Nummer fünf geht um den Wandel gesellschaftlicher Werte und Normen. Man sollte Naturverbundenheit als etwas begreifen, das in der Bildung, aber auch in Kunst und Kultur, Eingang findet und alle Bereiche des Lebens, vom Kindergarten bis zum Studium durchdringt.
Biodiversität hat nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Wert.
Wie realistisch schätzen Sie die Umsetzung ein? In Wirtschaftskrisen wird gern bei solchen wichtigen Themen gespart.
Vadrot: Das stimmt leider. Aber der Bericht zeigt deutlich, dass der Erhalt der Biodiversität maßgeblich mit dem menschlichen Wohlbefinden zusammenhängt. Biodiversität hat nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Wert und das Hinauszögern von Maßnahmen ist kostspielig im Vergleich zu den Vorteilen, die sich ergeben, wenn jetzt gehandelt wird. Um unseren Wohlstand und unser demokratisches System langfristig absichern zu können, brauchen wir Biodiversität. Der Bericht zeigt deutlich, wie Korruption und Intransparenz die Zerstörung der Natur befeuern. Kurzfristiges Klientel-orientiertes-Denken ist nicht nur schädigend für die Gesellschaft und Demokratie insgesamt, sondern auch für die Biodiversität.
Neuseeland als Vorbild
Gibt es internationale Vorbilder, was man ändern könnte?
Vadrot: Was die Verankerung der Eigenrechte der Natur betrifft, gibt es einige Beispiel, die zeigen, wir man rechtliche, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse transformieren kann. In Neuseeland haben die Māori es geschafft, in einem parlamentarischen Prozess dem Whanganui-Fluss auf der Nordinsel Rechte zu verleihen. Das hat dazu geführt, dass sich die Wasserqualität massiv verbessert hat. Unternehmen haben andere Wege gefunden, ihren Wasserverbrauch zu regulieren und neue politische Entscheidungsprozesse wurden etabliert, um die Rechte der Natur in Fragen der Ressourcennutzung und Raumplanung anzuerkennen und zu wahren. Der Vorteil des globalen IPBES Berichts liegt für mich daran, dass er von vielen Staaten gemeinsam verabschiedet wurde. So kann man diese auf nationaler Ebene auch in die Verantwortung ziehen: Was konkret davon wollt ihr umsetzen? Diesen notwendigen Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wollen wir im Rahmen des ÖAW-Symposiums auf österreichischer Ebene verstärken.
Auf einen Blick
Transformativer Wandel neu gedacht
30. Oktober 2025, 14:00
Festsaal der ÖAW, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
Weitere Informationen

