Wie Bäume uns beim Kampf gegen die Klimakrise helfen können
04.08.2025
Wälder sind weit mehr als grüne Kulisse: Sie speichern riesige Mengen Kohlenstoff, liefern Lebensraum für unzählige Arten und versorgen uns mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz. Doch der Klimawandel setzt ihnen immer stärker zu – Hitze, Dürre und Schädlinge gefährden ihre Fähigkeit, CO₂ zu binden. Welche Rolle der Wald heute für den Klimaschutz spielt, wie sich seine Speicherleistung verändert hat und warum wir zugleich anpassen und Emissionen drastisch senken müssen, um ihn als Verbündeten zu erhalten, das erläutert Rupert Seidl, Professor für Ökosystemdynamik und Waldmanagement in Gebirgslandschaften an der Technischen Universität München, im Gespräch mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Wald bekämpft Klimawandel
Welche Rolle spielt der Wald im Kampf gegen den Klimawandel?
Rupert Seidl: Der Wald hat eine sehr zentrale Rolle im globalen Klimasystem, besonders durch den Austausch von Kohlenstoff mit der Atmosphäre. Etwa ein Drittel der menschengemachten CO₂-Emissionen wird derzeit direkt vom Wald wieder aufgenommen. Ohne diese Senkenfunktion des Waldes wäre der Klimawandel bereits wesentlich stärker. Allerdings ist der Wald kein „Klimaretter“, der das Problem allein lösen kann – er kann nur einen Teil zur Minderung beitragen. Dennoch ist er eine Art „Übergangstechnologie“, denn er speichert Kohlenstoff aktuell am effizientesten – effizienter als viele technische Lösungen wie „Carbon Capture and Storage“. Bäume machen das von selbst und liefern nebenbei viele weitere Leistungen: Holz, Lebensräume für Arten, Erholung usw.
Ohne die Funktion des Waldes als CO2-Senke wäre der Klimawandel bereits wesentlich stärker.
Wie sieht die CO₂-Bilanz des Waldes konkret aus?
Seidl: Global gesehen ist der Wald eine starke Kohlenstoffsenke – er nimmt mehr CO₂ auf, als er abgibt. Etwa 3,6 Petagramm jährlich. Das kommt durch zwei Hauptfaktoren: Einerseits durch Flächenzuwachs – also wenn Wald neu entsteht, z. B. durch Wiederbewaldung – und andererseits durch die Zunahme der Biomasse in bestehenden Wäldern, wenn Bäume dicker und älter werden.
In Mitteleuropa – und auch in Österreich – ist die Waldfläche in den letzten Jahrzehnten angestiegen und auch die Biomasse im Wald hat zugenommen.
Waldfläche nimmt zu
Das war nicht immer so. Seit wann nimmt die Waldfläche in Europa wieder zu?
Seidl: Wir hatten die geringste Waldausstattung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – also zwischen 1850 und 1900. Seitdem hat die Waldfläche bei uns kontinuierlich zugenommen. Parallel dazu haben unsere Wälder auch an Holzvorrat aufgebaut. Das heißt: Heute steht deutlich mehr Holz auf einem Hektar Waldfläche als noch vor 50 oder 100 Jahren.
Die Kohlenstoffsenke unserer Wälder in Europa stagniert oder nimmt sogar ab.
Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen. Zum einen bewirtschaften wir unsere Wälder heute deutlich schonender als früher. Zum anderen spielen Umweltfaktoren eine Rolle: Der Klimawandel hat einen gewissen Düngungseffekt – mehr CO₂ in der Atmosphäre fördert zunächst das Pflanzenwachstum. Auch Stickstoffeinträge wirken wachstumsfördernd. In den letzten Jahren zeigt sich jedoch eine gegenläufige Tendenz: Die Kohlenstoffsenke unserer Wälder – also ihre Fähigkeit, CO₂ zu speichern – stagniert oder nimmt sogar ab. Hauptursache sind zunehmende Störereignisse wie Borkenkäferbefall, Dürreperioden oder große Windwürfe. Sie setzen gespeicherten Kohlenstoff wieder frei – mit Folgen fürs Klima.
Borkenkäfer als Gegenspieler des Waldes
Und die Dürre begünstigt die Ausbreitung der Borkenkäfer, oder?
Seidl: Ja, allerdings gibt es mehr als 100 Borkenkäferarten in Europa. Der „klassische“ Borkenkäfer, den man meist meint – der Buchdrucker – befällt vor allem Fichten. Der Klimawandel wirkt hier doppelt verstärkend: Einerseits, weil wärmere Temperaturen den Käfern ermöglichen, sich schneller zu vermehren – sie schaffen mehrere Generationen pro Jahr. Andererseits schwächt Dürre die Bäume, die sich dann schlechter gegen Käferangriffe wehren können, weil etwa das Harz nicht mehr ausreichend produziert und verteilt wird. Dadurch kommt es zu den massiven Käferwellen, wie wir sie zuletzt etwa im Waldviertel oder in Osttirol gesehen haben.
Und was bedeutet das für das Totholz? Wie wirkt es sich auf Kohlenstoffspeicherung und das Ökosystem aus?
Seidl: Totes Holz gehört zu einem gesunden Wald dazu. Sterben ist genauso Teil jeder Population wie Wachsen und Leben. In einem natürlichen, gesunden Wald findet man daher immer auch abgestorbene Bäume. Sie erfüllen wichtige ökologische Funktionen, etwa als Lebensraum für viele Arten. Aus Sicht der Kohlenstoffbilanz ist Totholz zunächst einmal gespeicherter Kohlenstoff, der nur langsam wieder freigesetzt wird – zum Teil über viele Jahrzehnte. Wenn in dieser Zeit neue Bäume nachwachsen, kann ein Gleichgewicht entstehen.
Der Klimawandel verstärkt die Schäden durch Borkenkäfer.
Nutzt der Mensch das Holz allerdings, kann man den Kohlenstoff noch länger speichern – etwa durch Holzbau, Möbel oder andere langlebige Produkte. Wenn ich zum Beispiel in einem Holzgebäude sitze – und nicht in einem Betonbau, dessen Herstellung viel CO₂ verursacht –, ist der im Holz gespeicherte Kohlenstoff oft für viele Jahrzehnte gespeichert. Wird Holz hingegen direkt verbrannt, gelangt der gespeicherte Kohlenstoff sofort zurück in die Atmosphäre. Durch mehrfache Verwendung – zum Beispiel Möbelstück, später dann Papier oder Karton – kann der Kohlenstoff über viele Jahre im Kreislauf bleiben.
Mehr Klimaschutz, mehr Anpassung
Was braucht es konkret, um die CO₂-Speicherfähigkeit des Waldes weiter zu verbessern?
Seidl: Im Prinzip braucht es möglichst viele große, dicke Bäume – denn je größer der Baum, desto mehr Kohlenstoff speichert er. Man könnte sagen: einfach wachsen lassen. Aber das ist nicht so einfach, denn dadurch fehlen dann z. B. Holzprodukte als Kohlenstoffspeicher, und alte Bäume sind anfälliger für Störungen wie Windwurf oder Borkenkäfer.
Wir müssten jetzt schon die Bäume pflanzen, die wir in 100 Jahren wollen. Denn dann wird es vermutlich nochmals deutlich wärmer sein als heute.
Eine Möglichkeit sind sogenannte „Dauerwaldstrukturen“: ungleichaltrige, strukturreiche Wälder mit dicken und dünnen Bäumen nebeneinander. Diese sind widerstandsfähiger und können über lange Zeiträume relativ große Mengen an Kohlenstoff speichern und gleichzeitig auch Holz für langlebige Holzprodukte liefern.
Brauchen wir denn jetzt nur Anpassung, damit die Wälder resilienter werden – oder braucht es mehr Klimaschutz?
Seidl: Wir brauchen beides, und zwar parallel. Die letzten Hitzewellen zeigen uns deutlich: Wir müssen uns anpassen, weil unsere Ökosysteme, gerade die Wälder, stark belastet sind aber nur träge reagieren. Wir müssten jetzt schon die Bäume pflanzen, die wir in 100 Jahren wollen. Denn dann wird es vermutlich nochmals deutlich wärmer sein als heute. Das heißt: Klimaschutz und Emissionsreduktion sind genauso wichtig wie Anpassungsmaßnahmen – nur so kommen wir gut durch diese für den Wald sehr herausfordernde Phase.
Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und denken, der Wald regelt das schon. Um die Wälder in der Form wie wir sie heute kennen zu erhalten braucht es aktiven Klimaschutz. Darüber hinaus sichert die Klimaanpassung im Wald die Leistungen, die der Wald für die Gesellschaft erbringt und ist somit ein wichtiger Baustein in einer Welt die nicht mehr von fossilen Rohstoffen abhängig ist.
Auf einen Blick
Rupert Seidl, Professor für Ökosystemdynamik und Waldmanagement in Gebirgslandschaften an der Technischen Universität München, erforscht die biologischen Prozesse und Resilienz von Waldökosystemen, insbesondere ihre Reaktion auf Klimastress und Schädlingsbefall. Nach seinem Studium und der Promotion an der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien folgten Postdocs in den USA und Schweden, bevor er 2013 als Professor an die BOKU zurückkehrte und 2019 nach München wechselte. Er zählt zu den weltweit meistzitierten Forschenden seines Fachs, erhielt einen ERC Consolidator Grant und ist Mitautor des IPCC-Klimaberichts. Von 2016 bis 2024 war er Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW.
