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MigrationsforschungWittgenstein Center Conference

Das ungenutzte Potenzial der Migration

Warum kehren Menschen nach Jahren im Ausland in ihre Heimatregionen zurück – und weshalb bleibt ihr Wissen oft ungenutzt? Dazu forscht der Migrationsforscher Michał Wanke und stellt seine Erkenntnisse im Rahmen einer Konferenz an der ÖAW vor. Für Wanke steht fest: Migration ist nicht nur Ab- oder Zuwanderung, sondern Potenzial für neues Wissen.

21.11.2025
Ein Mann und ein Kind blicken aus dem Fenster eines fahrenden Zuges
Migration bietet viele Chancen, sagt Forscher Michał Wanke.
© Adobe Stock

Migration gehört für Europa zu den großen Themen des 21. Jahrhunderts: Arbeitskräfte aus Osteuropa füllen in Westeuropa Lücken in Pflege, Bau oder Medizin, wo ihre Kompetenz oft kaum genutzt wird. Gleichzeitig kehren viele Menschen, die ausgewandert sind, nach Jahren wieder zurück in ihre Heimat. Doch auch dort wird ihr Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Warum das so ist und wie sich das ändern ließe, erklärt der Migrationsforscher Michał Wanke. Im Rahmen der Jahreskonferenz 2025 des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital von Österreichischer Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Universität Wien und IIASA spricht er zum Thema „Demografische Perspektiven auf Migration im 21. Jahrhundert“ über die gesellschaftlichen Chancen von Mobilität und Rückkehr. Im Interview gibt Wanke Einblicke in seine Forschung, die er unter anderem im EU-Projekt PREMIUM_EU zur Untersuchung der Vorteile von Mobilität in Europa betreibt.

Warum es Menschen auch in ländliche Regionen zieht

Immer mehr Pflegekräfte, Ärzt:innen oder Handwerker:innen kommen aus Osteuropa nach Westeuropa. Was treibt sie an?
Michał Wanke: Es ist eine Kombination aus strukturellen Gründen: Die Arbeitsmarktlage, Löhne und Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat zum Beispiel. Zugleich sind es individuelle Gründe: Wünsche, Pläne, Familiengeschichten der Migration. Oft sind es auch Traditionen, denen die Menschen folgen: In Regionen in Polen oder in türkischen Communities gehört Migration seit Generationen zur Familienbiografie. In der EU kommt die freie Mobilität dazu: Wer sieht, dass woanders etwas besser bezahlt wird, kann gehen.

Es gibt unzählige Gründe, warum Menschen migrieren.

Sie beschäftigen sich besonders mit dem Zuzug in sogenannte „vulnerable“, also strukturschwache, ländliche Regionen in Österreich, den Niederlanden oder Dänemark. Warum gehen Migrant:innen dorthin?
Wanke: Auch das hat viele Gründe, manche sind banal, andere komplex. Familiäre Bindungen spielen eine Rolle, aber auch die Vorstellung, sich in ländlichen Gegenden besser integrieren zu können. Viele glauben, dass man dort schneller die Sprache lernt, weil Schulen weniger multinational sind und stärker auf den Erwerb der deutschen Sprache fokussieren. Es gibt also unzählige Gründe, warum Menschen migrieren.

Kultureller Austausch

Für die Herkunftsländer klingt das nach „Brain Drain“, also dem Verlust qualifizierter Arbeitskräfte. Wie sichtbar sind die Folgen? Und gibt es auch positive Effekte?
Wanke: „Brain Drain“ ist sicher ein Problem, aber Migration hat auch positive Seiten. In Polen etwa entstand nach dem EU-Beitritt ein starkes Ungleichgewicht zwischen Qualifikationen und Arbeitsmarktbedürfnissen. Viele gut Ausgebildete mussten auswandern, weil sie im eigenen Land keine Arbeit fanden. Das war für sie persönlich, aber auch für ihre Regionen teilweise ein Gewinn – sie konnten im Ausland arbeiten und ihren Lebensunterhalt sichern. Migration hat viele Aspekte, sie bedeutet auch Austausch: Viele schicken Geld nach Hause, investieren in ihre Herkunftsorte oder bringen neue Ideen mit – etwa zu Gleichberechtigung, Arbeitsteilung oder nachhaltigem Leben. In Interviews erzählen Rückkehrer:innen, dass sie in ihren Heimatorten „neue Kulturen“ eingeführt haben, wie etwa Nordic Walking nach der Arbeit. Unsere Forschung untersucht vor allem diese positiven Effekte – sogenanntes Migrationskapital – aber auch, warum es oft ungenutzt bleibt.

Viele Menschen arbeiten im Ausland unter ihrem Ausbildungsniveau, weil besser bezahlte Jobs in ihrem Berufsfeld fehlen.

Ein Problem ist die „Dequalifizierung“: Viele Menschen arbeiten im Ausland unter ihrem Ausbildungsniveau, weil besser bezahlte Jobs in ihrem Berufsfeld fehlen. Wenn sie später zurückkehren, bringen sie zwar Wissen und Erfahrung mit, doch ländliche Regionen können dieses Potenzial oft nicht nutzen. Gründe sind strukturelle Barrieren, traditionelle Geschlechterrollen oder fehlende Arbeitsmöglichkeiten. Besonders Frauen übernehmen nach der Rückkehr häufig wieder familiäre oder landwirtschaftliche Pflichten. Auch innovative Geschäftsmodelle scheitern oft: Rückkehrer:innen versuchen, Ideen aus dem Ausland – zum Beispiel Open-Kitchen-Restaurant oder glutenfreie Bäckereien – umzusetzen, stoßen aber auf fehlende Nachfrage und Verständnis. So geht wertvolles Wissen verloren. Die Forschung spricht hier von „verschwendetem Migrationskapital“, also Fähigkeiten und Erfahrungen, die nicht genutzt werden, obwohl sie für die Entwicklung der Regionen wichtig wären.

Was ließe sich konkret verbessern – politisch und vor Ort?
Wanke: Viele abgelegene Regionen sind stark von Abwanderung betroffen. Die Politik konzentriert sich dort meist darauf, Menschen vom Weggehen abzuhalten – was wenig bringt. Wer gehen will, wird das tun. Stattdessen sollten Entscheidungsträger:innen überlegen, wie sie Rückkehrer:innen besser einbinden und deren Erfahrungen nutzen können. Diese Menschen bringen wertvolle Fähigkeiten und Sprachkenntnisse mit. Gemeinden könnten davon profitieren, etwa durch lokale Programme, die Unternehmertum fördern. Manche Maßnahmen müssen aber auch auf staatlicher Ebene ansetzen, etwa bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen. Gerade im Gesundheitsbereich betrifft das viele Frauen, die im Ausland als Krankenschwestern oder Laborassistentinnen gearbeitet haben. Ihre Qualifikationen wären in Polen oder der Türkei dringend gefragt, aber der Weg zur formalen Anerkennung ist oft kompliziert.

Länder wie Polen oder die Türkei sind heute sowohl Herkunfts- als auch Aufnahmeländer.

Migration innerhalb Europas ist längst keine Einbahnstraße mehr: Länder wie Polen oder die Türkei sind heute sowohl Herkunfts- als auch Aufnahmeländer. Politische Maßnahmen hinken dieser Realität hinterher. Hinzu kommt, dass Rückkehrer:innen noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen haben – etwa als „gierige Migrant:innen“, die nur wegen des Geldes fortgingen. Dabei bringen sie Offenheit und neue Ideen mit, die ihre Heimat bereichern könnten. Wichtig ist, dass Politik und Gesellschaft dieses Potenzial endlich erkennen.

Potenzial für Österreich

Welche Rolle kann Österreich in diesem Zusammenhang spielen– gerade in ländlichen Regionen, die von Abwanderung betroffen sind?

Wanke: Zunächst müssen wir diese Regionen besser verstehen. Viele ehemalige Industriegebiete in Österreich verlieren seit Jahren Bevölkerung. Nur wenige Migrant:innen kommen dorthin – und wenn, dann bringen sie sehr spezifische Bedürfnisse mit: Spracherwerb, Integration in kleine Gemeinschaften, gesellschaftliche Teilhabe. Gleichzeitig sehen wir dort enormes Potenzial. Viele Zuwandernde haben unternehmerische Ideen, eröffnen Geschäfte oder probieren Neues aus. Oft scheitern sie, weil es keinen Markt gibt. Hier bräuchte es gezielte Programme, um diesen Unternehmergeist zu fördern.

Ein wichtiger Punkt ist auch die Geschlechterfrage. Oft folgen Frauen ihren Männern. Sie bringen viele Fähigkeiten mit, sind aber strukturell ausgeschlossen: Es fehlt an öffentlichem Verkehr, an Kinderbetreuung, manchmal sogar am Führerschein. Solche Hürden verhindern Teilhabe – und wenn man sie abbaut, profitieren Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen. Viele kommen bewusst in ruhigere Gegenden, um ihren Kindern ein gutes Umfeld zu bieten und die Sprache zu lernen. Diese Entscheidung sollten wir unterstützen, nicht erschweren.

 

Auf einen Blick

Michał Wanke ist Migrationsforscher am Institute of Sociology, University of Opole (Polen). Er arbeitet unter anderem im EU-Projekt PREMIUM_EU mit, das die Vorteile von Mobilität in Europa untersucht. Im Rahmen der Konferenz  "Demographic Perspectives on Migration in the 21st Century" vom  19. bis 21. November 2025 spricht er an der ÖAW über "Waste of Migration Capital in Vulnerable Regions of Europe".

Konferenz-Website