Wohlstand durch Bildung
16.10.2025
Österreich zeigt in PISA-Tests seit 20 Jahren einen stetigen Abfall. Was dieser Wissensverlust bedeutet, analysierte Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. An der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) schilderte er in einer gemeinsamen Vorlesung von ÖAW und Statistik Austria ferner, wie Nationen ihr Wissenskapital vermehren können.
Im Gespräch erklärt er hier seine zentralen Thesen, weshalb Geld kein wesentlicher Faktor ist, ob ein Schulsystem das Bildungsniveau heben kann, warum man Spitzenleistungen nicht gegen Basiswissen ausspielen sollte, und wieso Lernen auch im KI-Zeitalter wichtig bleibt.
Mehr als drei Viertel der internationalen Unterschiede in den langfristigen Wachstumsraten der Volkswirtschaften können damit erklärt werden, wie gut die Bevölkerung in Bildungstests abgeschnitten hat.
Wie hängen Bildung und Wohlstand zusammen?
Ludger Wößmann: Bildung ist ein zentraler, wenn nicht sogar der zentrale Bestimmungsfaktor, ob Nationen wirtschaftlichen Wohlstand erzielen oder eben nicht. Dabei kommt es darauf an, dass man nicht nur betrachtet, wie lange jemand im Bildungssystem verbracht hat oder welchen Abschluss er/sie gemacht hat, sondern was tatsächlich gelernt wurde. Solche Tests der mathematischen, naturwissenschaftlichen und sprachlichen Basiskompetenzen gibt es seit den 1960er-Jahren. Wenn man sich ansieht, wie gut die Bildungsleistung in verschiedenen Ländern ist, kann man erklären, warum einige sehr hohe volkswirtschaftliche Wachstumsraten haben und andere niedrige. Mehr als drei Viertel der internationalen Unterschiede in den langfristigen Wachstumsraten der Volkswirtschaften können statistisch gesehen damit erklärt werden, wie gut die Bevölkerung in Bildungstests abgeschnitten hat.
Bildung erhöht Produktivität
Warum ist das so?
Wößmann: Bildung macht uns produktiver. Dadurch können Menschen mehr zur Wirtschaft beitragen, es wird mehr hergestellt. Ein höheres Bildungsniveau stärkt zudem die Innovationskraft von Volkswirtschaften, sodass neue Technologien schneller hervorgebracht und auch leichter angewendet werden – ein wesentlicher Bestimmungsfaktor des langfristigen Wachstums. Es geht aber nicht darum, ob Länder in den letzten fünf Jahren geboomt haben. Das lässt sich nur bedingt durch unterschiedliche Bildungsleistungen erklären. Wenn man jetzt an den richtigen Schrauben dreht, hat das einige Jahre überhaupt keine wirtschaftlichen Effekte. Man merkt diese erst nach 10, 20 am besten 30 Jahren. Es dauert lange, bis der Arbeitsmarkt völlig neu ersetzt wird.
Gibt es regionale Unterschiede bei der Bildungsleistung?
Wößmann: Die ostasiatischen Länder haben ein echtes Wirtschaftswunder hingelegt in den letzten zwei Generationen. Während die lateinamerikanischen Länder eher niedrige Wachstumsraten hatten. In Ostasien ist man heute etwa neunmal so wohlhabend wie die Großelterngeneration. In Lateinamerika ist man zwar auch wohlhabender, aber nur zweieinhalbmal so viel. Das lässt sich allein mit der Bildungsleistung der Bevölkerung erklären, die einen riesengroßen Unterschied ausmacht, warum Ostasien heute auf einem Wohlstandsniveau steht, das wir aus Westeuropa kennen.
Das reine Faktenwissen ist sicherlich weniger wichtig als noch vor 50 Jahren.
Bei Schultests werden Rechnen und Rechtschreiben getestet. Sind diese Fertigkeiten in unserer von Technik bestimmten Welt noch wichtig?
Wößmann: Das reine Faktenwissen, also das Auswendiglernen, ist sicherlich weniger wichtig, als das noch vor 50 Jahren gewesen ist. Andererseits geht es mit modernen Technologien wie KI, zum Beispiel ChatGPT, in einer Welt, die sich ständig verändert und in der wir neue Dinge lernen müssen, vor allem um die Frage, ob wir Zusammenhänge durchschauen und es schaffen, uns neue Fähigkeiten beizubringen. Dafür sind Basiskompetenzen wichtig, die uns erlauben, Dinge zu verstehen und auf andere Kontexte anzuwenden.
Autonomie und Vergleichbarkeit
Wie müssen Schulmodelle aussehen, die besonders effektiv sind?
Wößmann: Wenn man Forschungen heranzieht, die international vergleichen, welche Länder das systematisch besser hinbekommen, dann sieht man, dass es kaum daran liegt, wie viel Geld ins Bildungssystem gesteckt wurde. Das Ausgabenniveau oder die Klassengrößen haben nahezu keinen Zusammenhang damit, wie gut die Schüler:innen tatsächlich lernen. Es scheint deutlich mehr darum zu gehen, wie diese Mittel tatsächlich genutzt werden. Am besten schneiden Schulsysteme ab mit externen Abschlussprüfungen, die klare Ziele vorgeben und ihr Erreichen überprüfen. Gleichzeitig geht es aber darum, den Schulen viel Selbständigkeit zu überlassen, damit sie möglichst autonom den besten Weg finden, ihre Leistungsziele zu erreichen. Die Kombination aus diesen beiden Faktoren führt zu besonders guten Ergebnissen.
Weil die Schulen motivierter sind und nicht alle über einen Kamm geschoren werden?
Wößmann: Die Schulen vor Ort wissen vermutlich am besten, was für ihre Schüler:innen funktioniert. Zentral organisierte Planwirtschaft schneidet deutlich schlechter ab. Nur: Wenn man den Schulen zu viel Autonomie lässt, und niemand extern das Wissen abprüft, dann führt das oft zu opportunistischem Verhalten. Die Schulen werden ihre Autonomie für alles Mögliche nutzen, aber nicht dafür, tatsächlich die Lernergebnisse der Kinder und Jugendlichen zu verbessern, weil das ja sowieso keiner kontrolliert.
Reformen im Bildungssystem
Ruhen sich westliche Länder zu sehr auf ihrem Bildungssystem aus, anstatt wichtige Veränderungen anzugehen?
Wößmann: Das sieht man für Österreich und Deutschland in relativ ähnlicher Form in den letzten 10, 15 Jahren. Da hat man sehr viel versäumt, und das ist auch ein wesentlicher Grund, warum ostasiatische Länder uns in vielen wirtschaftlichen Belangen voraus sind. Wenn wir nicht grundlegend etwas daran ändern, besteht die große Gefahr, dass die Volkswirtschaft weniger produktiv ist, der Kuchen, der gebacken wird, kleiner ausfällt und wir alle ärmer werden. Wenn man betrachtet, wie sich die PISA-Leistungen in Österreich verändert haben, sehen wir seit 20 Jahren einen stetigen Abfall. Langfristig bedeutet das, dass die österreichische Volkswirtschaft weniger produzieren wird.
Betrifft dieser Wissensverlust alle wirtschaftlichen Ebenen gleichermaßen?
Wößmann: Wir können zwischen Basisleistung und Spitzenleistung unterscheiden. Es gibt Länder, denen es gut gelingt, dass zumindest alle Kinder ein Grundleistungsniveau erreichen. Andere Länder wiederum haben einen großen Anteil an Kindern, die Spitzenwerte schaffen. Das Spannende ist, dass beide Elemente positive Effekte auf das langfristige Wachstum haben. Man sollte also Spitzenförderung nicht dagegen ausspielen, dass auch die schwächsten Schüler:innen ein möglichst gutes Niveau bekommen. Beides ist wichtig. Später in der Wirtschaft bedeutet das nämlich: Die Spitzenwissenschaftler:innen sorgen für die technologischen Entwicklungen und Erfindungen der Zukunft. Gleichzeitig brauchen wir Ausgebildete auf einem guten Niveau, um diese flächendeckend umzusetzen und anzuwenden.
Lecture
Der Vortrag "Bildung und Wohlstand. Das Wissenskapital der Nationen und wie wir es mehren" im Rahmen der ÖAW-/Statistik Austria-Lecture zum Nachsehen:
