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AkademievorlesungKI, flexible Mehrheiten & Co

Frische Ideen zur Rettung der Demokratie

Die Demokratie steht vor Herausforderungen, die sich kaum mit traditionellen Ansätzen lösen lassen. Der Schweizer Ökonom Hans Gersbach erklärt im Rahmen einer Akademievorlesung an der ÖAW, wie man mit KI und anderen innovativen Werkzeugen demokratische Systeme stärken kann.

10.10.2025
Eine Hand hält während einer Abstimmung einen kleinen Zettel in die Luft
Kann die Demokratie die Herausforderungen der Gegenwart meistern? Mit neuen Ideen stehen die Chancen dafür gut.
© Adobe Stock

Vertrauensverlust, Fake News und autokratische Strömungen - die Demokratie steckt in einer tiefen Krise. Wie begegnet man dieser Entwicklung, um Demokratien für Bürger:innen wieder attraktiver zu machen? Hans Gersbach, Ökonom an der ETH Zürich und Co-Direktor des KOF Instituts, hat dazu einige Lösungsansätze parat. 

Im Rahmen der Akademievorlesung „Die Zukunft der Demokratie“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) stellt er diese am 15. Oktober 2025 vor. Im Gespräch erklärt er vorab, welche Instrumente zu einer Erneuerung unserer Demokratien beitragen könnten. Und wie sich dafür auch KI einsetzen lässt.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Hans Gersbach: Ich habe politische Prozesse seit meiner Promotion analysiert – und seit rund 20 Jahren auch damit begonnen, nicht nur den Status Quo zu beschreiben, sondern auch neue Lösungsansätze zu suchen und zu fragen, wo es Verbesserungspotential gibt. Ich habe die Demokratie immer auch als ein Entdeckungsverfahren für neue Regelwerke verstanden.  Es gibt so viele Möglichkeiten, sie wieder stärker und attraktiver zu machen.

Wenn bestimmte Versprechen nicht eingehalten wurden, dann verliert man das Recht, erneut zur Wahl anzutreten.

Welche Vorschläge haben Sie dafür?

Gersbach: Wir arbeiten an sehr unterschiedlichen Ansätzen. In meinem Vortrag möchte ich auf vier Modelle eingehen. Eine Möglichkeit sind politische Verträge. Fake News sind ein großes Problem, Politiker:innen können im Wahlkampf versprechen, was sie wollen, aber kaum jemand kontrolliert, ob das dann auch umgesetzt wurde. Ein politischer Vertrag ist eine freiwillige schriftliche Erklärung von Kandidat:innen oder Parteien für die kommende Amtsperiode. Er kann nur klar überprüfbare Leistungen enthalten, die man zu liefern verspricht. Diese sind verknüpft mit Konsequenzen, je nachdem, ob die Versprechen eingehalten werden oder nicht. Die simpelste Variante ist ein Wiederwahl-Schwellenvertrag. Wenn bestimmte Versprechen nicht eingehalten wurden, dann verliert man das Recht, erneut zur Wahl anzutreten, oder es gibt monetäre Konsequenzen. Wenn man seine Ziele vorbildlich umsetzt, könnte es auch monetäre Belohnungen geben. Oder man erreicht einen bestimmten Status: Wenn jemand zum Beispiel die öffentliche Verschuldung in engen Grenzen gehalten hat, dann wird diese Person zu einem prestigeträchtigen Elder-Statesman ernannt.

Flexible Mehrheiten

Sie schlagen auch flexible Mehrheitsregeln im Parlament vor. Was kann man sich darunter vorstellen?

Gersbach: Weitreichende Änderungen erfordern einen breiteren Konsens. In vielen demokratischen Ländern ist die Staatsverschuldung ein wichtiges Thema, auch aktuell in Österreich. Eine harte schuldensensitive Mehrheitsregel könnte etwa so aussehen: Sind die neuen Schulden unter 0,5 Prozent des BIP braucht man im Parlament eine 50-Prozent-Mehrheit. Bei bis zu einem Prozent bereits 55 Prozent. Und bei 2 Prozent dann sogar eine Mehrheit von 65 Prozent. In der Covid-Pandemie gab es eine große Mehrheit und Übereinstimmung dazu, dass sich der Staat verschulden soll, um den wirtschaftlichen Schock abzufedern. In guten Zeiten ist diese Bereitschaft deutlich kleiner, und deshalb wirkt diese Regel dann wie eine Schuldenbremse. Die vorgeschlagene Regel hilft dabei, dass bei heiklen Themen wie steigender Staatsverschuldung eine große Mehrheit gefunden werden muss, die diese Entscheidung auch wirklich mitträgt.

Wie kann der/die Wähler:in stärker motiviert werden?

Gersbach: In der Schweiz gibt es ja eine direkte Demokratie. Unsere Co-Voting-Modelle würden eine Mischform mit der repräsentativen Demokratie vorschlagen. Da gibt es gewählte politische Vertreter:innen, aber bei wichtigen Entscheidungen wird durch Zufallswahl eine größere Gruppe von Bürger:innen ausgewählt (sogenannte Vote-Holders). Diese Bürger:innen erhalten Unterlagen zu den Abstimmungsthemen, und sowohl das Parlament als auch die Vote-Holders stimmen dann ab. Beide Entscheide werden für das Endergebnis berücksichtigt und in der Regel zu 50 Prozent gewichtet.  Das könnte man vielleicht zuerst in größeren Gemeinden oder Städten ausprobieren. Bürger:innen können damit konkreter mitbestimmen, und sie erleben eine direkte Beteiligung und Verantwortung an kollektiven Entscheidungen. Trotzdem hat man auch das Parlament dabei, wo Expert:innen sitzen.

Digitale Zwillinge

Sie wollen aber auch KI stärker einbinden. Wie sieht das konkret aus?

Gersbach: Bei der KI-gestützten Demokratie werden sogenannte digitale Zwillinge der Wähler:innen erstellt. Natürlich auf freiwilliger Basis und es ist wichtig, dass der Mensch immer die letzte Entscheidung hat. Die KI lernt die Präferenzen, Werte, aber auch Emotionen des realen Menschen kennen. Gezielte Fragen und Interaktionen zwischen KI und Mensch füttern die KI mit diesen Informationen. Bei Abstimmungen gibt zuerst der digitale Zwilling seine unverbindliche Stimme ab. Er macht einen Vorschlag, der zu den Präferenzen der realen Person passt. In der zweiten Runde gibt dann der Mensch eine verbindliche Stimme ab. Dieser kann sich für oder gegen den Vorschlag der KI entscheiden und behält die volle Kontrolle.

Die KI erklärt, wie sie zu ihrer Entscheidung gekommen ist, und auch, wo sie eventuell unsicher ist.

Kommuniziert die KI dann auch, wie sie zu dieser Entscheidung gekommen ist?

Gersbach: Ja, die KI erklärt ihre Empfehlung und spricht idealerweise auch die Widersprüche an, die bei einer Entscheidung aufgrund des persönlichen Wertesystems oft entstehen können. Wir sind in der Entwicklung dieser Systeme. Es geht darum, dass die KI transparent kommuniziert, welche Informationen und Analysen sie für die Entscheidung verwendet hat. So lernt man auch mehr über seine persönlichen Entscheidungen und warum man zu welchem Ergebnis gekommen ist.

Weil man die vielen Widersprüche im eigenen Leben oft nicht so am Radar hat?

Gersbach: Genau. Die KI erklärt, wie sie zu ihrer Entscheidung gekommen ist, und auch, wo sie eventuell unsicher ist. Es ist sinnvoll, das Gesamtergebnis der ersten Runde der digitalen Zwillinge im Abstimmungsverfahren öffentlich machen. Dann kann der Mensch nochmal sehen, ob das mögliche Endresultat auch seinen Vorstellungen entspricht. Oder, ob er in der zweiten Runde seine Stimme anders setzen möchte. Das alles kann auch einen spielerischen Aspekt haben, der Wahlen und Abstimmungen gerade für junge Menschen wieder attraktiver machen könnte.

 

Auf einen Blick

Die Zukunft der Demokratie
15. Oktober 2025, 18:00 Uhr
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Festsaal, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien

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