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GeopolitikIranistik

Wie der Iran und Israel zu Feinden wurden

Der Konflikt zwischen Iran und Israel hat sich in den vergangenen Wochen dramatisch zugespitzt. Droht ein Krieg ohne Ende? Robert Steele vom Institut für Iranistik der ÖAW über historische Hintergründe, geopolitische Dynamiken – und Chancen für Diplomatie.

24.06.2025
Die Beziehung zwischen Iran und Israel eskaliert - doch die Spannungen haben sich lange aufgebaut, so Experte Robert Steele.
© Shutterstock

Nach dem israelischen Angriff auf den Iran haben sich die Ereignisse überschlagen. Israel begründet sein Manöver nach wie vor damit, dass man den Bau einer Atombombe stoppen wolle. Der Iran schlug zurück. Mittlerweile hat sich auch die USA eingeschaltet und den Iran angegriffen.

Hinter dem Konflikt zwischen Iran und Israel steckt eine lange Geschichte. Die beiden Länder standen sich nicht immer feindlich gegenüber, aber in den vergangenen Jahren haben beide Seiten den Streit befeuert, sagt Robert Steele, der am Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht. Der Iran unterstützt zum Beispiel Milizen wie die Hamas, die Israel angegriffen haben. Und Israel betont international stets, welch große und unmittelbare Gefahr der Iran mit seinem Atomprogramm darstellt.

Auch Religion spielt eine Rolle – Israel ist ein jüdischer Staat, der Iran ein schiitisch-muslimisches Land – und der Konflikt dreht sich letztlich auch um Gaza und das Westjordanland, wo hauptsächlich Palästinenser:innen leben. Aber vor allem geht es im Konflikt um politischen Einfluss, Sicherheit und Macht in der Region. Robert Steele ordnet die aktuelle Eskalation ein. Er erklärt den historischen Wandel von früheren Bündnissen zu tiefgreifenden Spannungen und analysiert welche Chancen auf eine Lösung bestehen.

Einst Freund, jetzt Feind

Wie würden Sie die aktuelle Lage zwischen dem Iran und Israel einschätzen?

Robert Steele: Sie ist schwierig einzuschätzen. Die Lage verändert sich schnell, vor allem, weil die USA viel früher eingegriffen haben, als erwartet. Trump wollte der Diplomatie ein paar Wochen geben, doch plötzlich gab es einen Angriff auf drei iranische Nuklearanlagen. Das deutet entweder auf einen Strategiewechsel hin oder darauf, dass die Verhandlungen hinter den Kulissen gescheitert sind. Jetzt ist nicht einmal klar, wie schwer die Schäden sind – Trump meinte zunächst, sie seien erheblich, hat das aber inzwischen relativiert, und die Iraner spielen es ebenfalls herunter. Es ist schwer zu wissen, wem man glauben soll und wohin sich der Konflikt entwickelt.

Vor der Islamischen Revolution von 1979 war der Iran unter dem Schah einer der engsten Verbündeten Israels in der Region.

Schauen wir zurück: Wann wurden der Iran und Israel zu Gegnern?

Steele: Sie waren nicht immer Gegner. Vor der Islamischen Revolution von 1979 war der Iran unter dem Schah einer der engsten Verbündeten Israels in der Region. Es war größtenteils eine Zweckgemeinschaft – beide hatten gemeinsame strategische Interessen, insbesondere in Bezug auf den arabischen Nationalismus und später die wachsende Macht des Irak. Während der großen regionalen Kriege 1967 und 1973, als die arabischen OPEC-Staaten ein Ölembargo verhängten, weigerte sich der Iran, daran teilzunehmen. Stattdessen erhöhte es seine Ölförderung. Damals arbeiteten beide wirtschaftlich und politisch zusammen. Israelis reisten in den Iran und arbeiteten dort.

Während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er-Jahren lieferte Israel Waffen und Ersatzteile an den Iran, weil beide Saddam Hussein mehr fürchteten als einander.

Sogar nach der Revolution – trotz der starken anti-israelischen Rhetorik der neuen Islamischen Republik, die Israel als eine Art Erweiterung Amerikas im Nahen Osten betrachtete – unterhielten Israel und der Iran eine Beziehung. Während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er-Jahren lieferte Israel Waffen und Ersatzteile an den Iran, weil beide Saddam Hussein mehr fürchteten als einander. Die Feindschaft ist also weder alt noch eindeutig.

Vom Dialog zur Achse des Bösen

Wann hat sich das geändert?

Steele: In den 1990er-Jahren begannen sich die Dinge zu verschieben. Der Iran setzte seine anti-israelische Rhetorik fort, konnte diese aber nun durch seine Unterstützung für die Hisbollah untermauern, die er 1982 mitbegründet hatte. Israel wiederum begann, den Iran als eine existenzielle Bedrohung zu betrachten, insbesondere mit dem Fortschritt von Raketen- und Atomprogramm des Irans. Israel begann, international Bedenken über einen Angriff zu äußern. Das ist der Ursprung dieses Konflikts.

Der Iran ist schwächer als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der Revolution – Hisbollah und Hamas sind geschwächt, und Syriens Assad ist gefallen und kein starker Verbündeter mehr.

Welche Rolle spielten Führungswechsel bei dieser Entwicklung?

Steele: Führung war entscheidend. Es gab verpasste Chancen zur Lösung des Konflikts. Ein wichtiger Moment war, als Mohammad Khatami 1997 Präsident des Irans wurde: Er warb für einen “Dialog der Zivilisationen“ und war bereit, die Beziehungen zu den USA zu verbessern. Bill Clinton war offen dafür. Im Iran war sogar von Unterstützung für eine Zwei-Staaten-Lösung die Rede – falls die Palästinenser:innen zustimmen. Doch Israel betrachtete die Aussicht auf engere Beziehungen zwischen dem Iran und den USA als Bedrohung für seine eigene Sicherheit. Und dann wurde die Hoffnung auf Diplomatie jäh beendet, als George W. Bush den Iran 2002 zusammen mit Nordkorea und dem Irak zur „Achse des Bösen“ erklärte. Diese Rhetorik stoppte den Fortschritt. 2005 wurde Mahmoud Ahmadineschad Präsident des Irans und verfolgte eine viel aggressivere Haltung gegenüber Israel, mit provokativen Aussagen über Israels Existenz und einer Holocaust-Leugnungskonferenz. Auch auf israelischer Seite gab es feindselige Sprache: Netanjahu sagt seit fast 20 Jahren, dass der Iran nur noch Monate davon entfernt sei, eine Atombombe zu besitzen.

Arabische Staaten besorgt aber neutral

Was ist die geopolitische Rolle des Irans?

Steele: Der Iran hatte schon immer einen starken Einfluss auf die Politik im Nahen Osten, insbesondere unter dem Schah nach dem britischen Rückzug aus dem Persischen Golf 1971. Der Schah konnte dann – mit Unterstützung der USA – die iranische Vorherrschaft im Persischen Golf etablieren. Nach 1979 änderten sich die Ziele des Irans. Anstelle imperialer Rhetorik wollte man die Islamische Revolution exportieren, durch Unterstützung – teils schiitischer – Bewegungen und Milizen in der Region: der Hisbollah im Libanon, der Milizen im Irak und später der Hamas in Gaza.

Die Iraner:innen sind frustriert darüber, dass ihre Regierung Milliarden ausgibt, um Hisbollah und Hamas zu unterstützen, statt das Leben im eigenen Land zu verbessern.

Deshalb hat Israel jetzt angegriffen: Der Iran ist schwächer als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der Revolution – Hisbollah und Hamas sind geschwächt, und Syriens Assad ist gefallen und kein starker Verbündeter mehr. Israel wiederum ist militärisch derzeit stärker aufgestellt und will jede diplomatische Lösung der iranischen Atomambitionen – einen Deal mit Trump – sabotieren.

Wie sehen andere arabische Länder den Konflikt?

Steele: Die meisten arabischen Staaten kritisieren Israels jüngsten Angriff stark. Sie sind besorgt, dass sich der Krieg auf die gesamte Region ausweiten könnte, und ein stabiler Iran ist für die Wirtschaft vieler Länder gut. Das bedeutet aber nicht, dass sie den Iran unterstützen.

Der Iran hat kaum noch Spielraum für Eskalation.

Zivilgesellschaft will keinen Krieg

Und wie reagiert die Zivilgesellschaft?

Steele: Die meisten Iraner:innen wollen keinen Krieg. Als das Atomabkommen – das JCPOA – 2015 unterzeichnet wurde, feierten die Menschen auf den Straßen. Es gab Hoffnung auf wirtschaftliche Erholung und eine Rückkehr in die internationale Gemeinschaft. Die Iraner:innen sind frustriert darüber, dass ihre Regierung Milliarden ausgibt, um Hisbollah und Hamas zu unterstützen, statt das Leben im eigenen Land zu verbessern. Die Menschen fühlen sich auch nicht vor israelischen Luftangriffen geschützt, und diese Wut kann sich nach innen richten. Besonders nach den Protesten von 2022 – „Frauen, Leben, Freiheit“ – hat die Legitimität des Regimes ohnehin bereits gelitten. Dieser Krieg hat die Unzufriedenheit nur verstärkt.

Iran hat kaum Spielraum für Eskalation

Glauben Sie, dass eine diplomatische Lösung wahrscheinlich ist?

Steele: Ja. Die Beteiligung der USA wird vielleicht zu einer schnelleren Lösung des Konflikts führen. Der Iran ist in einer schwachen Position und hat kaum noch Spielraum für Eskalation – er hat bereits einen Großteil seiner Raketen aufgebraucht – und weiß, dass er Verhandlungsspielraum braucht. Der Iran hat damit gedroht, die Straße von Hormus zu schließen, aber das würde auch der eigenen Wirtschaft schaden. Ich vermute, der Iran will sich damit eine stärkere Position für künftige Verhandlungen sichern.

Wenn ein Regimewechsel das Ziel ist, hätte das enorme innenpolitische Folgen.

Israel erreicht offenbar seine Ziele – Irans Militärinfrastruktur und Netzwerke zu schwächen. Die große Frage ist, ob Israels Ziel nur darin besteht, den Iran zu schwächen oder ob es um einen Regimewechsel geht. Es gibt Hinweise darauf, dass Letzteres das Ziel sein könnte. Zum Beispiel hat Israel kürzlich den Eingang zum Evin-Gefängnis bombardiert, in dem politische Gefangene sitzen – ein symbolischer Akt, der eine Botschaft an die iranische Bevölkerung senden soll. Wenn ein Regimewechsel das Ziel ist, hätte das enorme innenpolitische Folgen.

Könnte das ein Wendepunkt für die Islamische Republik sein?

Steele: Möglicherweise, ja. Das Regime hat Kriege, Sanktionen, Proteste überstanden – aber dieser Krieg ist anders. Er legt die Verwundbarkeit des Regimes offen. Es kann seine Bürger nicht schützen, die Wirtschaft kollabiert, und das Vertrauen der Öffentlichkeit schwindet. Die nächste Phase – ob sie zu Reform, Revolution oder weiterer Repression führt – wird entscheidend sein.

 

AUF EINEN BLICK

Robert Steele ist Postdoktorand am Institut für Iranistik der Österreichen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und arbeitet an der Kultur- und Geistesgeschichte des modernen Irans, mit Schwerpunkt auf der Zeit der Pahlavi-Dynastie. Er hat einen Doktortitel in arabischen und islamischen Studien von der University of Exeter und einen MPhil in Nahoststudien von der University of Manchester. Von 2021 bis 2022 war er Gastwissenschaftler am Department of International History der London School of Economics, und von 2019 bis 2021 war er der erste Jahangir and Eleanor Amuzegar Postdoctoral Fellow in Modern Iranian History am Department of Near Eastern Languages and Cultures der University of California, Los Angeles.