Wie brutal waren Gladiatorenkämpfe?
12.05.2025
Blockbuster-Filme zeigen Gladiatoren als muskelbepackte Helden, die gegen exotische Tiere kämpfen. Aber wie realistisch ist dieses Bild? Es gibt zwar antike Beschreibungen und Darstellungen der Spektakel in römischen Amphitheatern, aber bisher kaum Knochenreste von Menschen, die in der Arena starben. Der Grund: Im Römischen Reich war die Feuerbestattung weit verbreitet. Umso spannender ist eine Sensationsentdeckung aus York, wo man bereits zwischen 2004 und 2005 einen Friedhof mit überwiegend männlichen Skeletten ausgegraben hat.
Ein Forschungsteam konnte nun bei einem Individuum Bissspuren einer Raubkatze nachweisen. Man nahm zunächst an, es handle sich um einen Gladiatorenfriedhof. Warum diese These wohl nicht haltbar ist, aber auch, wie ungeheuerlich brutal die römische Arena tatsächlich war, davon erzählt Anna Dolganov, Altertumsforscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Erster Nachweis für Raubkatzen in Arenakämpfen
Warum gehen Sie davon aus, dass es sich bei den Skeletten in York um keine Gladiatoren handelt?
Anna Dolganov: Die Idee eines Gladiatorenfriedhofs scheitert an der einfachen Tatsache, dass rund 80 Prozent der gefundenen Skelette zu Männern gehören, die von hinten enthauptet wurden. Es gibt meines Wissens keinen einzigen Beleg eines Gladiators, der durch Enthauptung gestorben ist. Gladiatoren, die schwer verwundet waren oder nicht zufriedenstellend gekämpft hatten, wurden durch einen Stich oder einen Kehlenschnitt getötet. Die Enthauptung ist ein klares Zeichen dafür, dass es sich um Hinrichtungen handelt. Meiner Meinung nach war dies ein Hinrichtungsfriedhof, der offenbar über mehrere Jahrzehnte verwendet wurde, da die Bestattungen nicht zeitgleich erfolgten.
Gladiatoren, die schwer verwundet waren oder nicht zufriedenstellend gekämpft hatten, wurden durch einen Stich oder einen Kehlenschnitt getötet.
Auf einem Skelett wurden Bissspuren einer Großkatze gefunden. Warum ist diese Analyse bahnbrechend.
Dolganov: Dieser Knochenfund ist der erste materielle Nachweis eines Todes bei Arenaspektakeln, wo Raubkatzen zum Einsatz kamen. Diese Zuordnung wurde in Kooperation mit Zoologen getroffen. Die Gebissabdrücke finden sich im Beckenknochen, was nicht der üblichen Art und Weise entspricht, wie Raubkatzen töten: Sie springen auf Kopf und Nacken ihrer Beute. Das heißt, dass die Person wahrscheinlich schon am Boden lag, als die Raubkatze die Leiche oder die noch lebende Person wegziehen wollte.
Gladiatoren waren oft Berühmtheiten und sind keineswegs immer in der Arena gestorben, weil sie als professionelle Kämpfer sehr teuer waren.
Gladiatoren waren Profisportler
Wie weiträumig waren Amphitheater-Spiele verbreitet?
Dolganov: Im gesamten Römischen Reich und insbesondere in Militärstädten wie York (lat. Eboracum) gab es Amphitheater, die für Spiele genutzt wurden. Es sind damals mehrere Kategorien von Menschen in die Arena geschickt worden. Die römischen Quellen unterscheiden deutlich zwischen Sträflingen, die zum Tod in der Arena verurteilt wurden, und Gladiatoren, die eine professionelle Ausbildung für den Kampf erhielten – und auch die Möglichkeit hatten, nach einer bestimmten Zeit oder nach besonders erfolgreichen Kämpfen, mit der Freiheit belohnt zu werden. Die Karriere eines Gladiators war in mancher Hinsicht der eines heutigen Profisportlers nicht unähnlich: Gladiatoren waren oft Berühmtheiten und sind keineswegs immer in der Arena gestorben, weil sie als professionelle Kämpfer sehr teuer waren.
Wer waren die anderen, die in der Arena kämpften?
Dolganov: Menschen, die ein Todesurteil erhielten, konnten in die Arena geschickt werden, wo viele Formen des Todes auf sie warteten. Im römischen Gerichtssystem hatten öffentliche Hinrichtungen eine abschreckende Funktion, wurden aber auch zur Unterhaltung genutzt. Der Tod in der Arena sollte möglichst schmerzhaft und erniedrigend sein. Man konnte als Verurteilter gefesselt werden – es gab sogar Plattformen auf Rädern, auf denen sie in die Arena gerollt wurden. Es sind Hinrichtungsszenen auf römischen Mosaiken abgebildet, in denen Leoparden auf gefesselte Sträflinge springen und sie zerfleischen. Es sagt etwas über die Sensibilität der damaligen Zeit aus, dass die Menschen solche Darstellungen für ihre Esszimmerböden wählten. Manche Gefangene wurden mit rudimentären Waffen ausgestattet, jedoch ohne Schutzausrüstung. Diese hatten keine Chance gegen die Tiere, aber der Unterhaltungseffekt war größer, weil es länger dauerte, bis sie starben. Ein weiteres beliebtes Spektakel war der Kampf der Verurteilten gegeneinander bis zum Tod. Wer nicht kämpfen wollte, wurde mit Peitschen und Feuerstäben angetrieben.
Antikes Business: Sträflinge für Todesspiele kaufen
Das klingt extrem brutal.
Dolganov: Das war es auch. Und es war ein gutes Geschäft. Lanistae nannte man jene Manager, die Gladiatorenkämpfe veranstalteten und von den römischen Gerichten Verurteilte für die Todesspiele kauften. Diese waren vergleichsweise günstig zu bekommen, hatten aber ein Auslaufdatum: Die römische Gesetzgebung legte fest, dass Sträflinge innerhalb eines Jahres sterben mussten. So wurde das römische Gerichtswesen mit der Unterhaltungsindustrie verknüpft.
Ein beliebtes Spektakel war der Kampf von Verurteilten gegeneinander bis zum Tod. Wer nicht kämpfen wollte, wurde mit Peitschen und Feuerstäben angetrieben.
Woher kamen die Tiere?
Dolganov: Auch die Tiertransporte ins gesamte Römische Reich waren ein Massengeschäft. In Amphitheater-Spielen, bei denen der Kaiser anwesend war, kamen Hunderte von Tieren zum Einsatz, auch exotische wie Nilpferde, die aus Zentralafrika importiert wurden. Es gab eine mittelmeerweite Tiertransportindustrie. Man schickte römische Legionseinheiten auf Jagd nach ihnen. Die Nachfrage war riesig, denn vielerorts war es üblich, dass lokale Amtsträger beim Amtsantritt Spiele veranstalteten. Städte konnten Verbrecher, die vom römischen Statthalter verurteilt wurden, bestellen und wieder zurückbekommen, damit diese in der Arena der Heimatstadt getötet werden konnten. Die Kultur der römischen Todesspektakel sickerte bis in die kleinen Ortschaften durch.
In Amphitheater-Spielen, bei denen der Kaiser anwesend war, kamen Hunderte von Tieren zum Einsatz, auch exotische wie Nilpferde.
Tod in der Arena war als Strafe für Schwerverbrecher
Kommen wir zu den Funden nach York zurück. Wer waren diese Bestatteten?
Dolganov: Der Löwenbiss zeigt, dass die Person zu Arenaspielen gezwungen wurde und dort gestorben ist. Andere Skelette weisen brutale Verletzungen auf, die ebenfalls mit dem Kampf in der Arena übereinstimmen. Ihre Enthauptung zeigt jedoch, dass sie keine Gladiatoren, sondern Verurteilte waren. Das Enthaupten galt im römischen Reich als humanitäre Hinrichtungsmaßnahme, menschlicher als die Kreuzigung oder das Verbrennen. Diese Art der Hinrichtung war in der Regel römischen Bürgern und Personen mit höherem Status vorbehalten. Auch römische Legionäre, die schwere Verbrechen verübt hatten, wurden durch Enthauptung hingerichtet. Es würde zur Fundstelle passen, dass es sich um Soldaten handelt: Die Skelette sind alle männlich, übermäßig groß und im Alter von 18 bis 45, mit nur ein paar Ausnahmen von Teenagern.
Die römische Gesetzgebung legte fest, dass in der Arena Sträflinge innerhalb eines Jahres sterben mussten. So wurde das römische Gerichtswesen mit der Unterhaltungsindustrie verknüpft.
Welche Verbrechen haben sie wahrscheinlich begangen?
Dolganov: Soldaten konnten aus verschiedenen Gründen hingerichtet werden, wie zum Beispiel wegen Mord oder wenn sie einen Aufstand angezettelt hatten. In dieser Randregion gab es Ende des 2. und Anfang des 3. Jahrhunderts viele Unruhen und Bürgerkriege. Bislang war aber nicht bekannt, dass auch Soldaten in die Arena geschickt wurden. Das macht diese Fundstelle so spannend. Der Tod in der Arena war als Strafe für Schwerstverbrecher und Leute niedrigeren Standes vorgesehen. Soldaten hingegen waren privilegiert und Legionäre hatten das römische Bürgerrecht. Eine mögliche Erklärung wäre, dass der Betroffene mit Bisswunden ein Soldat gewesen ist, der Hochverrat (maiestas) begangen hatte. Das bedeutete einen totalen Standesverlust.
AUF EINEN BLICK
Anna Dolganov studierte Klassische Philologie und Alte Geschichte u.a. an der Harvard University, am King’s College Cambridge und der Princeton University. Sie forschte als Stipendiatin an der Universität Konstanz und promovierte an der Princeton University. Aktuell ist sie mit einem APART-GSK Exzellenzstipendium der ÖAW am Österreichischen Archäologischen Institut in Wien tätig.
