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Welche Bedeutung hat Dialekt in Österreich?

Ist Kärntnerisch beliebter als Steirisch? Weshalb wird bei Bioprodukten gern mit Dialekt geworben? Und: Macht der aktuell diskutierte Dialektunterricht in der Schule Sinn? ÖAW-Soziolinguist Manfred Glauninger im Gespräch über Stereotype, Sprachideologien und Parteipolitik.

30.12.2024
Kann man Dialekt lernen? Und wie sinnvoll ist Dialekt als Unterrichtssprache? © Adobe Stock

In Oberösterreich sollen Migrant:innen in Zukunft verstärkt „Alltagssprache“ lernen, fordert Landesrat Christian Dörfel (ÖVP). Das wirft die Frage auf, welchen Stellenwert Dialekt in unserer Gesellschaft eigentlich noch hat. Warum werden manche Dialekte als „schöner“ wahrgenommen als andere? Sterben Dialekte aus? Macht es Sinn, in der Schule Dialekt zu lernen, obwohl es gar keine Unterrichtsmaterialen dazu gibt, schließlich wird Dialekt in der Primärsozialisation erworben und mündlich tradiert? Antworten auf diese Fragen gibt der Soziolinguist Manfred Glauninger, der am Austrian Center for Digitale Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht.

Zwischen Identität und Gangster-Rap

Die Wiener Autorin El Awadalla meinte einmal, Dialekt würde in Österreich leider viel zu oft als „Prolosprech“ stigmatisiert. Stimmt das?

Manfred Glauninger: Das lässt sich nicht verallgemeinern, weil Dialekte in unterschiedlichen Regionen, Kontexten und sozialen Gruppen auch unterschiedlich wahrgenommen werden. Es ist so, dass Dialekte wie jede Sprachform sowohl positive als auch negative Assoziationen hervorrufen. Einerseits werden sie als identitätsstiftend empfunden, anderseits als Unterschichtssprache bezeichnet. Im Westen Österreichs ist man nach wie vor stolz auf seinen Dialekt. Der alemannische Dialekt ist in Vorarlberg eine selbstverständliche Alltagssprache, er wird auch von jungen Menschen gesprochen. In Tirol ist es ähnlich, Dialekt wird dort nicht als Marker für Bildungsferne oder soziales Stigma interpretiert, er wird schichtübergreifend gesprochen.

Sprache verändert sich ununterbrochen, weil sie untrennbar mit der Gesellschaft verbunden ist.

In der Populärmusik wird Dialekt auch von jüngeren Sängern wie Der Nino aus Wien oder Voodoo Jürgens gefeiert.

Glauninger: Je stärker der Dialekt in der Alltagskommunikation abgebaut wird, desto höher wird oft sein symbolischer Wert in anderen Kontexten. In Wien geht die Verwendung des Dialekts im Alltag stark zurück, sieht man vom Einstreuen von ein paar Dialektwörtern in die standardnahe Umgangssprache ab. Es hat mit Nostalgie, aber besonders mit stereotypen Vorstellungen zu tun, die mit dem Dialekt verbunden werden, wenn er etwa in der Werbung oder Pop-Musik verstärkt auftaucht. Es gibt Gangster-Rapper, die Wienerisch rappen – oft auch mit Augenzwinkern –, aber im Alltag gar nicht Wienerisch sprechen. Die Verwendung von Dialekt erzeugt klischeehafte Bilder, das lässt sich künstlerisch verwerten, etwa in der Literatur oder Populärmusik.

Sprachwandel oft negativ gesehen

Sterben Dialekte aus?

Glauninger: Mit dem Begriff des Aussterbens tue ich mir als Linguist schwer. Sprache verändert sich ununterbrochen, weil sie untrennbar mit der Gesellschaft verbunden ist. Aber sobald Menschen diesen Sprachwandel bemerken, bewerten sie ihn fast immer negativ. In dem Moment, wo beispielsweise der Dialekt nicht mehr derselbe ist, den die Großmutter gesprochen hat, haben die Menschen den Eindruck, der Dialekt verschwindet oder stirbt. Linguistisch gesehen ist die Veränderung der Dialekte oder der Abbau des Dialektsprechens aber ein erwartbarer Prozess des Sprachwandels. Es liegt auf der Hand, dass kleinräumige Dialekte, die es früher in Österreich gegeben hat, durch die gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen wie EU-Beitritt, Globalisierung, Migration und das Internet immer weniger gesprochen werden.

Dass manche Dialekte beliebter sind als andere, hat mit stereotypen Vorstellungen zu tun, die wir mit Dialekten verbinden.

Warum sind manche Dialekte weniger beliebt als andere?

Glauninger: Generell haben Dialekte deshalb ein eher schlechtes Image, weil uns in der Schule die Standardsprache, das „Hochdeutsche“, als Norm beigebracht worden ist. Alles, was dem nicht entspricht, wird als Abweichung, als Fehler, identifiziert. Die Menschen haben das Bewusstsein, dass der Dialekt eine Anhäufung von Fehlern ist. Aber das stimmt natürlich nicht. Es gibt im Dialekt genauso wie in der Standardsprache eine Grammatik und Regeln, gegen die man verstoßen kann. Der wesentliche Unterschied ist, dass man bei Fehlern im Dialektgebrauch nicht mit schlechten Noten, sondern sozial sanktioniert – etwa von Dialektsprecher:innen ausgelacht – wird. Warum manche Dialekte beliebter sind als andere, hat mit den erwähnten stereotypen Vorstellungen zu tun, die wir mit Dialekten verbinden.

Parfum bewirbt man nicht im Dialekt

Dialekte sind also mit einem Image verknüpft?

Glauninger: Das sieht man gut in der Werbung. In Österreich wird Dialekt fast immer eingesetzt, wenn es um Bio-Lebensmittel geht, die positiv mit Landleben und Ursprünglichkeit in Verbindung gesetzt werden. Bei einem Parfum wäre es wesentlich schwieriger, mit Dialekt zu werben, der klingt in diesem Fall zu sehr nach Misthaufen. Ein französischer Akzent ist da zweckdienlicher, den verbinden wir sofort mit Mode und Erotik. Dieses Phänomen nennt man die soziale Bedeutung von Sprache. Jedes Jahr werden die beliebtesten Dialekte Österreichs gekürt, meist liegt „Kärntnerisch“ weit vorne. Das hat weniger mit der Sprachform an sich zu tun, sondern mit den Vorstellungen, die wir damit verbinden. Bei Kärntnerisch denken die meisten Menschen an Urlaub, schöne Landschaften, gutes Essen, Skifahren oder Baden im Wörthersee. Deshalb hat dieser Dialekt ein gutes Image.

Die aktuelle Diskussion um Dialekt in der Schule hat eher einen parteipolitischen als einen lebenspraktischen Hintergrund.

Es wird gerade diskutiert, Dialekt in der Schule zu lehren. Was halten Sie davon?

Glauninger: Es gibt eine Sprachideologie, die davon ausgeht, man könne einen Dialekt gar nicht lernen, wenn man „von außen“ kommt. Man nimmt dabei an, dass man in diese Sprachform „hineingeboren“ werden muss. Linguistisch gesehen würde ich das nicht unterschreiben. Ich glaube, man kann den Dialekt auch als Außenstehender lernen, die Frage ist, ob das Sinn macht. In der soziolinguistischen Forschung ist man der Ansicht, dass es im Alltag wichtig für Migrant:innen sein kann, wenn sie den Dialekt verstehen, etwa, um mit Kolleg:innen am Arbeitsplatz „auf Augenhöhe“ zu interagieren und nicht ausgegrenzt zu sein. Dabei handelt es sich um eine rezeptive Kompetenz, aber ich bin skeptisch, ob man als Migrant:in Dialekt aktiv sprechen können muss. Es ist herausfordernd, Standarddeutsch und parallel dazu auch noch einen Dialekt zu lernen. Hinzu kommt, dass es keine entsprechenden Unterrichtsmaterialien und Lehrmethoden gibt. Ich denke, die aktuelle Diskussion hat eher einen parteipolitischen als einen lebenspraktischen Hintergrund.

 

 

 

AUF EINEN BLICK

Manfred Glauninger ist Soziolinguist am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW und Projektleiter in der Abteilung „Sprachwissenschaft“. Er lehrt an der Universität Wien.