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Alleine im All

Weihnachten 1968: „Die Erde war wie ein impressionistisches Gemälde”

Am 24. Dezember 1968 sah die Menschheit erstmals die Erde aus dem Weltall: Das ikonografische Foto „Earthrise” hat nicht nur unsere Selbstwahrnehmung nachhaltig verändert, sondern auch die Umweltbewegung geprägt. Der britische Historiker Robert Poole hielt dazu einen Vortag an der ÖAW.

23.12.2024
“Oh my God, look at that picture over there! There’s the Earth comin’ up. Wow, is that pretty!” Diese Wort rief Astronaut William Anders aus, als er an Bord der Apollo 8-Mission am 24. Dezember 1968 das erste Foto der Erde im All machte. © NASA Apollo 8 photo by Bill Anders

Es ist eine ikonografische Fotografie, die uns nach wie vor begeistert: Am 24. Dezember 1968 entstand das Bild „Earthrise”, es zeigt unseren Planeten über der trostlosen Mondoberfläche und wurde vom Astronauten William Anders auf der Apollo 8 Mission aufgenommen. Zum ersten Mal in der Geschichte hatte sich der Mensch weit genug von seiner Heimat entfernt, um die gesamte Erde aus dem All zu sehen. Wie hat dieser „Blick von außen” unsere Selbstwahrnehmung verändert?

Der britische Historiker Robert Poole hat dazu ein Buch geschrieben („Earthrise: A Short History of the Whole Earth”) und war Anfang Dezember an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) für einen Vortrag bei einem Symposium der Kommission für Geowissenschaften der ÖAW zu Gast. Im Gespräch erklärt er schon im Vorfeld, wie schwierig es war, die Erde zu fotografieren, und welchen Schock diese Aufnahme nicht nur bei den Astronauten auslöste.

Zufälliger Schnappschuss

Hatten die Astronauten in der Apollo 8 den Auftrag, die Erde zu fotografieren?

Robert Poole: Es war der erste Flug, der die Erdumlaufbahn verließ. Sie wussten, dass sie die Erde vom Mond sehen würden. Aber sie waren nicht wirklich ausgerüstet, um Fotos davon zu machen. Es gab eine Liste an Jobs, die sie unbedingt erledigen mussten – eine Aufnahme der Erde stand nicht darauf. Von der Apollo-Kapsel aus war es auch nicht einfach, weil das Raumschiff sehr langsam rotieren muss und es nur fünf winzige Fenster gab, von denen einige ständig beschlagen waren. Sie kreisten dreimal um den Mond, bevor überhaupt jemand die Erde aus dem Fenster bemerkte. Sie waren überrascht und haben schnell ein Foto geschossen. Eher zufällig entstand so eine der wichtigsten Aufnahmen, die wir je im Weltraumprogramm gesehen haben. 

Viele Zeitungen haben zum ersten Mal Farbe verwendet, um dieses Foto zu drucken. Es war eine Sensation, voller Leben.

Ahnten die Astronauten, dass dieses Foto eine dermaßen große Wirkung haben würde?

Poole: Es muss ein Schock für sie gewesen sein. Auf allen bisherigen Abbildungen sahen die Erde und der Mond ziemlich gleich aus. Aber plötzlich war die Erde grün, braun und blau. Sie benutzen das Wort „Marmor”, um das zu beschreiben. Die Erde war wie ein impressionistisches Gemälde. Ein natürliches Objekt, ganz anders als der bekannte geografische Globus mit seinen klaren Landmassen und Grenzen. Auch die gewählte Perspektive hat unsere Erwartungen auf den Kopf gestellt: Man sieht, wie die Erde über dem Mond aufgeht, sie ist sehr klein. Die Fotos wurden zwar erst entwickelt, nachdem die Astronauten auf die Erde zurückgekehrt waren. Aber sie sprachen schon vorher in einer Weihnachtssendung darüber, was dieser Anblick bei ihnen bewirkt hat. Dieser Kontrast, dass der Mond völlig tot zu sein schien, aber die Erde lebte. Sie wirkt plötzlich allein und verwundbar, etwas, das man schützen muss. Viele Zeitungen haben zum ersten Mal Farbe verwendet, um dieses Foto zu drucken. Es war eine Sensation, voller Leben.

Alleine im Weltall

Warum wurde es zur Ikone der Umweltbewegung?

Poole: Die Erwartungen der Menschen, die sich für den Weltraum interessiert und Science-Fiction-Literatur gelesen hatten, waren: Wir brechen in neue Welten auf. Die Zukunft lag da draußen, in diesem aufregenden Universum. Wir wollten uns von unserem Zuhause verabschieden, um Ungeahntes zu entdecken. Aber plötzlich schien es, als ob die Erde nicht irgendein Planet wäre, den wir zurücklassen können. Er war unser Zuhause und einmalig, das einzige farbige Ding im Weltraum. Die Astronauten hatten ein tiefes emotionales und spirituelles Gefühl. Viele von ihnen haben ziemlich bewegend über diese Erfahrung geschrieben. 

Durch die historischen Aufnahmen hat die Menschheit zum ersten Mal verstanden, dass Erde einmalig ist.

Und was hat es mit dem zweiten Bild, dem Blue Marble auf sich?

Poole: Das entstand vier Jahre später und war das erste wirklich gute Bild der ganzen Erde. Danach hat die Umweltbewegung Fahrt aufgenommen. Wir haben das Wort „Ökologie” zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gehört. Es wurden Vereine gegründet, die sich um die Zukunft des Planeten sorgten. Dieses Bild wurde zu einer Ikone der Naturschutzbewegung. Es war ein Moment des Erwachsenwerdens und Verstehens, woher wir kommen. Und wie einzigartig und verletzlich unser Planet ist.

Umweltzerstörung aus dem Orbit sichtbar

Wir können durch spätere Vergleichsaufnahmen auch sehen, wie sich die Erde verändert hat.

Poole: Das „Blue Marble”-Foto von 1972 war kein Bild einer ewigen, unveränderlichen Erde, sondern wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit aufgenommen. 50 Jahre später wurde die Erde fast auf den Tag genau noch einmal fotografiert. Man kann sehen, wie sich das Gesicht von Gaia verändert hat. Damals war sie jung, inzwischen ist sie in der mittleren Lebensphase angekommen. Wir sehen in Madagaskar, wo rund 80 Prozent unserer Arten leben, dass es damals grün war, mittlerweile dominiert durch die Entwaldung die Farbe Braun. Die Sahara-Wüste hat sich massiv ausgeweitet, der Schnee in den Bergen des Iran ist verschwunden. Durch die historischen Aufnahmen hat die Menschheit zum ersten Mal verstanden, dass Erde einmalig ist. Es gibt nichts Vergleichbares. Ringsum haben die Astronauten nichts als unendlich schwarzen Raum gesehen. Aber die Erde war bewohnt, sie ist ein unglaublich empfindliches, natürliches Ding und wir müssen uns um sie kümmern, weil sie alles ist, was wir haben und wahrscheinlich auch jemals haben werden. 

 

AUF EINEN BLICK

Robert Poole ist Historiker und Autor von „Earthrise: How Man First Saw the Earth“ (Yale University Press, 2008). Er hat zur Geschichte des ersten Weltraumzeitalters sowie zur britischen Geschichte seit dem 17. Jahrhundert gearbeitet. Poole forscht an der University of Lancashire, der University of Hertfordshire und am Centre for the History of Science, Technology and Medicine der University of Manchester.