Was uns Tierlaute verraten können
10.04.2026
Elefanten kommunizieren auf eine Weise, die wir oft weder hören noch sofort verstehen: Sie nutzen ihre Stimmbänder wie wir, aber auch ihren Rüssel und sogar tieffrequente Infraschalllaute, die sich über große Distanzen hinweg ausbreiten. Doch wie genau funktioniert diese Kommunikation und was können wir daraus lernen? Bei der Langen Nacht der Forschung spricht Angela Stöger im Live-Podcast „Erklär mir die Welt“ mit Andreas Sator über die Kommunikation von Tieren. Im Interview gibt sie vorab Einblicke in ihre Forschung.
Kommunikation mit Stimmbändern – und dem Rüssel
Frau Stöger, Sie forschen viel zur Kommunikation zwischen Elefanten. Wie sprechen denn die größten lebenden Landsäugetiere miteinander?
Angela Stöger: So ähnlich wie wir Menschen auch. Sie verwenden ihre Stimmbänder und einen Vokaltrakt, der die Laute modifiziert. Gleichzeitig gibt es natürlich Unterschiede: Elefanten haben einen Rüssel, den sie ebenfalls zur Lautproduktion einsetzen, etwa beim Trompeten. Insgesamt kommunizieren sie auf sehr vielfältige Weise miteinander.
Der große Unterschied zwischen der akustischen Kommunikation bei Menschen und Tieren liegt in der Komplexität und Vielschichtigkeit.
Was unterscheidet Tierkommunikation von menschlicher Sprache?
Stöger: Das ist schwer direkt zu vergleichen, Tierkommunikation ist natürlich substanziell anders als die Kommunikation zwischen Menschen. Und vieles wissen wir noch gar nicht. Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, wie Elefanten Informationen kodieren. Beim Menschen ist Sprache sehr komplex, wir sprechen über Vergangenheit, Zukunft und formen Sätze. Das scheint bei Tieren nicht in dem Ausmaß der Fall zu sein. Bei Tieren ist Kommunikation immer sehr aktuell und stärker an die Situation gebunden: Wenn Kontakt zu anderen gebraucht wird, gibt es Kontaktrufe. Bei Gefahr werden Alarmrufe produziert, die auch sehr spezifisch sein können. Tiere erzählen sich aber keine Geschichten. Der große Unterschied zwischen der akustischen Kommunikation bei Menschen und Tieren liegt also in der Komplexität und Vielschichtigkeit.
Es gibt einen asiatischen Elefanten, der menschliche Wörter auf Koreanisch nachahmen kann.
Was hat Sie in Ihrer Forschung besonders überrascht?
Stöger: Einerseits die Infraschalllaute, also sehr tiefe Frequenzen, die für uns nicht hörbar sind. Und dann die vokale Flexibilität: Elefanten können Laute imitieren. Es gibt einen asiatischen Elefanten, der menschliche Wörter auf Koreanisch nachahmen kann. Afrikanische Elefanten sind in der Lage andere Elefantenarten oder auch Maschinen zu imitieren. Diese Fähigkeit zum vokalen Lernen ist im Tierreich selten – sie kommt sonst nur bei wenigen Gruppen wie Walen, Delfinen, Robben oder Fledermäusen vor. Aber auch andere Tiere besitzen erstaunliche Fähigkeiten: Der Trauerdrongo, ein Vogel aus Afrika, kann die Alarmrufe von bis zu 40 anderen Arten imitieren, um diese dann auszutricksen und ihnen Nahrung zu stehlen.
Daten sammeln, Muster erkennen
Wie erforschen Sie die Kommunikation von Elefanten konkret?
Stöger: Wir sammeln möglichst viele Lautäußerungen in unterschiedlichen Situationen im Feld und beobachten gleichzeitig das Verhalten der Tiere. Diese Daten werden akustisch analysiert – ähnlich wie bei menschlicher Sprache – um Muster und Bedeutungen zu erkennen. Wichtig ist auch der Kontext, weil Kommunikation immer multimodal ist, also mit Körpersprache und Verhalten zusammenhängt. Wir kombinieren die akustischen Daten daher mit Videoaufnahmen. Außerdem verwenden wir zunehmend Machine Learning, um Muster besser zu erkennen. Und dann im weiteren Schritt kann man natürlich auch Playbacks machen, das bedeutet, man spielt Laute ab und testet dann die Reaktion der Elefanten. Wenn man eine Hypothese hat, was ein gewisser Laut bedeutet, dann kann man den abspielen und schauen, ob denn die Elefanten auch so reagieren, wie man das erwarten würde.
Gestresste Tiere klingen deutlich anders als ruhige.
Sie forschen nicht nur zu Elefanten, sondern auch zu Löwen und Bären. Was hat ihre Kommunikation gemeinsam?
Stöger: Die Gemeinsamkeit ist, dass sich die akustische Kommunikation immer auf aktuelle Situationen bezieht und dass man aus den Tierlauten sehr gut herauslesen kann, wie es dem Tier geht. Gerade bei Säugetieren ist das ähnlich wie bei Menschen: Gestresste Tiere klingen deutlich anders als ruhige. Man kann oft auch an der Stimme erkennen, ob ein Tier krank ist, wie alt es ist oder ob es vielleicht paarungsbereit ist. Das heißt, man kann sehr viele Informationen über das Tier, das den Laut produziert, herausfinden und das ist bei vielen Arten ähnlich. Diese Informationen können wir auch nutzen, zum Beispiel im Artenschutz oder in der Tierhaltung. Bei Nutztieren wird das bereits eingesetzt, indem Tonaufnahmen gemacht werden, um festzustellen, ob Tiere gestresst sind oder ob es Konflikte oder Aggressionen gibt. Die Laute geben uns also eine Vielzahl an Informationen über den Zustand eines Tieres und über soziale Interaktionen. Das ist meist sehr aktuell, kann aber auch längerfristige Zustände widerspiegeln – etwa, wenn ein Tier über längere Zeit gestresst ist.
Was wir daraus lernen
Was können wir von Tierkommunikation lernen?
Stöger: Was wir konkret daraus lernen können, ist nicht so einfach zu beantworten. Aber Kommunikation ist – und da spreche ich nicht nur von akustischer Kommunikation, sondern generell – ein ganz zentraler, essenzieller Teil jedes Sozialverhaltens. Sobald Tiere miteinander interagieren, spielt Kommunikation eine Rolle: bei der Fortpflanzung, bei der Aufzucht der Jungen, bei sozialen Interaktionen oder auch bei Einzelgängern, die ihr Revier markieren. Im Grunde findet jedes Verhalten im Zusammenhang mit Kommunikation statt.
Generell zeigt sich, dass unsere Aktivitäten – etwa sinnloser Lärm – für Tiere problematisch sein und wirklich lebensbedrohlich sein können.
Wenn wir verstehen wollen, was Tiere brauchen und wie sie auf unsere Aktivitäten reagieren, müssen wir diese Kommunikation besser verstehen. Dazu gehört auch die Wahrnehmung: Welche Frequenzen nehmen Tiere wahr? Welche Geräusche sind für sie wichtig, um Beute zu finden oder sich vor Feinden zu schützen? Das gesamte Leben von Tieren hängt mit Wahrnehmung und Kommunikation zusammen. Oder mit der Wahrnehmung von Kommunikation. Wenn ein Fuchs etwa eine Maus orten will, muss er sie hören können. All das müssen wir verstehen, um einschätzen zu können, wie unsere Aktivitäten Tiere beeinflussen und stören. Generell zeigt sich, dass unsere Aktivitäten – etwa sinnloser Lärm – für Tiere problematisch sein und wirklich lebensbedrohlich sein können. Manche Tiere schaffen es, sich an urbane Gebiete zu gewöhnen und entwickeln Strategien, um sich anzupassen. Aber es gibt auch Limits und es ist wichtig zu wissen, was wir Menschen eigentlich tun können, um es den Tieren leichter zu machen.
Auf einen Blick
Angela Stöger ist Verhaltensbiologin an der Universität Wien und hat die Professur für Zoo Conservation Science inne. Seit über 20 Jahren erforscht sie die Kommunikation von Säugetieren, insbesondere von Elefanten, und leitet mehrere Forschungsprojekte. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet.
