Was eine Zeitreise über die Steinzeit verrät
02.06.2026
2024 wurden in einem niederösterreichischen Weinkeller 30.000 bis 40.000 Jahre alte Mammutknochen entdeckt. Es war der bedeutendste Fund dieser Art seit mehr als 100 Jahren. Hannah Rohringer vom Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erzählt im Podcast-Interview, welche Erkenntnisse sie seit dem Fund gewinnen konnte und was sie durch das Gedankenexperiment Zeitreise über die Steinzeit erfahren könnte.
Wenn Zeitreisen möglich wären, in welche Zeit würden Sie gerne reisen?
Hannah Rohringer: Natürlich in das Paläolithikum. Das ist eine sehr lange Periode von über einer Million Jahren, gegliedert in das Altpaläolithikum, das Mittel- und das Jungpaläolithikum. Das sind auch alles verschiedene Menschenarten, mit dem Homo erectus, dem Neanderthaler und dem modernen Menschen. Ich beschäftige mich vornehmlich mit dem modernen Menschen, das heißt, die würde ich gern mal treffen.
Der Mensch war an dieser Stelle auf jeden Fall vor Ort.
Drei Mammuts in einem Weinkeller
Im ÖAW-Podcast “Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit” reisen wir zu einem Fund von Mammutknochen in einem niederösterreichischen Weinkeller. Was hat man dort gefunden?
Rohringer: Das war tatsächlich meine erste Grabung in Österreich, wo ein Winzer in einem Weinkeller auf eine große Menge Mammutknochen gestoßen ist. Wir haben inzwischen auch mehrere Steinartefakte gefunden und können damit auch beweisen: Der Mensch war an dieser Stelle auf jeden Fall vor Ort.
Was können wir an diesen Steinwerkzeugen ablesen?
Rohringer: Die zwei Steinwerkzeuge, die wir gefunden haben, sind beides Klingen, also lang und schmal wie eine Messerklinge. Eines dieser Stücke hat tatsächlich auch einen relativ spannenden Bruch an der Spitze, sowie sogenannte Gebrauchsretuschen, also Beschädigungen, die vom Gebrauch herrühren. Man sieht also auf jeden Fall: a) Es ist von Menschen gemacht und b) auch von Menschen tatsächlich benutzt worden. Weiterhin sind die beiden Stücke extrem frisch. Das heißt, sie sind rasiermesserscharf, was auch dafür spricht, dass sie extrem gut erhalten sind. Das passiert auch nicht überall.
Die Fragen hören überhaupt nicht mehr auf, die wir mit so einer Zeitreise beantworten könnten.
Was könnten Sie denn durch eine Zeitreise über Ihre Forschung erfahren?
Rohringer: Wir könnten in meinem Fachbereich unfassbar viel herausfinden, da es eben so lange her ist, wir keine Schriftquellen haben, sehr wenig organische Reste und auch nur wenige Gräber. Wir wissen nicht, wie viele Leute eigentlich in so einer Gruppe waren, was sie anhatten oder in welcher Art von Behausung sie lebten. Wie ist die soziale Organisation aufgebaut? Wie funktioniert das mit der Partnerwahl? Die Fragen hören überhaupt nicht mehr auf, die wir mit so einer Zeitreise beantworten könnten.
Die größten Steinzeit-Mythen
Wissen wir etwas über die Geschlechterrollen von Jägern und Sammlern in der Steinzeit?
Rohringer: Ich glaube nicht, dass die Jäger und Sammler in diesen Kategorien gedacht haben. Da es eben eine egalitäre Gesellschaft war, hat vermutlich jeder gemacht, was er gut konnte, ohne dass es fixe Geschlechterrollen in dem Sinne gab. Ich glaube, das ist eigentlich ein Produkt der Arbeitsteilung, die zu dem Zeitpunkt ja auch noch nicht so ausgeprägt war, und unserer hierarchischen sesshaften Struktur.
Gibt es Mythen zur Steinzeit, die Sie gerne entkräften würden?
Rohringer: Für mich ist der schlimmste Mythos der Steinzeit als primitiv. Es war mitnichten primitiv. Diese Menschen waren eine Million Jahre lang sehr erfolgreich mit ihrem Siedlungssystem. Wir haben fünfeinhalbtausend Jahre Sesshaftigkeit hinter uns. Ob wir das noch eine Million Jahre aufrechterhalten, wage ich zu bezweifeln.
Auf einen Blick
Hannah Rohringer studierte Europäische Archäologie (B.A.) und Archäologie (M.A.) mit Schwerpunkt Ur- und Frühgeschichte an der Universität zu Köln. 2016 promovierte sie mit einer Arbeit über jungpaläolithische Siedlungsmuster in der Levante. 2019 bis 2020 war sie als Glassman-Holland Research Fellow am W.F. Albright Institute für Archaeological Research, Jerusalem tätig und von 2020 bis 2022 Postdoctoral Researcher an der Ben-Gurion Universität des Negev, Beer Sheva, Israel. Seit November 2022 ist sie Postdoktorandin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW.
