Warum Schenken glücklich macht
23.12.2025
Weihnachten ist die Zeit des Schenkens – und das ist mehr als nur eine Tradition: Wer anderen eine Freude macht, erlebt selbst Glücksmomente. Schenken macht sogar glücklicher als Beschenktwerden. Das bestätigen zahlreiche Studien. Wie altruistisches Verhalten, festliche Rituale und bewusstes Geben unser Wohlbefinden steigern und wie gesellschaftliche Normen dieses Verhalten fördern, erklärt Claus Lamm, der am Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden der Universität Wien forscht und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist. Von Weihnachtsgeschenken bis zu ehrenamtlicher Arbeit ist Geben oft erfüllender als Empfangen, sowohl emotional als auch sozial. Im Interview spricht er auch darüber, inwiefern sich das ändern könnte, wenn „Ich zuerst“ immer mehr zur neuen Norm wird.
Prosozialität als Norm
Herr Lamm, Studien der vergangenen Jahre zeigen immer wieder, dass Schenken glücklicher macht als Beschenktwerden. Welche psychologischen Gründe gibt es dafür?
Claus Lamm: Da spielt vieles zusammen. Grundsätzlich ist der Mensch als soziales Wesen darauf ausgerichtet, prosoziales und altruistisches Verhalten zu zeigen. Dazu gehört auch das Schenken. Wenn wir schenken, handeln wir im Einklang mit unseren Werten, die eben nicht nur auf uns selbst bezogen sind. Zudem erhalten wir in der Regel eine direkte Rückmeldung: Passt das Geschenk, zeigt uns die andere Person Freude: „Danke, du hast dir etwas überlegt.“
Der Mensch ist als soziales Wesen darauf ausgerichtet, prosoziales und altruistisches Verhalten zu zeigen
Beim Schenken unter dem Christbaum ist die Reaktion direkt sichtbar. Dieser Schritt über das eigene Ich hinaus stärkt soziale Beziehungen – und vermutlich auch unser gesellschaftliches Zusammenleben. Hinzu kommen gesellschaftliche Rituale: Weihnachten, Ostern, Geburtstage – feste Anlässe, bei denen Schenken erwartet wird und bei denen wir genau wissen, wie wir uns verhalten sollen. Das stabilisiert dieses Verhalten zusätzlich.
Was hat es mit der „hedonistischen Tretmühle“, also der Tendenz sich schnell an Positives zu gewöhnen, auf sich? Betrifft das auch das Beschenktwerden?
Lamm: Dazu gibt es verschiedene, teilweise widersprüchliche Studien. Aus vielen anderen Untersuchungen wissen wir jedoch: Wenn wir Entscheidungen treffen, die andere betreffen – etwa in verhaltensökonomischen Spielen, bei denen ich wählen kann, ob ich selbst Geld bekomme oder eine andere Person –, dann fällt unsere unmittelbare emotionale Reaktion schwächer aus als bei Entscheidungen für uns selbst.
Warum ist das so?
Lamm: Das wirkt zunächst widersprüchlich, passt aber gut: Die starke emotionale Reaktion – „ich bekomme etwas“ oder „mir wird etwas genommen“ – ist weniger ausgeprägt, wenn es um andere geht. Wir wissen schließlich nicht genau, wie die andere Person reagiert. Deshalb ist auch der spätere „Abfall“ dieser Emotion geringer.
Hinzu kommt: Prosozialität ist eine starke soziale Norm. Wenn ich schenke, handle ich im Einklang mit meinen Werten, meinem Selbstbild und meinen Absichten. Dann ist es gar nicht entscheidend, ob die andere Person ekstatisch reagiert. Ich schenke, weil ich schenken möchte – um zu zeigen: „Ich habe an dich gedacht, ich investiere Zeit oder Geld, ich pflege unsere Beziehung.“ Beim eigenen Konsum – dem fünften Lippenstift oder dem dreizehnten Fahrrad – zählt fast ausschließlich die unmittelbare emotionale Reaktion. Und die nutzt sich schneller ab.
Warum „Licht ins Dunkel“ funktioniert
Ist der psychologische Effekt des Schenkens mit ehrenamtlicher Arbeit vergleichbar? Auch dort heißt es ja, Engagement mache glücklicher.
Lamm: Ja, das lässt sich durchaus vergleichen. Wir alle haben Werte und eine Vorstellung davon, was unserem Leben Sinn gibt – im Englischen spricht man vom „Purpose“.
Ökonomische Modelle gehen davon aus, dass der Mensch vor allem seinen eigenen Nutzen maximieren will. Das mag stimmen, wenn es ums Überleben geht. Aber in einer Gesellschaft wie unserer, in der die meisten ausreichend versorgt sind, verliert reiner Eigennutz irgendwann an Bedeutung.
Weihnachtsaktionen wie „Licht ins Dunkel“ funktionieren auch deshalb so gut, weil sie ritualisiert sind.
Deshalb fühlen sich viele besser, wenn sie anderen etwas geben: Geschenke, Unterstützung, ehrenamtliche Arbeit, Spenden. Weihnachtsaktionen wie „Licht ins Dunkel“ funktionieren auch deshalb so gut, weil sie ritualisiert sind – wir denken in dieser Zeit bewusst an Menschen, denen es schlechter geht.
Das stiftet Sinn, weil wir im Einklang mit unseren Werten handeln – und mit dem, was gesellschaftlich von uns erwartet wird. Wobei man sagen muss: Diese Norm ist keineswegs selbstverständlich. Wenn sich politische und gesellschaftliche Narrative stärker in Richtung „Ich zuerst“ verschieben, könnte sich das verändern. Wenn plötzlich alle sagen: „Wir schauen nur auf uns – America first, Austria first, me first“, dann könnte es irgendwann auch heißen: Freiwillige Arbeit ist vielleicht nicht mehr so wichtig; andere sollen mir helfen, aber ich helfe selbst nicht mehr.
„Ich zuerst“ macht nicht glücklicher
Aber macht diese Haltung „Ich zuerst“ laut aktueller Forschung glücklich?
Lamm: Eher nein. Aber natürlich hängt das auch von den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen ab. Manche Menschen werden damit tatsächlich glücklich, vor allem wenn sie stärker in den Bereich des Narzissmus hineinreichen. Ein gewisses Maß davon tragen wir alle in uns – nur sehr wenige Personen haben keinerlei narzisstische Tendenzen. Entscheidend ist aber, wie stark diese Tendenzen ausgeprägt sind und ob sie vielleicht sogar in Richtung einer Persönlichkeitsstörung gehen.
Wir sollten uns fragen, ob wir als Gesellschaft ein Verhalten belohnen wollen, bei dem jemand ausschließlich auf sich selbst schaut.
Ob das jedoch langfristig glücklich macht oder ob es der richtige Lebensstil ist, muss letztlich jeder und jede selbst für sich entscheiden. Wichtig ist aus meiner Sicht auch, dass wir als Gesellschaft einen Beitrag leisten können. Wir sollten uns fragen, ob wir ein Verhalten belohnen wollen, bei dem jemand ausschließlich auf sich selbst schaut und seinen oder ihren eigenen Nutzen maximiert. Oder ob wir sagen: Nein, das möchten wir nicht, weil sich unsere Gesellschaft sonst immer weiter polarisiert.
Langfristig können wir nur durch Zusammenarbeit und Zusammenhalt unser soziales Gefüge erhalten – sowohl persönlich als auch gesellschaftlich.
Auf einen Blick
Claus Lamm ist Professor für Biologische Psychologie an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Er ist korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Träger des Elisabeth Lutz-Preises der ÖAW.
