Auf den Spuren des historischen Nikolaus
05.12.2025
Legende oder Wahrheit?
Was wissen wir über die historische Person der heiligen Nikolaus?
Johannes Preiser-Kapeller: Wir wissen, dass er in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts nach Christus in Myra in der heutigen Südwesttürkei als Untertan des Römischen Reichs gelebt hat. Geboren wurde er wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in der benachbarten Stadt Patara. Er ist zum Christentum konvertiert und wurde um 310 dafür verhaftet und gefoltert. Später wurde er der Bischof seiner Provinz und starb dann in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Das sind die belegten Tatsachen, alles andere ist im Bereich der Legenden angesiedelt.
Wie gut ist diese Biographie belegt?
Preiser-Kapeller: Die meisten Quellen stammen aus der Zeit 200 Jahre nach dem Tod von Nikolaus, weil er damals überregional eine sehr populäre Figur wurde, um die sich zahlreiche Legenden rankten. Aber die (wenigen) Fakten sind relativ solide. Die Legenden hingegen, dazu gehört etwa auch eine angebliche Teilnahme am Konzil von Nicäa 325, sind schriftlich nicht belegt. Sicher ist, dass Nikolaus lokal Einfluss hatte und Verehrung erfuhr, wie es in der Ostkirche für Heilige typisch war. So entstand relativ schnell ein örtlicher Kult, der sich später in der gesamten Christenheit ausbreiten konnte.
Mit Stab und Mütze
Nikolaus bedeutet “Sieg des Volkes”
Wie nahe sind unsere Darstellungen des Nikolaus am Vorbild? Stimmen der Name und das Kostüm?Preiser-Kapeller: Nikolaus bedeutet “Sieg des Volkes” und ist bis heute ein populärer Name in Griechenland, die Betonung liegt im Griechischen allerdings auf dem “o”, Nikólaos. Der Bart ist für einen Bischof der Ostkirche der damaligen Zeit sicher auch passend, allerdings hatten die Bischöfe dort andere Insignien als den Stab und die Kappe, die unsere NikoläusInnen heute tragen. Der ostkirchliche Bischof Nikolaus hätte stattdessen ein Epitrachelion getragen, ein Schulterband mit Verzierungen, wie er bis heute auf Ikonen erscheint. Nachdem der heilige Nikolaus im 9. Jahrhundert auch in der Westkirche populär wurde, wird er aber allmählich mit Stab und Bischofshut dargestellt.
Die Gebeine stammen von einem 70- bis 80-jährigen Mann mit einer Körpergröße von etwa 1,67 Meter.
Das heißt unsere Darstellungen sind gar nicht so weit weg, oder?
Preiser-Kapeller: Die angeblichen Gebeine des heiligen Nikolaus wurden 1087 aus Myra geraubt und nach Bari in Süditalien verschleppt. Dort wurde der Sarkophag in den 1950er Jahren im Zuge von Renovierungsarbeiten geöffnet und die Gebeine untersucht. Wir wissen deshalb recht gut, wie der dort als Nikolaus Verehrte ungefähr ausgesehen haben könnte. Die Gebeine stammen von einem 70- bis 80-jährigen Mann mit einer Körpergröße von etwa 1,67 Meter. ForscherInnen haben später zudem anhand des Schädels eine Gesichtsrekonstruktion vorgenommen. Mit heutigen Methoden könnten wir bei einer Analyse der Gebeine natürlich noch viel mehr über sein Leben erfahren, zum Beispiel durch die Analyse von Genmaterial (sofern erhalten) oder der Isotopenzusammensetzung in den Zähnen.
Ob die Überreste wirklich von Nikolaus stammen, lässt sich heute nicht mehr klären.
Ob die Überreste wirklich von Nikolaus stammen, lässt sich heute nicht mehr klären. Myra wurde schon zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert dreimal von arabischen Piraten geplündert, und dabei wurden auch Gebeine geraubt - der Überlieferung nach blieben diesen früheren Räubern allerdings die Knochen des Heiligen auf wundersame Weise noch verborgen.
Von Myra bis Coca Cola: Eine globale Erfolgsgeschichte
Wie ist der Nikolaus vom kleinasiatischen Bischof zum globalen Kulturphänomen geworden?
Preiser-Kapeller: Die Legende des Nikolaus basiert vielleicht auf der Vermischung mehrerer Personen dieses Namens in der Region, deren Geschichten und Taten ihm zugeschrieben wurden. Nikolaus von Myra war sicher eine lokal wichtige Gründerfigur für das Christentum und dort wohl der erste Bischof nach Anerkennung des Christentums im Römischen Reich. Das hat ihm Einfluss verschafft und die Geschichten über ihn haben sich dann vom damaligen Handelszentrum Myra aus unter anderem mit dem Schiffsverkehr verbreitet. Ab dem 6. Jahrhundert wird er auch in der Hauptstadt Konstantinopel verehrt, und ihm wird eine Kirche geweiht. Das war für seine Legende quasi der Durchbruch und er wurde danach rasch im gesamten Reich verehrt und als eine Art Universalheiliger zum Schutzpatron von Kindern, Seeleuten, Jungfrauen und einigen weiteren Personengruppen erkoren. Ab dem 9. Jahrhundert ist der Nikolaus auch in Westeuropa geläufig.
Die Nähe zu Weihnachten hat dazu geführt, dass er auch in die diesbezüglichen Traditionen mit aufgenommen wurde.
Da war es aber noch ein weiter Weg zum globalen Nikolaus von heute.
Preiser-Kapeller: Der 6. Dezember gilt als der Todestag des historischen Nikolaus. Die Nähe zu Weihnachten hat dazu geführt, dass er auch in die diesbezüglichen Traditionen mit aufgenommen wurde. So entsteht nach und nach das Bild des Geschenkebringers für Kinder. Dazu kommt, dass es in den evangelischen Kirchen keine Heiligenverehrung gibt, weshalb das Christkind und in Nordeuropa Santa Claus als Alternativen zum heiligen Nikolaus entstanden sind. In den Niederlanden wurde der schon seit dem Spätmittelalter populäre Sinterklaas zumindest als Geschenkebringer auch nach der Reformation beibehalten. Und Coca Cola hatte wiederum ab den 1930er Jahren auch Interesse an einer säkularen Version des heiligen Nikolaus, weil man mit Santa Claus weltweit Getränke verkaufen kann, ohne religiöse Gefühle zu verletzen.
Auf einen Blick
Johannes Preiser-Kapeller leitet den Forschungsbereich "Byzanz im Kontext" am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und lehrt Byzantinistik und Globalgeschichte an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die religiösen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Vernetzungen innerhalb der Welt des Mittelalters.
