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BrauchtumGeschichte

Warum Eier zu Ostern gehören

Das bunte Osterei gehört zu Ostern wie der geschmückte Tannenbaum zu Weihnachten – doch wie kam es überhaupt zu dieser Tradition? ÖAW-Historiker Christian Gastgeber über die erstaunlich quellenarme Geschichte eines der ältesten Fruchtbarkeitssymbole der Menschheit.

17.04.2025
Die Farben von Ostereiern wurden schon von jeher symbolisch interpretiert, so ÖAW-Forscher Christian Gastgeber.
© Adobe Stock

Kaum ein Naturprodukt ist so tief in religiösen, naturmythischen und kulturellen Vorstellungen verankert wie das Ei – und doch ist die historische Spur des Ostereies erstaunlich schwer zu fassen. „Wenn man die Geschichte des Ostereies rekonstruieren will, steht man zunächst vor dem Problem einer sehr bescheidenen Quellenlage“, erklärt Christian Gastgeber, Historiker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Vor allem die künstlerische Ausstattung sei erst ab der Frühen Neuzeit wirklich greifbar, davor blieben die Spuren im Ungefähren.

Symbol des Lebens, weit vor dem Christentum

Dass das Ei ein uraltes Symbol des Lebens ist, steht jedoch außer Frage. „In der Kulturgeschichte der Menschheit haben Naturobjekte, die das Wunder des Lebens in sich tragen, immer wieder besondere Beachtung gefunden“, so Gastgeber. Das Ei stehe dabei gleich doppelt für das Wunderbare - als Keim neuen Lebens und als nahrhaftes Lebensmittel.

Naturobjekte, die das Wunder des Lebens in sich tragen, haben in der Menschheitsgeschichte immer wieder besondere Beachtung gefunden.

Schon in der Antike wurde dem Ei eine tiefere Bedeutung zugeschrieben: als Symbol der Fruchtbarkeit, der Auferstehung und sogar der Erschaffung der Welt. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist ein Steinei aus dem süditalienischen Metaponto aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Im griechischen Mythos soll Helena, die Tochter des Zeus, aus einem Ei geboren worden sein – eine Geschichte, die das Ei nicht nur mit der Geburt, sondern auch mit dem Göttlichen verbindet.

Das Ei im christlichen Denken

Im Christentum wurde das Ei zum Symbol der Auferstehung. Der Kirchenvater Augustinus deutete es als Zeichen der Hoffnung – bei den Vögeln auf den Nachwuchs, bei Christ:innen als Hoffnung auf das Zukünftige. Gastgeber: „So wie sich die Natur jährlich erneuerte und mit dem Frühling in einen neuen Lebensabschnitt eintrat, so symbolisierte das Ei ebenso einen Neuanfang nach einer Zeit der Dunkelheit in der Schale.“

Das Ei symbolisiert einen neuanfang nach der Dunkelheit in der Schale.

Diese Verbindung von Dunkelheit (dem geschlossenen Ei) und neuem Leben (dem Ausschlüpfen) habe das Ei prädestiniert, um im christlichen Auferstehungsglauben eine Rolle zu spielen. Dennoch war die Verbindung zu Christus im Mittelalter nicht durchgehend etabliert: „Christus war viel zu sehr mit dem Pascha-Lamm verbunden, das Ei spielte nicht diese traditionelle Rolle“, erläutert Gastgeber. Erst im Spätmittelalter, etwa bei John Wyclif im 14. Jahrhundert, wurde Christus mit dem Ei verglichen – Schale, Eiweiß und Eigelb wurden allegorisch auf seine Naturen bezogen.

Pragmatische Fastenzeit, symbolischer Überschuss

Ein ganz praktischer Grund dürfte allerdings den Grundstein für die Ostertradition gelegt haben: die mittelalterliche Fastenzeit. Schon seit dem 7. Jahrhundert war der Verzehr von Eiern offiziell verboten. Die Hühner legten aber weiter, und so mussten die Eier zum Ende der Fastenzeit, pünktlich zu Ostern, verarbeitet werden. „Am Auferstehungssonntag war deren Verzehr dann wieder erlaubt, und die Eier waren ‚abzuarbeiten‘“, so Gastgeber.

Wenn man die Geschichte des Ostereies rekonstruieren will, steht man vor einer sehr bescheidenen Quellenlage.

Um ältere von frischen Eiern unterscheiden zu können, wurden sie markiert – ein pragmatischer Ursprung des Färbens, der schließlich in die Verzierung überging. „In der Art der Markierung waren keine Grenzen gesetzt, da sich die Oberfläche ideal für jegliche Kontrastfarbe anbot“, erklärt der Historiker. Ästhetik und Symbolik verbanden sich: Das einstige Fastenessen wurde zum österlichen Kultobjekt.

Farbe mit Bedeutung

Bald war das Färben mehr als nur Unterscheidung. Bereits in der frühen Neuzeit wurden Farben symbolisch interpretiert. So reimte der österreichische Satiriker Moriz Gottlieb Saphir 1839 über die Farben der Ostereier: Blau stand für Gottergebenheit, Weiß für Reinheit, Grün für Hoffnung, Rosa für Treue, Gelb für Gotteshingabe und Braun für Bescheidenheit. Besonders hervor sticht das rote Ei – es steht bis heute in der orthodoxen Tradition für das Blut Christi und verweist auf das Opfer und die Hoffnung der Auferstehung.

Im slawischen Raum, besonders in der Ukraine, entwickelte sich das Bemalen der Ostereier zur hohen Kunst: Die sogenannten Pysanky – kunstvoll verzierte Eier, deren Muster auf einer Wachsschicht aufgetragen werden – drücken eine ganze Farbensymbolik aus.

Die Geschichte des Ostereis bleibt jedoch ein Puzzle mit vielen Lücken. Gastgeber warnt vor überzogenen Interpretationen: „Vielfach wird von modernen Traditionen auf ‚Urzeiten‘ rückprojiziert, um eine möglichst lange folkloristische Tradition zu schaffen.“ Zwar deuten antike Grabbeigaben auf eine symbolische Bedeutung des Eis hin, etwa im Totenkult, doch sichere Aussagen über seine Rolle bei vorchristlichen Frühlingsfesten bleiben spekulativ.

 

AUF EINEN BLICK

Christian Gastgeber studierte Klassische Philologie an der Universität Wien und schloss 2001 sein Doktoratsstudium am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien ab (Promotio sub auspiciis). 2010 erfolgte die Habilitation an der Universität Wien. Er ist Privatdozent wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Projektleiter an der Abteilung Byzanzforschung des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW.