Vogelgrippe: Wie gefährlich ist H5N1 für Tiere und Menschen
03.02.2026
Leere Bio-Eierregale, strengere Sicherheitsmaßnahmen in Geflügelbetrieben und immer neue Meldungen über infizierte Wildtiere: Die Vogelgrippe prägt derzeit nicht nur die Landwirtschaft, sondern rückt auch wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein. Was früher als saisonales Problem galt, ist heute ein ganzjähriger Begleiter geworden. Der Virologe Andreas Bergthaler von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften spricht im Interview darüber, wie sich H5N1 verändert hat, wie groß die Gefahr für Menschen ist und was uns in den nächsten Monaten erwartet.
Ostern ohne Eier?
Derzeit gibt es deutlich weniger Eier – vor allem die Bioeier sind vergriffen. Mit Blick auf Ostern: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Vogelgrippe-Ausbrüche ein?
Andreas Bergthaler: Die Vogelgrippe-Ausbrüche in Europa haben zu großangelegten Keulungen geführt, wodurch es nun weniger Legehenne gibt. Darüber hinaus sind Freiland- sowie Biobetriebe besonders betroffen, weil ihre Tiere mehr Kontakt zur Außenwelt haben. Bis sich die Bestände danach wieder erholen, dauert es Monate, da eine Henne fünf Monate benötigt, bis sie mit dem Eierlegen beginnt. Die zu erwartende erhöhte Nachfrage zu Ostern wird diesen wahrgenommenen Mangel wohl etwas verschärfen, aber mittelfristig erwarte ich keine Probleme. Dennoch darf man davon ausgehen, dass uns die zirkulierende Vogelgrippe in den kommenden Jahren weiter beschäftigen wird und sich mitunter auch im Supermarkt für begrenzte Zeit bemerkbar machen könnte.
Die Vogelgrippe ist eine durch Influenza-A-Viren verursachte Viruserkrankung.
Was genau versteht man unter der Vogelgrippe und wie verbreitet ist sie derzeit in Europa?
Bergthaler: Die Vogelgrippe ist eine durch Influenza-A-Viren verursachte Viruserkrankung. Dabei unterscheidet man zwischen schwach- und stark krankmachenden Subtypen. Zu letzteren gehört insbesondere der Subtyp H5N1. Das Virus befällt dabei primär Vögel, kann aber unter bestimmten Umständen auch auf Säugetiere und Menschen überspringen. Seit Ende 2024 häufen sich in Europa die Ausbrüche in Geflügelbetrieben, besonders in Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen und den Niederlanden. Millionen von Tieren wurden bereits gekeult, um das Risiko einer weiteren Verbreitung zu reduzieren.
Wie unterscheidet sich die aktuelle Situation von früheren Ausbrüchen?
Bergthaler: Was diese Welle besonders macht, ist die Kombination mehrerer Faktoren: Zum einen zirkuliert das Virus mittlerweile ganzjährig. Früher kam es vor allem zu saisonalen Ausbrüchen im Winter. Darüber hinaus hat sich das Virus verändert und befällt ein breites Spektrum an Tierarten, einschließlich vieler verschiedener Säugetierspezies sowie seit 2024 sogar Milchkühe in den USA. In Österreich gab es seit Herbst 2025 mehr als 50 Ausbrüche bei Wildvögel, aber bisher nur einige wenige Fälle bei Geflügelbetrieben bzw. im Privatbereich.
Die AGES, die das Nationale Referenzlabor für Aviäre Influenza (Vogelgrippe) betreibt, stellt auf einer informativen Website die wöchentliche Anzahl der Ausbrüche sowie aktuelle Risikobewertungen für Gebiete mit erhöhtem Risiko in Österreich zur Verfügung.
Von Hausgeflügel bis Wildvögel
Welche Tierarten sind besonders betroffen?
Bergthaler: Am stärksten betroffen ist Hausgeflügel – Hühner, Puten, Enten und Gänse. Bei Enten, Gänsen und auch Wildvögeln ist dabei zu beachten, dass die Infektion oft ohne schwere Symptome verläuft und das Virus sich damit unbemerkt verbreiten kann. Bei Wildvögeln sind vor allem Wasservögel wie Schwäne und auch Enten und Gänse betroffen. Darüber hinaus zirkuliert das H5N1 Virus international auch bei verschiedensten Säugetierarte, beispielsweise Füchsen und Bären, Seelöwen in Südamerika, oder eben auch Kühen in den USA.
Indirekt kann das Virus auch über kontaminierte Schuhe, Kleidung, Fahrzeuge oder Geräte in Betriebe eingeschleppt werden.
Wie kommt es typischerweise zur Ausbreitung der Vogelgrippe in Geflügelbeständen?
Bergthaler: Der direkte Weg erfolgt durch den Kontakt mit infizierten Wildvögeln – etwa wenn diese in der Nähe von Freilandställen landen oder Futter- und Wasserstellen kontaminieren. Indirekt kann das Virus auch über kontaminierte Schuhe, Kleidung, Fahrzeuge oder Geräte in Betriebe eingeschleppt werden.
Welche Rolle spielen Wildvögel dabei?
Bergthaler: Wildvögel, insbesondere Zugvögel, sind ein natürliches Reservoir des Virus und spielen eine zentrale Rolle bei der Verbreitung über große Distanzen. Die Tiere entwickeln oft keine schweren Symptome, aber verbreiten das Virus entlang ihrer Flugrouten. Wildvögel lassen sich naturgemäß weder impfen noch kann man ihre Bewegungen kontrollieren. Daher ist ein wesentlicher Teil der Prävention die Reduzierung von Kontaktmöglichkeiten mit Hausgeflügel.
Wie wir uns schützen können
Welche Schutzmaßnahmen sind für Geflügelbetriebe besonders wichtig?
Bergthaler: An erster Stelle ist es wichtig, das Risiko eines Viruseintrags von außen möglichst zu reduzieren. Dazu gehören Schleusen mit Schuhwechsel und Desinfektion und separate Arbeitskleidung für jeden Stall. Auch müssen Wasser und Futter vor Wildvogelkontakt geschützt werden.
Bei erhöhtem Risiko kann eine Aufstallungspflicht verhängt werden – das heißt, auch Freilandhühner müssen dann in geschlossenen Räumen bleiben. Bei nachgewiesenen Ausbrüchen kommt es zu Betriebssperren und es werden Schutz- und Überwachungszonen eingerichtet. In der Tiermedizin gibt es seit Langem klare und gut funktionierende Regeln zur Vorbeugung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten – teilweise sind diese Strukturen sogar weiter entwickelt als beim Menschen.
Das Risiko für die allgemeine Bevölkerung ist derzeit gering.
Wie groß ist die Gefahr für Menschen durch die Vogelgrippe?
Bergthaler: Das Risiko für die allgemeine Bevölkerung ist derzeit gering. Die wenigen menschlichen Infektionen, die bisher international beschrieben wurden, betrafen meist Personen, die einen direkten intensiven Kontakt zu infizierten Tieren in Geflügelbetrieben bzw. deren Ausscheidungen hatten.
Das H5N1 Virus hat sich noch nicht ausreichend an den Menschen angepasst und kann sich nicht von Mensch zu Mensch ausbreiten. Grippeviren bergen jedoch das Potential, dass sie sich schnell verändern. Das kann durch einzelne Mutationen passieren, wie das von SARS-CoV-2 hinlänglich bekannt ist. Eine Besonderheit bei Grippeviren ist darüber hinaus, dass ihre Erbsubstanz in einzelnen Segmenten abgespeichert ist. Treffen nun zwei unterschiedliche Grippenviren in derselben Zelle zusammen, können solche Segmente ausgetauscht werden und es kommt potentiell zur Kombination der unterschiedlichen Segmente zu einem neuen Grippevirus.
Welche Rolle spielen Forschung und neue Impfstoffe?
Bergthaler: Prä-Pandemie Impfstoffe gegen Vogelgrippeviren sind in Europa zugelassen. In Österreich werden solche Impfungen derzeit vom Nationalen Impfgremium aber nur für beruflich stark exponierte Personen empfohlen, also beispielsweise in der Landwirtschaft, in Tierarztpraxen, in der Vogelzucht oder für das Personal in Geflügelschlachthöfen. Diese Impfstoffe stellen gleichzeitig eine Vorsorge für den breiteren Einsatz im Fall einer Pandemie dar.
Entscheidend für uns Menschen ist, ob diese zirkulierenden H5N1 Viren es irgendwann schaffen, sich besser an den Menschen anzupassen und damit eine effiziente Mensch-zu-Mensch Übertragung möglich wird.
Abgesehen von humanen Impfstoffen gibt es auch Geflügelimpfstoffe, um Zuchtbetriebe zu schützen. Frankreich beispielsweise impft Enten seit zwei Jahren. In Österreich werden solche Impfungen gegen die Geflügelpest meines Wissens im landwirtschaftlichen Bereich nicht eingesetzt. Stattdessen gibt es engmaschige Überwachung durch die Behörden und, bei Anlassfall, eine rasche Bekämpfung in den betroffenen Betrieben und deren Umgebung.
Entscheidend für uns Menschen ist, ob diese zirkulierenden H5N1 Viren es irgendwann schaffen, sich besser an den Menschen anzupassen und damit eine effiziente Mensch-zu-Mensch Übertragung möglich wird. Hierzu leistet die Forschung wichtige Beiträge, um die zugrundeliegenden molekularen Vorgänge besser zu verstehen und antiviral wirksame Medikamente zu entwickeln.
Auf einen Blick
Andreas Bergthaler ist Forschungsgruppenleiter am CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor für Molekulare Immunologie an der MedUni Wien. Er studierte an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Seine Forschungsarbeit im Bereich von Virologie und Immunologie führte ihn u.a. an die Universität Zürich, die Universität Genf und das Institute for Systems Biology in Seattle. Im Rahmen eines FWF Exzellenzclusters und weiteren Projekten untersuchte er in den vergangenen vier Jahren die im Abwasser enthaltenen Viren und Mikroben. Darüber hinaus entschlüsselt seine Gruppe Veränderungen des Immunstoffwechsels während Virusinfektionen.
