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DemographieTeuerung

Verschobene Kinderwünsche und mehr: Wie Inflation die Familienplanung beeinträchtigt

Globale Krisen hinterlassen nicht nur wirtschaftliche Spuren, sondern verändern auch persönliche Lebenspläne. Welche Bevölkerungsgruppen besonders betroffen sind und wie sich Krisen auf die Familienpläne der Menschen in Österreich auswirken, erklären Demographinnen der ÖAW.

19.11.2025
Ein Paar blickt mit sorgenvollem Blick auf ein Blatt Papier.
Die Familienplanung wird in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu einer großen Herausforderung.
© AdobeStock

Steigende Preise, Pandemie, Krieg – wie wirken sich diese Krisen auf die Pläne der Menschen aus, eine Familie zu gründen? Aktuelle Daten aus dem österreichischen „Generations and Gender Survey (GGS-II)“ geben Antworten. Sie zeigen: Rund elf Prozent der Österreicher:innen haben ihre Kinderwünsche bereits geändert – die meisten wollen weniger oder gar keine Kinder mehr. Besonders stark betroffen sind wirtschaftlich schwache Haushalte, Alleinerziehende und junge Erwachsene. Doch nicht alle reagieren gleich: Wer finanziell abgesichert ist, hält meist an seinen ursprünglichen Plänen fest.

Über Auswirkungen der Inflation auf das Leben der Menschen in Österreich sprechen die Demographinnen Isabella Buber-Ennser und Maria Winkler-Dworak vom Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Daten zu Familienplanung und Krisen

Welche Datenquelle liefert Informationen über die Auswirkungen der Krisen auf Familienpläne in Österreich?

Die Daten stammen aus dem österreichischen „Generations and Gender Survey (GGS-II)“, der zwischen Oktober 2022 und März 2023 erhoben wurde. Diese Forschungsinfrastruktur wird vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) und vom Bundeskanzleramt finanziert. Die Analyse der Daten zeigt, wie globale Krisen das persönliche Leben prägen, und bietet Erkenntnisse, die sowohl für die Wissenschaft als auch für die Politik relevant sind.

Wie wirken sich Krisen wie Inflation, Pandemie oder Krieg auf die persönliche Familienplanung der Menschen aus?

Wirtschaftliche Unsicherheit und finanzieller Stress können dazu führen, dass Menschen ihre Familienplanung überdenken. Forschungsergebnisse zeigen, dass wirtschaftliche Abschwünge häufig zu einem Rückgang der Geburtenraten führen.  Österreichweit gaben etwa elf Prozent der Befragten an, ihre Familienpläne aufgrund von Krisen geändert zu haben. „Es herrscht zudem eine erhebliche Unsicherheit über Änderungen in den Familienplänen: nicht wenige waren sich unsicher, ob sie ihre Familienplanung ändern würden“, so Studienautorin Maria Winkler-Dworak. So waren sich circa 18 Prozent der Befragten unsicher und weitere 29 Prozent wussten es nicht oder hatten noch nicht darüber nachgedacht. Die meisten Änderungen führten zu weniger oder keinen weiteren Kindern. Gleichzeitig empfand die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher (55 Prozent) eine erhebliche bis sehr hohe Belastung durch Inflation und hohe Preise. Zum Vergleich: bei Covid-19 lag dieser Wert bei 43 Prozent, beim Krieg in der Ukraine bei 39 Prozent. Besonders auffällig ist, dass 13 Prozent der Befragten sehr stark von der Inflation betroffen waren, während nur fünf Prozent angaben, gar nicht belastet zu sein.

Wer ist betroffen?

Welche sozialen Gruppen sind besonders stark von der Inflation betroffen?

Die Belastung durch die Inflation war zum Zeitpunkt der Befragung nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleich stark. Frauen berichteten von einer höheren Belastung als Männer, und jüngere Erwachsene in den 20er- und 30er-Jahren fühlten sich stärker betroffen als Menschen mittleren Alters. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied in der Familienform: Alleinerziehende wiesen gemessen auf einer Skala von 0 (keine Belastung) bis 10 (sehr hohe Belastung) mit einem Durchschnittswert von 7,0 die höchste Belastung auf. Auch der Bildungsstand spielte eine Rolle – Personen mit niedriger Bildung gaben eine deutlich höhere Belastung an als jene mit mittlerem oder hohem Bildungsniveau. Zudem zeigten sich Unterschiede nach Sprache im Haushalt: Nicht-deutschsprachige Haushalte berichteten eine erheblich stärkere Belastung als deutschsprachige. Am stärksten betroffen waren jedoch Personen mit schwieriger finanzieller Lage, die mit einem Durchschnittswert von 8,4 eine extrem hohe Belastung durch die Teuerung angaben.

Relativ oft wollten Menschen nun weniger oder keine zusätzlichen Kinder mehr.

Welche Bevölkerungsgruppen haben aufgrund von Krisen ihre Familienplanung geändert?

Manche Gruppen haben öfter ihre Familienpläne aufgrund der Krise revidiert. Es sind dies vor allem wirtschaftlich schwache Gruppen, wie Arbeitslose oder Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten. Auch Frauen, größere Familien, Personen mit Migrationshintergrund, und Menschen in den Vierzigern passten ihre Pläne häufiger an. Insgesamt zeigt sich, dass die finanzielle Situation entscheidend beeinflusst, wie stark Krisen erlebt werden und ob Familienplanung geändert wird.

Hingegen konnten finanziell abgesicherte Personen ihre Familienpläne meist beibehalten. Selbstständige, Eltern mit einem Kind, Menschen in Partnerschaften und Beschäftigte des Privatsektors zeigten weniger Änderungen in ihren Plänen.

Aufgehoben oder aufgeschoben? Wie wurden die Familienpläne geändert?

Die Befragung zeigte, dass sich die Krisen vor allem negativ auf die Kinderwünsche ausgewirkt haben. Relativ oft wollten Menschen nun weniger oder keine zusätzlichen Kinder mehr. Vergleichsweise wenige verschoben ihre Kinderwünsche auf spätere Zeit. In Österreich planten nur sechs Prozent ein Aufschieben ihres Kindes aufgrund der Krisen. „Dieses Ergebnis hat uns überrascht. Als wir nämlich 2021 fragten, ob Menschen aufgrund der COVID-19-Pandemie ihre Familienpläne änderten, ergab sich, dass dies nur wenige taten. Der Kinderwunsch wurde damals meist „nur“ zeitlich verschoben“, meint Studienautorin Isabella Buber-Ennser.

Inflation schlimmer als COVID-19 und Ukraine?

Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land in der Reaktion auf Krisen?

Die Unterschiede zwischen Wien und anderen Bundesländern sind eher gering. Menschen in ländlichen Regionen hielten etwas häufiger an ihrer gewünschten Kinderzahl fest und verschoben ihre Familienpläne seltener als in Wien.

Steigende Preise und hohe Inflation waren für viele Menschen besonders belastend.

Welche Krisen werden von der Bevölkerung als besonders belastend wahrgenommen?

Steigende Preise und hohe Inflation waren für viele Menschen besonders belastend. Im Durchschnitt wurde die Inflation sogar als stärkste Belastung wahrgenommen, stärker als COVID-19 oder der Krieg in der Ukraine.

Der Zeitraum 2022–23 unterscheidet sich von früheren wirtschaftlichen Rezessionen, da er durch hohe Inflation und niedrige Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist.
Die Erhebung zwischen Oktober 2022 und März 2023 fiel in eine herausfordernde Zeit, geprägt durch einen starken Preisanstieg, der in der höchsten Inflationsrate in Österreich während der letzten fünfzig Jahre gipfelte.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Krisenreaktion?

Ja. Frauen neigen eher dazu, ihre Familienpläne zu ändern, während Männer häufiger an ihren ursprünglichen Plänen festhalten. Frauen berichten auch durchgehend von höherer Belastung durch Krisen.

Wirtschaftskrisen und Geburtenrate

Wie beeinflussen wirtschaftliche Krisen die Geburtenrate in Österreich?

Wirtschaftliche Krisen wirken sich in der Regel negativ auf Fertilitätsabsichten aus. Sie führen häufig zu weniger oder keinen zusätzlichen Kindern und teilweise zu aufgeschobenen Familienplänen. So meldete Statistik Austria für das Jahr 2024 einen historischen Tiefstand der Gesamtfertilitätsrate von 1,31 Kindern pro Frau. Anders verhielten sich die Auswirkungen der Pandemie auf die Geburtenrate: Nach einem kurzen Rückgang neun Monate nach der ersten COVID-19 Welle, erholte sich die Gesamtfertilitätsrate rasch wieder und erreichte 2021 mit 1,48 sogar einen höheren Wert als vor der Pandemie (1,46 in 2019).

Paare trennen sich weniger häufig.

Gibt es auch Hinweise darauf, dass die wirtschaftliche Krise Familien auch auf andere Weise beeinflussen, wie etwa Partnerschaften und Trennungen?

Österreichische Paare trennen sich trotz der erhöhten Belastungen, denen viele Familien in der jüngsten Zeit mehrfacher Krisen ausgesetzt waren, weniger häufig. Dies legt eine Untersuchung für den Zeitraum 2018-2023 nahe. Möglicherweise stehen wirtschaftlichen Hindernisse der Auflösung von nicht mehr intakten Partnerschaft im Wege. Auch die Zahlen von Statistik Austria zeigen einen ähnlichen Trend: So stagnierte in Österreich die Scheidungsrate zwischen 2010 und 2019 bei 41 Prozent bis 43 Prozent, sank 2020 auf 37 Prozent und hat sich seitdem nicht wieder erholt.

 

Auf einen Blick

Broschüre

Die Broschüre „Globale Krise und ihre Auswirkungen auf das persönliche Leben in Wien und Österreich“ wurde von Isabella Buber-Ennser, Brian Buh und Maria Winkler-Dworak verfasst. Grundlage sind die Daten des österreichischen „Generations and Gender Survey (GGS-II)“, erhoben zwischen Oktober 2022 und März 2023. Die Studie wurde von der Stadt Wien (MA7 – Kultur und Wissenschaft) finanziert, die GGS-II-Datenerhebung vom Bundeskanzleramt und dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung unterstützt.

Zur Broschüre


Publikation

Buber-Ennser, I., Berghammer, C. & Winkler-Dworak, M. (2024). Partnership dissolution in Austria during multiple crises, 2018-2023. VID Working Paper 03/2024, Vienna: Vienna Institute of Demography.
DOI: https://doi.org/10.1553/0x003f6af1

 


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