


Trotz ihres Rufs als überbürokratisiert und schlampig war die Habsburger Armee im 18. Jahrhundert ein Vorreiter in der systematischen Datenerhebung. Bereits früh arbeitete die Militärverwaltung mit standardisierten Formularen, um detaillierte Informationen über Soldaten und ihre Familien zu erfassen. Im Kriegsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs sind heute mehr als zwölftausend Kartons mit sogenannten Musterlisten erhalten – ein einzigartiger Quellenbestand mit Millionen Einträgen aus der Periode vor 1820. Diesen bislang kaum erschlossenen Datenschatz hat Historiker Ilya Berkovich vom Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ausgewertet und mit einem weiteren, lange vernachlässigten Thema verknüpft: dem Militärdienst jüdischer Soldaten in der Habsburgermonarchie.
„Von den Details und der Fülle dieser Quellen bekommt man viel mehr Informationen als in vergleichbaren Beständen etwa in Frankreich oder England“, sagt Berkovich. „Deswegen habe ich begonnen, immer intensiver mit diesen statistischen Tabellen zu arbeiten.“ Das Ergebnis ist eine umfassende, öffentlich zugängliche Datenbank, die im Speicherdienst ZENODO des CERN gehostet wird. In diesem Monat hat sie einen wichtigen Meilenstein erreicht: Mehr als 2.500 jüdische Soldaten sind bereits einzeln erfasst; unter Einbeziehung ihrer Familien umfasst der Datensatz rund 3.250 Personen. Insgesamt dienten zwischen den Reformen Josephs II. und dem Ende der Napoleonischen Kriege etwa 35.000 Juden im österreichischen Heer.
„Was als Zufallsfund begann, hat sich zu einem eigenen Forschungsprojekt entwickelt“, sagt Berkovich. Bei der Arbeit an einer Studie zur Habsburger Armee stieß er in Musterlisten erstmals auf jüdische Soldaten: „Nach einigen Monaten habe ich gesehen, dass es viel mehr Fälle gibt als gedacht – und zwar in allen Waffengattungen, auch in Kavallerie und Artillerie, einige sogar in der noch jungen österreichischen Marine.“ Die gesammelten Daten sind nicht nur für die Militärgeschichte von Bedeutung, sondern werfen auch ein neues Licht auf die Geschichte der jüdischen Emanzipation. Die Quellen zeigen, dass jüdische Soldaten im Militär in vieler Hinsicht gleichgestellt waren – lange bevor diese Gleichstellung in der Zivilgesellschaft Realität wurde.
Ein sehr frühes Beispiel ist der Fahneneid: „Es wurde entschieden, dass die Militärdisziplin nicht gespalten werden darf – alle Soldaten sind gleich“, so Berkovich. Juden leisteten daher dieselbe Eid-Formel wie Christen. „Das war sehr radikal. Es bedeutete, dass das Wort eines jüdischen Soldaten rechtlich gleichwertig war – Jahrzehnte bevor das im zivilen Leben der Fall war.“ Während diskriminierende Sonderregelungen wie der sogenannte „Judeneid“ vor Gerichten erst 1846 abgeschafft wurden, galt im Militär bereits seit 1789 formale Gleichheit.
Diese Gleichstellung beschränkte sich nicht nur auf Zeremonien. Ab 1796 wurden fast alle jüdischen Rekruten den Kampftruppen zugeteilt. Ihr Einsatz an der Front widerspricht etablierten kulturellen Stereotypen. Darüber hinaus konnten jüdische Veteranen, wie andere verdiente Soldaten auch, befördert werden. Mit dem Rang eines Unteroffiziers ging Befehlsgewalt einher, einschließlich des Rechts, summarische Körperstrafen zu verhängen, wie Ilya Berkovich auch im "Geschichte Österreichs"-Blog des STANDARD beschreibt. Eine derart direkte Macht eines Juden über Christen war in der zivilen Gesellschaft bis dahin undenkbar.
Neben allgemeinen Trends offenbart die Datenbank auch individuelle Lebensgeschichten dieser „vergessenen Soldaten“. Dazu gehören auch erstaunliche Fälle wie etwa der aus Russland stammende Söldner Nathan Leibowitz (1777-1810). Dieser Soldat geriet regelmäßig in Schlägereien mit seinen Vorgesetzten. Jedoch aufgrund seiner tapferen Haltung verziehen ihm seine Offiziere immer wieder. Schließlich wurde Nathan im April 1809 im Krieg verletzt und starb später in einem Feldspital während einer Typhusepidemie – nur eine von tausenden Biografien, die nun erstmals dokumentiert sind.
Warum dieses Kapitel der Geschichte so lange unbeachtet blieb, ist für Berkovich eine zentrale Frage: „Diese Militärerfahrung hat fast jede jüdische Familie betroffen – und trotzdem ist sie aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.“ Selbst im spät 19. Jahrhundert hätten viele Nachfahren ehemaliger Soldaten ihre eigene Familiengeschichte nicht mehr gekannt.
Mit der neuen Datenbank wird dieses verlorene Wissen nun wieder zugänglich. Sie ermöglicht nicht nur individuelle Spurensuchen, sondern auch statistische Auswertungen zur sozialen Integration, Mobilität und Lebensrealität der Juden in der Habsburgermonarchie.
Ilya Berkovich ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes. Sein Artikel The Adaptation of the Habsburg Army Oath for Jewish Soldiers: The Precedent of the Prague Infantry Volunteer David Koschler (1789) erhält den renommierten Vandervort Prize.
Ilya Berkovich, Jewish Soldiers of the Habsburg Army (1788-1820) [Datenbank], Version 4, Zenodo (18. März 2026), DOI: 10.5281/zenodo.13787515.