Vampirjäger, Pocken und Impfskepsis: Zeitreise in die Aufklärung
21.07.2026
Im ÖAW-Podcast “Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit” reisen Wissenschaftler:innen in die Vergangenheit und lüften Mythen und Missverständnisse von der Steinzeit bis ins 19. Jahrhundert. Die Aufklärung war selbst eine Zeit des “myth-busting” und auch der niederländische Arzt Gerard van Swieten hatte sich dem Kampf gegen den Aberglauben verschrieben.
"Abhandlung des Daseyns der Gespenster"
Gerard van Swieten ist vor allem als Leibarzt von Regentin Maria Theresia bekannt, wird aber immer wieder auch als Vampirjäger bezeichnet. Was hat es denn damit auf sich?
Daniela Angetter-Pfeiffer: Der Vampirismus war schon im frühen 18. Jahrhundert ganz massiv verbreitet, vor allem im südlichen Teil der Habsburgermonarchie. Man hat damals beobachtet, dass Personen, nachdem sie verstorben waren, noch Nägel und Haare wachsen oder dass vielleicht noch Wunden bluten. Es hat auch Gebiete gegeben, wo offensichtlich Infektionskrankheiten grassierten, weil mehrere Personen relativ knapp hintereinander verstorben sind. Man dachte, dass dort ein Vampir herrscht und diese Personen ihr Unwesen als Gespenster treiben. Maria Theresia ist das Ganze dann zu bunt geworden, nachdem die Bevölkerung zur Selbstjustiz gegriffen hat und diese Leichen gepfählt und ihnen die Köpfe abgeschlagen hat. Sie hat van Swieten beauftragt, eine Stellungnahme zu schreiben, in der er sich sehr kritisch mit diesem Vampirismus auseinandergesetzt hat. Er hat beschrieben, das hänge mit Temperatur, Klima und Bodenbeschaffenheit zusammen und habe nichts mit Gespenstern zu tun hat.
Wenn er sich nicht gerade mit Vampiren beschäftigt hat: Welche Aufgaben hatte van Swieten noch?
Angetter-Pfeiffer: Van Swieten hatte eine Menge zu tun, denn er war nicht nur kaiserlicher Leibarzt, sondern war vor allem auch für das gesamte Medizinalwesen verantwortlich. Alles, was mit Medizin zu tun hatte, ging über seinen Schreibtisch und musste von ihm freigegeben, bestimmt und reformiert werden. Es war zum Beispiel üblich, dass, es mehr oder weniger ein öffentliches Schauspiel war, wenn eine Herrscherin ein Kind bekam und der gesamte Hofstab dabei zuschaute. Van Swieten hat dem ein Ende gesetzt. Das hat natürlich zu einem Aufruhr am Wiener Hof geführt, aber da war er rigoros.
Wie stand es denn um die hygienischen Bedingungen und die medizinische Versorgung im Wien dieser Zeit?
Angetter-Pfeiffer: Wien bestand damals aus dem Gebiet innerhalb der Stadtmauern, also grob des heutigen ersten Bezirks. Dort lebten damals schon rund 250.000 bis 270.000 Menschen, die auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Die Trinkwasserqualität war schlecht. Die Menschen haben eher verdünntes Bier oder verdünnten Wein getrunken. Die Gefahr von Infektionskrankheiten war sehr groß.
Reformator des Gesundheitswesens
Wie hat van Swieten diese Situation verbessert?
Angetter-Pfeiffer: Van Swieten hat zunächst eine umfassende Reform in der universitären Ausbildung durchgesetzt. Er hat Präparatesammlungen aus Leiden mitgebracht, woraus dann auch das erste anatomische Museum in Wien begründet wurde. Er hat einen pharmazeutischen Garten anlegen lassen, was auch ein Gewinn für die pharmazeutische Ausbildung war und hat vor allem darauf bestanden, dass er viel selbst unterrichtet. Er hat auch dafür gesorgt, dass die Chirurgie, die lange Zeit ein Handwerk war, ein wissenschaftliches Fach wird und an der Universität gelehrt werden muss, wie die innere Medizin.
Wenn van Swieten ins Heute reisen würde, was würde er über unsere Zeit denken?
Angetter-Pfeiffer: Ich glaube, er wäre schon fasziniert, wie weit die Medizin gekommen ist und was heute alles möglich ist. Aber er würde sich in mancher Hinsicht wahrscheinlich in seine Zeit zurückversetzt fühlen. Impfskepsis war auch damals ein heißes Thema. Er würde wahrscheinlich so wie damals auch heute dagegen ankämpfen und versuchen, der Bevölkerung klarzumachen, welche Vorteile Impfungen haben.
Auf einen Blick
Daniela Angetter-Pfeiffer ist Medizinhistorikerin am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Dort ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungseinheit DH Forschung & Infrastruktur. Sie ist Autorin der Bücher “Pandemie sei Dank. Was Seuchen in Österreich bewegten” (Amalthea), “Als die Dummheit die Forschung erschlug. Die schwierige Erfolgsgeschichte der österreichischen Medizin” (Amalthea), “Rausch, Gift und Heilung. Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen” (Amalthea) und “Bekämpft und verboten – Frauen in der Medizin” (Amalthea, ab 27.8.2026).