Unabhängig von der Qualifikation: Elternkarenz wird fast nur von Frauen genutzt
11.02.2026
Was passiert mit Karrieren, wenn das erste Kind kommt? Wie unterscheiden sich Erwerbsverläufe von Müttern und Vätern nach der Geburt? Und welche Rolle spielen dabei gemessene Kompetenzen? Umfassende Befunde zum Arbeitsmarktverhalten österreichischer Eltern rund um die Geburt des ersten Kindes liefern Forscher:innen des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Die Analyse stützt sich auf eine neuartige Verknüpfung österreichischer Registerdaten, darunter Geburtenregister und tägliche Erwerbsverläufe zwischen 2009 und 2022, mit standardisierten Kompetenztests aus dem OECD-Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC). Die Stichprobe umfasst 5.130 in Österreich lebende Personen der Geburtsjahrgänge 1942 bis 1997. Die Ergebnisse sind jetzt im Fachjournal Comparative Population Studies veröffentlicht.
Rund 416 Tage bleiben die Mütter in bezahlter Karenz, nur neun die Väter
Durchschnittlich 416 Tage nehmen Mütter nach der ersten Geburt bezahlte Elternkarenz in Anspruch, während Väter lediglich neun Tage zu Hause bleiben. Viele Mütter bleiben über die Dauer der bezahlten Karenz hinaus zu Hause. Diese Unterschiede bestehen unabhängig davon, ob Eltern über hohe oder niedrige berufliche Kompetenzen verfügen. Zwar kommen hoch qualifizierte Frauen etwas schneller in den Arbeitsmarkt zurück als geringer qualifizierte, doch auch für sie ist Elternschaft meist mit langen Erwerbsunterbrechungen und einem Wiedereinstieg in Teilzeit verbunden.
„Geringer qualifizierte Mütter bleiben besonders lange außerhalb des Arbeitsmarkts, während hoch qualifizierte Mütter häufiger Bildungskarenz nutzten und ihre Erwerbsabwesenheit damit verlängern“, fasst Ko-Autorin und ÖAW-Demographin Sonja Spitzer zusammen.
Für Väter hingegen bleibt der Übergang zur Elternschaft weitgehend ohne arbeitsmarktliche Konsequenzen. Kompetenzunterschiede spielen bei ihnen nur eine geringe Rolle, und auch hoch qualifizierte Männer nehmen Elternkarenz nur selten in Anspruch. Die beobachteten Muster zeigen sich konsistent über verschiedene soziale Gruppen hinweg, unabhängig von Bildungsniveau, Migrationshintergrund oder Wohnort.
Traditionelle Arbeitsteilung verfestigt sich
Großzügige Karenzregelungen bieten finanzielle Absicherung und Flexibilität, können aber zugleich traditionelle Arbeitsteilungen verfestigen. „Oft wird vorgeschlagen, die Folgen des demographischen Wandels und den Fachkräftemangel über eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen zu lösen – dabei wird jedoch übersehen, dass großzügige Karenzregelungen allein nicht ausreichen, solange gesellschaftliche Normen Mütter für lange Zeit aus dem Beruf drängen. Wir müssen über eine Neuverteilung von Care-Arbeit, über Väterbeteiligung und über frühkindliche Betreuung sprechen“, sagt Studienleiterin und ÖAW-Forscherin Claudia Reiter.
Auf einen Blick
Publikation
„When Gender Trumps Skills: Employment Trajectories of Austrian Parents After Their First Birth“, Claudia Reiter, Sonja Spitzer, Comparative Population Studies ‒ Demographic Trends Around the Globe, Vol. 51 (2026): 1-22.
DOI: https://doi.org/10.12765/CPoS-2026-01
