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Ende eines TraumsUS-Politik

Trump vs. Harvard: Ein Auslandsstudierender erzählt

Harvard darf keine internationalen Studierenden mehr aufnehmen. Das hat das US-Heimatschutzministerium verfügt. Wie geht es den Betroffenen? Und was bedeutet Trumps Kampf gegen die Universitäten für ihre Zukunft? Das erzählt Niklas Piringer, der in Harvard seinen Master absolviert.

10.06.2025
Eine Person mit Absolventenhut steht vor einer Gruppe mit US-amerikanischer Flagge
Kehren Auslandsstudierende den Unis in den USA den Rücken? Viele überlegen zumindest, anderswo zu studieren.
© AdobeStock

Harvard, die älteste und wohl auch renommierteste Universität der USA, steht derzeit im Fokus von US-Präsident Donald Trump. Dieser hat sich den Kampf gegen die Universitäten auf die Fahnen geschrieben. Nach der Columbia University, der 400 Millionen Euro an Bundesmitteln gestrichen wurden, ist aktuell Harvard dran. Auch der in Cambridge, Massachussets beheimateten Universität wurden bereits öffentliche Gelder verweigert. Kürzlich wurde der nächste Schritt von Heimatschutzministerin Kristi Noem bekannt gegeben: Die US-Regierung entzieht Harvard die Genehmigung, internationale Studierende aufzunehmen.

Das betrifft laut New York Times rund 6.800 Menschen oder etwa 27 Prozent der Studierenden in Harvard. Einer davon ist Niklas Piringer. Der Absolvent der London School of Economics (LSE) studiert in Harvard Internationale Entwicklung in einem Masterstudiengang. Er macht im Gespräch deutlich, was für ihn und seine Kommiliton:innen auf dem Spiel steht: „Für viele stünde damit die Verwirklichung eines Lebenstraums vor dem Aus.“

Wie ist die Stimmung an der Universität Harvard im Vergleich zu vor einem halben Jahr?

Niklas Piringer: Die Stimmung hat sich spürbar verschlechtert. Noch zur US-Wahl gab es große Watch-Partys mit vollen Hörsälen – trotz Enttäuschung über das Ergebnis auf Seiten der Demokraten, die zugegeben die Mehrheit unter den Harvard-Studierenden stellen, war damals viel Hoffnung spürbar. Inzwischen fühlen sich viele internationale Studierende persönlich angegriffen, teils sogar in ihrer Existenz bedroht. Das betrifft nicht nur finanzielle Unsicherheit, sondern vor allem das Gefühl, aufgrund der Herkunft unerwünscht zu sein.

Was studieren Sie? Ist Ihre Studienrichtung betroffen?

Piringer: Ich studiere International Development (mit Fokus auf Entwicklungsökonomie) im Master – vermutlich das internationalste Programm von Harvard mit rund 87 % internationalen Studierenden und angesiedelt an der ebenfalls sehr internationalen Kennedy School. Dort sind etwa 60 % nicht-US-amerikanisch. Direkt betroffen sind wir bisher durch einen universitätsweiten Einstellungsstopp für Forschungspraktika. Mittel- und langfristig rechnen wir aber mit einem dramatischen Rückgang an Jobmöglichkeiten in unserem Feld, nicht zuletzt durch Kürzungen bei USAID und zunehmender Ablehnung von Entwicklungszusammenarbeit als solcher.

Was würde ein Ausschluss internationaler Studierender bedeuten?

Piringer: Das würde rund 90 % meines Jahrgangs treffen – alle haben ihre Karriere pausiert. Das Durchschnittsalter im Studiengang ist 29 Jahre, und die meisten haben sehr hohe Posten verlassen, um hier zu studieren, sich verschuldet und sind aus aller Welt angereist. Für viele stünde damit die Verwirklichung eines Lebenstraums vor dem Aus.

Wie kommuniziert die Universitätsleitung?

Piringer: Die Kommunikation ist insgesamt solide, aber reaktiv. Informationen kommen oft erst nach getroffenen Entscheidungen. Aufmunternde oder strategisch beruhigende Nachrichten sind selten, aber es gibt sie doch. Die Unsicherheit betrifft jedoch auch die Universitätsleitung selbst – niemand weiß derzeit, wie es konkret weitergeht.

Denken Studierende über Alternativen außerhalb der USA nach?

Piringer: Definitiv. Viele überlegen, ihre Karrierepläne anderswo hin zu verlagern – konkrete Schritte gibt es jedoch kaum, da sich die Lage täglich verändert und die USA für viele weiterhin ein attraktiver Arbeitsstandort sind.

Könnte Europa von der Situation profitieren?

Piringer: Kurzfristig kaum. Gerade im Bereich Ökonomie/Entwicklungsökonomie ist die internationale Forschung stark von US-Institutionen abhängig. Auch in anderen Feldern basieren viele europäische Forschungsprojekte auf Kooperationen mit amerikanischen Partnern. Ein Bruch würde beiden Seiten schaden.

Europäische Programme für gefährdete Studierende - ist das Wording „sicherer Hafen“ passend?

Piringer: Ich habe von solchen Initiativen gehört. Den Begriff „sicherer Hafen“ finde ich grundsätzlich passend – solange er nicht den Eindruck vermittelt, man sei in den USA nicht mehr physisch sicher, sondern er sich auf akademische und aufenthaltsrechtliche Sicherheit bezieht. Aber für besonders wichtig halte ich persönlich das genaue Wording nicht. Viele Studierende sind noch nicht dazu bereit, tatsächlich das Studium anderswo hinzuverlagern, insbesondere nicht in meinem Bereich. Dennoch kenne ich einzelne, die sich bewusst für Angebote etwa in Oxford und gegen Harvard entschieden haben – und die Unsicherheit rund um das Visum spielte dabei ausdrücklich eine Rolle.

Was würde es für Sie persönlich bedeuten, Harvard verlassen zu müssen?

Piringer: Für mich wäre das das abrupte Ende eines lang gehegten Traums – eine Tür, die sich endlich geöffnet hatte, würde plötzlich wieder zuschlagen. Und das würde nicht nur mich betreffen: Fast alle meiner Kolleg:innen kommen aus Ländern, in denen ein Studium im Ausland selten ist und vor allem Harvard ein weit entfernter Traum ist. Für sie wäre es ein noch viel härterer Einschnitt.

 

Auf einen Blick

Niklas Piringer studierte an der London School of Economics (LSE) in London. Er war u.a. Analyst bei dem Unternehmens- und Strategieberatungsunternehmen McKinsey in London und Nairobi und arbeitete bei der EU-Kommission. Seit vergangenem Jahr studiert er an der Harvard University.

 

Niklas Piringer