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100 Tage TrumpWissenschaftspolitik

Trumps Feldzug gegen die Wissenschaft

Harvard trotzt als erste Universität der Trump-Regierung und verteidigt ihre akademische Freiheit – trotz Milliarden-Drohung. Doch wie reagieren andere Hochschulen im Land? Und wie kann grenzüberschreitende Solidarität jetzt helfen?

29.04.2025
Foto von einer gegossenen Statue eines auf einem Stuhl sitzenden John Harvards vor einem historischen Gebäude der Harvard University
Gründungsvater John Harvard wacht vor der Harvard University. Die nach ihm benannte, private US-Eliteuniversität bietet der Trump-Regierung Paroli.
© AdobeStock

Von nächtlichen Redeverboten über gestrichene Visa bis hin zu politisch motivierter Angstmache – die Situation an US-Hochschulen ist dramatisch. Als erste Universität stellt sich die renommierte Harvard University offen gegen die Einschüchterungsversuche der Trump-Regierung und verteidigt ihre akademische Unabhängigkeit.

Während andere Hochschulen bereits einlenken, weigert sich Harvard, politische Einflussnahme auf Lehre, Forschung und Personal zu akzeptieren – trotz der Drohung der US-Administration, Milliarden an Fördergeldern einzufrieren. Dank ihres Stiftungsvermögens kann sich die Privatuni diesen Widerstand leisten. Doch was bewegt die übrige US-amerikanische Wissenschaftscommunity in dieser angespannten Lage? Wir haben Christoph Irmscher, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Forscher an der Indiana University Bloomington, um Einblicke gebeten.

Er berichtet von einer tiefgreifenden Verunsicherung an den Hochschulen: „Was ich heute sage, ist vielleicht nächste Woche nicht mehr gültig.“ Die Lage ist geprägt von Gesetzesänderungen, Drohungen und Repressionen – langfristige Planung wird unmöglich.

Studierende unter Druck

Besonders hart trifft es internationale Studierende. Bundesweit seien rund 1.700 Visa ohne Vorwarnung gestrichen worden – die Betroffenen erfuhren häufig erst über eine Datenbank, dass ihr Aufenthalt plötzlich als illegal gilt. Gründe? „Das kann ein Strafzettel sein – oder politischer Aktivismus“, so Irmscher.

Aber auch US-amerikanische Studierende verlieren zunehmend den Boden unter den Füßen. Viele hätten auf Karrieren im öffentlichen Dienst hingearbeitet, etwa in Umweltbehörden oder im Außenministerium. Doch diese Perspektiven verschwinden. Sicherheitsüberprüfungen werden ohne Begründung verweigert, berufliche Wege abrupt blockiert, weil Stellen gestrichen werden. „Das ist eine weitreichende Verunsicherung.“

Ein besonders drastisches Beispiel: die „Expressive Activity Policy“ an Irmschers Universität. Zwischen 23 Uhr und 6 Uhr sind geplante öffentliche Meinungsäußerungen untersagt – ursprünglich gegen stille Mahnwachen gerichtet, wurde die Regelung gelockert, um spontane Feiern nach Sportveranstaltungen zu erlauben. Protestierende Professor:innen erhalten Vermerke in ihren Personalakten. Die pauschale Behauptung, Hochschulen seien zu links oder gar „radikalisiert“, weist Irmscher entschieden zurück. Im Unialltag gehe es nach seiner Erfahrung nicht um Ideologie, sondern um solide Wissensvermittlung.

Politischer Feldzug gegen Universitäten

Ein weiteres Ziel der Regierung sei die angedrohte Abschaffung der Steuerfreiheit für Universitäten – mit potenziell verheerenden Folgen für die Spendenkultur. „Förderer geben nur Geld, wenn es steuerlich absetzbar ist“, sagt Irmscher. Reiche Privathochschulen könnten das vielleicht kompensieren, staatliche Universitäten jedoch wären massiv gefährdet.

Irmscher kritisiert auch die mangelnde Solidarität innerhalb der Hochschullandschaft. Statt kollektivem Widerstand versuche jede Institution, für sich selbst akzeptable Bedingungen zu sichern. „Es fehlt an Zusammenhalt. Die Regierung ist uns mehrere Schritte voraus.“ Auch die gezielte Bedrohung einzelner Universitäten wie Harvard oder Columbia sei Teil einer politischen Strategie: „Es geht darum, ein Klima der Angst zu schaffen.“ Die ultimative Drohung: der Entzug des Rechts, internationale Studierende aufzunehmen – für viele Universitäten wäre das existenzbedrohend.

Appell an die internationale Wissenschaft

Gerade jetzt sei es entscheidend, den wissenschaftlichen Austausch mit den USA nicht aufzugeben – auch wenn persönliche Begegnungen schwieriger würden. Besonders gefährdet sieht Irmscher Programme wie Fulbright, die zunehmend ins Visier politischer Einflussnahme geraten. Dabei seien sie „essenziell für den internationalen Austausch“.

Er ruft europäische Wissenschaftsinstitutionen – etwa Akademien oder Förderorganisationen – dazu auf, gezielt amerikanische Kolleg:innen einzuladen und damit ein Zeichen zu setzen. „Vielleicht einfach mal die Initiative ergreifen, jemanden einladen. Und sagen: Das ist wichtig.“ Es gehe dabei nicht nur um Solidarität, sondern auch um die Bewahrung wissenschaftlicher Standards, für die die USA über Jahrzehnte standen: „Über Jahre hinweg galt die amerikanische Universitätslandschaft als die High Water Mark, das war der Standard.“

Darüber hinaus appelliert Irmscher an europäische Wissenschaftspolitiker:innen, den Dialog mit den USA nicht aufzugeben. Auf lokaler wie nationaler Ebene solle man weiterhin aktiv den Austausch mit amerikanischen Partnern suchen – und klar signalisieren, „dass es wichtig ist, diese Kanäle offen zu halten“. Ein Beispiel für gelungene Solidarität ist für ihn: die Österreichische Akademie der Wissenschaften. „Die Akademie war da beispielhaft“, sagt Irmscher.

Österreich: Offen für Forschende aus den USA

„Ich halte es für moralisch gerechtfertigt, Kollegen, die jetzt nicht mehr forschen können oder behindert werden, eine neue Möglichkeit in Österreich zu geben“, sagt auch ÖAW-Präsident Heinz Faßmann. Und Ulrike Diebold, Vizepräsidentin der ÖAW, die selbst lange in den USA geforscht hat, ergänzt: „Ich bin überzeugt, dass Österreich sehr gute Chancen hat in diesem neuen Wettkampf um die besten Köpfe.“ Aktuell bemüht sich die ÖAW daher, ein gesondertes Programm aufzusetzen, bei dem Personen – vielleicht auch rückkehrbereite Österreicher:innen – eine Möglichkeit erhalten, nach Österreich zu kommen.