Huthis: Zwischen Loyalität zum Iran und Interessen in Palästina
15.04.2026
Das Rote Meer ist eine zentrale Schlagader des Welthandels: Fast 15 Prozent des gesamten globalen Seehandels gehen durch diese Meerenge, die über den Suezkanal Europa und Asien miteinander verbindet. Wer das Rote Meer kontrolliert, hat die Hand am Puls der Weltwirtschaft. Das wissen die Huthis im Jemen, der Schlüsselstelle am Eingang zum Roten Meer, genau. Im aktuellen Krieg der USA und Israels gegen den Iran haben sich die Verbündeten Teherans bisher auffällig zurückgehalten. Neueste Entwicklungen in der Straße von Hormus sowie in den Verhandlungen über ein mögliches Ende des Kriegs, rücken ihre Rolle nun aber neuerlich in den Fokus.
Treten die Huthis in den Krieg ein, kann der Iran indirekt gleich zwei neuralgische Stellen des globalen Handels, die Straße von Hormus und das Rote Meer, stilllegen - was die Weltwirtschaft endgültig in eine tiefe Krise stürzen würde. Wie realistisch ist eine weitere Eskalation und welche Rolle spielen derzeit die Huthis, die sich als unabhängige Kraft inszenieren, aber gleichzeitig Teil der iranischen „Achse des Widerstands“ sind? Über die Folgen für Energiepreise, Lebensmittelversorgung und die geopolitische Balance im Nahen Osten, spricht Jemen-Experte Alexander Weissenburger vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Machtverhältnisse im Nahen Osten
Die Huthis stellen sich militärisch auf die Seite des am 28. Februar von den USA und Israel angegriffenen Iran. Welche Auswirkungen hat dieses Engagement auf die Stabilität im Jemen und die Machtverhältnisse im Nahen Osten?
Alexander Weissenburger: Bis jetzt hat die Huthi-Bewegung eher zurückhaltend in den Konflikt eingegriffen. Einen großen Zusammenhang mit der Stabilität in den von den Huthis gehaltenen Gebieten sehe ich hier nicht unbedingt, auch wenn davon auszugehen ist, dass die Angriffe auf Israel in weiten Teilen der Bevölkerung eher positiv aufgenommen werden. In der Propaganda der Bewegung und in den arabischen Medien spielt der Krieg im Libanon eine bedeutendere Rolle als in den heimischen Nachrichten.
Für die Stabilität im Jemen ist konkret eher der Konflikt zwischen den Kräften des von Saudi-Arabien unterstützten Präsidialrates der Republik Jemen und denen des Südlichen Übergangsrates, der von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wird, von Belang. Im Zuge einer gescheiterten Offensive Ende 2025 konnte der Übergangsrat seine Kontrolle über weite Gebiete im Süden und Osten des Landes kurzfristig ausbauen. Daraufhin flog Saudi-Arabien Luftangriffe gegen den Übergangsrat und die Vereinigten Arabischen Emirate zogen ihre Truppen ab. Wie es hier weitergeht, scheint derzeit unklar. Die Huthis jedenfalls sitzen weiterhin fest im Sattel.
Israel im Fokus der Huthis
Wie realistisch ist die Gefahr einer weiteren Eskalation durch die Huthis? Und welche Rolle spielen dabei ihre Beziehungen zu Saudi-Arabien und anderen regionalen Akteuren?
Weissenburger: Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Bewegung die Situation einseitig eskalieren lässt. Sollte sich die Lage jedoch weiter zuspitzen, ist es wahrscheinlich, dass die Huthis stärker in den Konflikt eingreifen. Hier ist allerdings zu erwarten, dass sie zunächst ihre Angriffe auf Israel ausweiten würden, bevor sie den Schiffsverkehr im Roten Meer behindern würden. Eine einseitige Eskalation durch die Bewegung, geschweige denn eine erneute Behinderung der Schifffahrt – der Verkehr wurde schließlich zwischen 2023 und 2025 nicht vollständig blockiert – würde starke internationale Reaktionen hervorrufen. Die Huthis sind trotz ihrer erneuten Einstufung als internationale Terrororganisation durch die Trump-Administration um internationale Legitimität bemüht und wollen als vertrauenswürdiger Partner und weniger als disruptiver Akteur wahrgenommen werden.
Der Kampf gegen Israel und die Vereinigten Staaten als Speerspitze westlicher imperialistischer Ambitionen steht seit Beginn der Bewegung im Zentrum ihrer politischen Ambitionen.
Tatsächlich dürfte man sich auf saudischer Seite zumindest mittelfristig mit einem von den Huthis geführten Gebiet im Nordwestjemen abgefunden haben, solange dieses stabil bleibt und die eigenen Interessen nicht gefährdet werden. Gerade Saudi-Arabien und Ägypten, das massiv an den Gebühren für das Befahren des Suezkanals verdient, würden durch eine erneute Krise im Roten Meer jedoch gravierende wirtschaftliche Verluste hinnehmen müssen. Das gilt auch für Israel, wo der Betrieb im Hafen von Eilat, dem einzigen Zugang des Landes zum Roten Meer, im Rahmen der letzten Blockade der Huthi-Bewegung beinahe zum Erliegen kam. Aus diesem Grund dürfte Israel Ende 2025 Somaliland anerkannt haben. Von einer Militärbasis am Horn von Afrika aus könnte Israel einfacher gegen die Huthi-Bewegung vorgehen.
Loyalität zu Palästinensern
Warum betonen die Huthis, für die palästinensischen Gebiete und nicht für den Iran zu kämpfen?
Weissenburger: Die Huthi-Bewegung entstand Anfang der 2000er Jahre im Norden Jemens. Neben zahlreichen lokalspezifischen Faktoren spielte dabei auch die internationale politische Lage eine Rolle. Die Hisbollah feierte den Abzug Israels aus dem Südlibanon als ihren militärischen Sieg und der Oslo-Friedensprozess scheiterte. Kurze Zeit später brachten Satellitenfernsehsender Bilder der zweiten palästinensischen Intifada sowie den Beginn des amerikanischen „Kriegs gegen den Terrorismus“ in die Wohnzimmer des Nordjemens. Der Kampf gegen Israel und die Vereinigten Staaten als Speerspitze westlicher imperialistischer Ambitionen steht somit seit Beginn der Bewegung im Zentrum ihrer politischen Ambitionen.
Gleichzeitig wurde den Huthis, die der kleinen schiitischen Konfession der Zayditen angehören, seit ihren Anfängen unterstellt, iranische Handlanger zu sein. Während man den Iran und vor allem Ayatollah Khomeini immer als Vorbild sah, beharrte die Bewegung darauf, nicht zur 12er-Schia zu gehören, und war stets bemüht, als eigenständiger Akteur wahrgenommen zu werden. In dieser Hinsicht war es vorteilhafter, auf die in der nahöstlichen Bevölkerung mehr oder weniger universelle starke Anteilnahme an der Situation der Palästinenser:innen zu setzen, als auf die eigenen Verbindungen zu einem auch im Nahen Osten sehr kontroversiellen Regime.
Die Verbindung zum Iran
Wie unabhängig sind die Huthis vom Iran, angesichts ihrer eigenen Waffenproduktion und technischen Fähigkeiten?
Weissenburger: Diese Frage wird sowohl in der Wissenschaft als auch in den Medien kontrovers diskutiert. Die meisten Analysten und Wissenschaftler, die sich näher mit der Bewegung befasst haben, gehen allerdings davon aus, dass der iranische Einfluss häufig überschätzt wird. Ein starkes Engagement des Iran im Jemen kann erst ab der Machtübernahme der Huthis 2014 attestiert werden. Der Iran unterstützt die Huthi-Bewegung mit Waffen, Waffenkomponenten, Know-how und vermutlich auch mit Geld. Inwieweit dies dem Iran allerdings Kontrolle über die Bewegung gibt, ist unklar – auch vor dem Hintergrund, dass über die internen Entscheidungsfindungsprozesse der Bewegung so gut wie nichts bekannt ist.
Der Iran unterstützt die Huthi-Bewegung mit Waffen, Waffenkomponenten, Know-how und vermutlich auch mit Geld.
Die Bewegung übernahm 2014 den Staatsapparat inklusive Teilen des Militärs und herrscht seither über mehr als 20 Millionen Menschen in einem Gebiet, das in etwa so groß wie Österreich ist. Es handelt sich also nicht um eine kleine, archaische Bewegung, als die sie oft dargestellt wird, sondern um einen der bedeutendsten islamistischen Akteure der Gegenwart. Als solcher stellt die Bewegung auch ihre eigenen Waffen her und ist in regionale Netzwerke des Waffenhandels eingebunden, die über den Iran hinausreichen. Dadurch sinkt ihre Abhängigkeit vom Iran. Dennoch ist die Bewegung am weiteren Bestehen der „Achse des Widerstands” interessiert, zumal sie sich ausrechnen kann, dass sie im Falle einer weiteren Schwächung ihres weltanschaulichen und militärischen Bündnisses selbst über kurz oder lang ins Fadenkreuz geraten könnte.
Auf einen Blick
Alexander Weissenburger forscht am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und arbeitet dort an seiner Dissertation zur Ideologie der Huthis im Jemen. Er absolvierte einen MLitt in Middle East, Caucasus and Central Asian Security Studies (Universität St Andrews) sowie einen MA in Islamwissenschaft (Universität Wien) und lehrt an der Universität Wien.
