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Krieg in der UkraineGeschichte & Politik

Steht Russlands Wirtschaft vor dem Zusammenbruch?

Hohe Inflation, explodierende Militärausgaben, schrumpfendes Wachstum: Russlands Wirtschaft zeigt unter dem Druck von Krieg und Sanktionen deutliche Risse. ÖAW-Historiker und Osteuropa-Experte Wolfgang Mueller analysiert, wo der Kreml tatsächlich verwundbar ist – und was ihn bisher am Laufen hält.

16.06.2026
Russische Industrieanlage vor einem Sonnenuntergang
Die russische Wirtschaft hat Probleme - nicht zuletzt, weil sie im Visier ukrainischer Angriffe steht.
© AdobeStock

Mehr als vier Jahre nach dem Angriff auf die Ukraine gerät Russlands Wirtschaft unter zunehmenden Druck: Die westlichen Sanktionen wirken – wenn auch langsam. Während Moskau seine Militärausgaben auf rund die Hälfte des Staatshaushalts hochgeschraubt hat, kämpft die russische Wirtschaft mit Inflation, Personalmangel und wachsenden Finanzierungsproblemen. Drohnenangriffe der Ukraine treffen immer öfter die russische Energieinfrastruktur und erzeugen so massive ökonomische Schäden bis weit ins Hinterland.

Wie stabil ist Russlands Kriegswirtschaft wirklich noch - und welche Faktoren könnten das System zum Kippen bringen? Darüber spricht Wolfgang Mueller, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor für Russische Geschichte am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien.

Die Lage der russischen Wirtschaft

Seit Putins Angriff auf die Ukraine 2022, steht Russland unter massivem Sanktionsdruck. Welche strukturellen Schäden sind inzwischen messbar?

Wolfgang Mueller: Trotz Geheimhaltung vieler Daten ist klar, dass Kriegsfolgen und westliche Sanktionen die russische Wirtschaft sehr stark belasten. Die Militärausgaben lagen 2025 laut Bundesnachrichtendienst bei rund der Hälfte des Budgets und etwa 10 Prozent des BIP. Der Verlust von etwa 2 Millionen Menschen – Tote, Verwundete, ins Ausland Geflüchtete – führt zu Personalmangel in der Armee und Wirtschaft. Aufgrund der Sanktionen ist Russland vom westlichen Kapitalmarkt abgeschnitten und leidet an Finanzierungsschwierigkeiten. Infolge der Inflation von fünf bis 15 Prozent melden über 30 Prozent der Bevölkerung Schwierigkeiten beim Kauf der nötigen Lebensmittel.

Das kriegswirtschaftlich getriebene Wachstum ist inzwischen auf 0,4 Prozent eingebrochen.

Aufgrund des Leitzinses von 14 bis 21 Prozent sind Privat- und Kleinunternehmerkredite, aber auch der Staatsschuldendienst sehr teuer. Inflationsbedingt sind die traditionell für mindestens ein Viertel der Staatseinnahmen verantwortlichen Einnahmen aus dem Energieexport deutlich zurückgegangen. Bevor der US-Angriff auf den Iran zu einem Preisanstieg und einer temporären Suspendierung der US-Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil führte, lagen die russischen Öleinnahmen im Jänner 2026 um 50 Prozent unter dem Vergleichsmonat im Vorjahr. Hinzu kommt die politisch motivierte temporäre Abschaltung des Internets, die aber auch viele Unternehmen behindert.

Das kriegswirtschaftlich getriebene Wachstum ist inzwischen auf 0,4 Prozent eingebrochen. Aufgrund explodierender Kriegskosten stellte Finanzminister Anton Siluanow im Februar massive Einsparungen außerhalb des Militärbudgets in Aussicht. Oligarchen sollen zu Spenden in Milliardenhöhe vergattert worden sein. Medien berichten vom Notverkauf von über 50 Prozent der Goldreserven des Nationalfonds, die Höchstsätze bei Einkommens- und Mehrwertsteuer wurden auf 22 Prozent angehoben.

In der Gretchenfrage, wie lange Russland den Krieg finanzieren kann, sind die Einschätzungen geteilt.

Und wo hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen als erwartet?

Mueller: Die Widerstandsfähigkeit, aber auch Findigkeit der russischen Wirtschaft zeigt sich, indem der Zusammenbruch bisher ausgeblieben ist, westliche Importe substituiert oder über Drittstaaten importiert, russische Exporte umgeleitet wurden. In der Gretchenfrage, wie lange Russland den Krieg finanzieren kann, sind die Einschätzungen geteilt. Generell wirken Sanktionen langsam, wenn sie nicht von allen Staaten getragen werden und es sich um eine so große Volkswirtschaft handelt.

China, Indien & Co. schwächen Sanktionen

Welche Rolle spielen China, Indien und die sogenannten Umgehungsländer dabei, die Sanktionen de facto zu unterlaufen?

Mueller: Die genannten Staaten erfüllen für Russland drei wichtige Funktionen, um die Wirkung westlicher Wirtschaftssanktionen abzuschwächen: Erstens sind die Volksrepublik China, Indien und die Türkei Hauptabnehmer russischen Rohöls und federn den Ausfall Europas als Abnehmer russischen Gases ab. Aber sie zahlen niedrigere Preise und haben 2025 den Bezug aus Russland stark reduziert und erst 2026 wieder gesteigert. Zweitens haben sich Länder wie Kasachstan, China, Türkei, Armenien, Kirgisistan und andere zu Zwischenhändlern westlicher Technologie entwickelt. Drittens lieferten und liefern einzelne Staaten essenzielle Investitions-, Konsum-, aber auch Rüstungsgüter nach Russland wie etwa China Technologie und Autos, der Iran Drohnen und Nordkorea Granaten. Die russischen Hoffnungen auf chinesisches Kapital dürften die Panda-Anleihen 2025 hingegen nicht erfüllt haben.

Sorgen im Kreml

Die Inflation, der Ölpreis, der Ukrainekrieg – welcher Faktor bereitet dem Kreml derzeit am meisten Sorgen?

Mueller: Sorgen bereitet wohl das Gesamtbild. Ein aktuelles Papier des International Institute of Strategic Studies kommt zur Einschätzung, der Krieg sei in seiner jetzigen Form für Russland unhaltbar, und verweist dabei auf die Kombination aus Personal- und Kapitalmangel. Russland leidet seit Invasionsbeginn an Personalmangel im Feld, wie man am Scheitern der Angriffsoperation, an der Rekrutierung der Wagner-Söldner, tschetschenischen, nordkoreanischen, afrikanischen Hilfstruppen und auch russischen Zeitsoldaten erkennt. Die Teilmobilisierung 2022 hat zur Auswanderung etwa einer Dreiviertelmillion geführt. Die Rekrutierung von Zeitsoldaten ist aber kostspielig und stößt an ihre Grenzen, da die Verluste mittlerweile den Zuwachs übersteigen. Die Zeitsoldaten verschärfen auch das Finanzproblem. Hier schlägt der inflationsbedingt hohe Zinssatz zu Buche, weshalb Russland trotz niedrigerer Schuldenquote höhere Zinszahlungen leisten muss als Deutschland.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung nimmt zu.

Ab welchem Punkt könnte die wachsende Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung zu einer politischen Gefahr für Putin werden?

Mueller: Die Unzufriedenheit der Bevölkerung nimmt zu. Wenn sich zu wenige Zeitsoldaten melden und wenn die Eliten zur Überzeugung gelangen, dass der derzeitige Weg in den Graben führt, kann dies relevant für die russische Kriegführung und, wenn sich hier nichts ändert, für die politische Stabilität werden.

Ukraine am Weg in die Zukunft

Wie verändert der ukrainische Drohnenkrieg die strategische Logik des Konflikts?

Mueller: Im militärischen Bereich ist es der Ukraine mithilfe von Drohnen gelungen, die russischen Attacken im Zaum zu halten, den Nachschub auf russisch besetztem Gebiet zu stören, die russische Kriegsmarine zu dezimieren. Darüber hinaus sind spektakuläre Schläge im Hinterland gegen russische Luftwaffenbasen gelungen. Im militärisch relevanten wirtschaftlichen Bereich trifft die ukrainische Drohnenkampagne primär die russländische Erdölwirtschaft. Im April/Mai sank die Dieselproduktion um je zehn Prozent. Zudem war Russland gezwungen, den Export von Kerosin zu stoppen. In vielen Regionen Russlands herrscht Benzinmangel. Dazu kommt der psychologische Effekt auf die russische Bevölkerung, aber auch die Führung, wie er etwa anlässlich der Maiparade in Moskau sichtbar wurde.  

Zuerst muss die Ukraine den Krieg überstehen, um im Wiederaufbau und Frieden ihr innovatives Potenzial zu entfalten.

Die Kriegswirtschaft der Ukraine scheint in einigen Bereichen hochgradig innovativ zu sein, mehrere Länder Europas und des Nahen Ostens zeigen inzwischen großes Interesse an der industriellen Zusammenarbeit. Könnte die Ukraine am Ende sogar aus dem Krieg gestärkt hervorgehen?

Mueller: Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Zweifellos ist die ukrainische Armee heute enorm innovativ, in der Drohnentechnologie und anderen Bereichen, zweifellos haben der Selbstverteidigungswille und die Innovationskraft der Ukrainer:innen bisher das Überleben erkämpft; mit westlichen Waffen, Krediten und Informationen, aber mit eigener Kraft und Innovation. Zuerst muss die Ukraine den Krieg überstehen, um im Wiederaufbau und Frieden ihr innovatives Potenzial zu entfalten. Aber dazu bedarf es bisher noch der ununterbrochenen Wachsamkeit und des täglichen Kampfes, um das Land und seine Menschen zu verteidigen und um zu überleben.

 

 

Zur Person

Wolfgang Mueller ist Professor für Russische Geschichte an der Universität Wien und Lehrbeauftragter an der Diplomatischen Akademie Wien. Er ist Mitglied der ÖAW, der Österreichisch-Russischen und der Österreichisch-Ukrainischen Historischen Kommission, der Wissenschaftskommission beim Bundesministerium für Landesverteidigung und mehrerer wissenschaftlicher Beiräte.